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Lustreisen-SkandalInterner Bericht enthüllt Details der Ergo-Affäre

Mit großem Ehrgeiz hat der Versicherungsriese Ergo seine Lustreisen-Affäre aufgearbeitet. Lange blieb der Revisionsbericht der Öffentlichkeit verschlossen. Exklusiv zeigt das Handelsblatt nun seine brisantesten Inhalte.Sönke Iwersen 14.08.2012 - 14:39 Uhr Artikel anhören

Dort fand einst die Sex-Party der Ergo-Tochter Hamburg-Mannheimer statt.

Foto: dpa

Düsseldorf. Die Konzernrevision der Ergo-Versicherung hat ganze Arbeit geleistet: Die Spezialisten sichteten 300 Gigabyte an Daten, werteten Zehntausende E-Mails aus, fast 100 Personen wurden befragt. 27 Revisionsangestellte arbeiteten sich durch 28 Archivkartons, prüften Tagungsprotokolle, Handy- und Spesenrechnungen.

Der Auftrag: Die interne Aufklärung einer Affäre, die das Handelsblatt am 19. Mai 2011 unter der Überschrift "Herr Kaiser auf Lustreise" öffentlich gemacht hatte. Der Artikel beschrieb, wie die Ergo-Tochter Hamburg-Mannheimer im Juni 2007 die historische Gellert-Therme als Belohnung für ihre besten freien Vertreter in Budapest in ein Freiluft-Bordell verwandelt hatte. 20 Prostituierte wurden eingeladen, mit farbigen Armbändern gekennzeichnet, und nach jedem Liebesdienst am Unterarm abgestempelt.

Die Aufklärung war intensiv, teils schmerzlich und in manchen Punkten unergiebig. Maßgebliche Akteure hatten die Versicherung schon vor Bekanntwerden der Lustreise verlassen - die Reise spielte dabei aber keine Rolle. Und ausgerechnet der Mann, der im Vertrieb kurz nach der Budapest-Orgie die Verantwortung übernahm, behielt sein Wissen um den ungeheuerlichen Vorgang jahrelang für sich. Sein Name: Ludger Griese.

Griese übernahm die Führung des Vertriebs im Juli 2007. Ausweislich des Revisionsberichtes wusste er spätestens seit Dezember 2007 von der Buchung von Prostituierten. Doch obwohl dies nach heutiger Ergo-Darstellung einen schweren Verstoß gegen die Verhaltensrichtlinien darstellte, ergriff er jahrelang keine disziplinarischen Maßnahmen.

Ergo: Chronik eines Skandals
Das Handelsblatt berichtet über die Sex-Reise der Hamburg-Mannheimer (HM) nach Budapest. Die Ergo-Sprecherin Alexandra Klemme räumte daraufhin ein: "Es ist richtig, dass es im Juni 2007 eine Incentive-Reise des HMI-Vertriebs nach Budapest gegeben hat. Unsere Recherchen haben ergeben, dass bei einer Abendveranstaltung im Rahmen dieser Reise ca. 20 Prostituierte anwesend waren. Von öffentlichen Sexdarbietungen ist uns nichts bekannt."
Ergo richtet eine Task-Force zur Aufklärung der Vorgänge ein. Sie wächst im Laufe der kommenden Wochen auf mehr als 100 Mitarbeiter an.
Die "Bild am Sonntag" zeigt Bilder und ein Video von vermeintlich koksenden Versicherungsvertretern der Hamburg-Mannheimer.
Die Ergo erklärt: "Die Berichterstattung in der "Bild"-Zeitung, wonach Handelsvertreter der Hamburg-Mannheimer auf sogenannten Top-5-Reisen Kokain konsumiert hätten, ist unwahr. Die von der "Bild"-Zeitung veröffentlichten Fotos zeigen ein Trinkspiel mit Salz, Tequila und Zitronensaft. Dazu gehört das Einschnupfen von Salz durch die Nase."
Fußballtrainer Jürgen Klopp lässt seinen Werbevertrag mit Ergo (HMI) ruhen. "Was man von dieser Reise liest, kann man nur aufs Schärfste verurteilen", sagt sein Berater Marc Kosicke.
Ergo gibt bekannt, seine Werbekampagne, die allein im Jahr 2010 mehr als 50 Millionen Euro kostete, zu reduzieren.
Auf Youtube taucht eine Parodie auf die jüngste Ergo-Werbekampagne auf. Der Spot wurde bislang fast 200 000-mal angeklickt - vier mal so oft wie das Original.
Die "Welt am Sonntag" berichtet, Ergo habe die Sex-Reise von der Steuer abgesetzt.
Fußballtrainer Jürgen Klopp kündigt seinen Vertrag mit Ergo (HMI).
Der Ergo-Aufsichtsrat tagt und beschließt härtere Compliance-Richtlinien.
Das "Handelsblatt" berichtet, Ergo habe Tausenden von Kunden mit fehlerhaften Riester-Verträgen einen Millionenschaden zugefügt.
Ergo dementiert das Handelsblatt. Ergo-Sprecher Alexander Becker: "Ein systematischer Fehler hätte sicherlich zu massiven Kundenbeschwerden im Anschluss an die Aushändigung der Policen geführt. Diese sind aber nicht erfolgt. Wir gehen deswegen davon aus, dass es sich um Einzelfälle handelt."
Ergo nimmt das Dementi zurück, löscht die morgendliche Presseerklärung aus dem Netz und gibt zu, dass es bei den Riester-Verträgen einen massiven Fehler gegeben habe.
Ergo-Aufsichtsratschef und Vorstandsvorsitzender der Muttergesellschaft Munich Re, Nikolaus von Bomhard, spricht von einem "gravierenden Fehler" und kündigt an, Munich Re werden bei der Aufklärung helfen.
Ergo beziffert die Zahl der geschädigten Kunden auf 14000. Sie sollen jetzt nachträglich entschädigt werden.

Den Ergo-Vorstand informierte Griese erst auf Nachfrage im Juni 2010. Doch auch der Vorstandsvorsitzende Torsten Oletzky, der nun erstmals von der Lustreise hörte, arbeitete den Vorgang zunächst nicht auf. Er fragte nach, ob sichergestellt sei, dass eine solche Reise nicht erneut geschehen könnte. Dies wurde bejaht. Oletzky war dies fürs Erste genug. Die Revision schaltete er erst ein, als die Lustreise in der Zeitung stand.

Der Bericht der Konzernrevision wurde am 3. Juni 2011 fertiggestellt, blieb aber unveröffentlicht. Das Handelsblatt zeigt nun exklusiv seine wichtigsten Passagen.

Das Logo der Versicherungsgruppe ERGO vor der Unternehmenszentrale in Düsseldorf.

Foto: dapd

Die Kundenfragen, die Ergo-Antworten. Ein Auszug.
Das ,Handelsblatt‘ plante für den folgenden Tag eine Story über eine Party mit Prostituierten im Jahr 2007 in der Gellért-Th erme in Budapest, organisiert von der Führung der Vertriebsorganisation HMI. Anfangs konnte ich kaum glauben, dass so etwas in unserem Unternehmen möglich sei. Im Laufe der Prüfungen kamen wir allerdings zum Schluss, dass es sich in großen Teilen so abgespielt hatte, wie es in dem Artikel dargestellt war. [...] Wenn ein unzureichendes internes Kontrollsystem auf Personen trifft, die eine solche Idee unterstützen, lassen sich solche Auswüchse kaum verhindern. Ich bin sicher: Hätte nicht jemand ein Interesse daran gehabt, das Th ema in die Medien zu bringen, wüssten wir heute noch nicht, was auf dieser Reise passiert ist.“ - Bruno Viggen, seit 2005 Leiter der Konzernrevision.
„Am 3. Juni 2011 übergaben wir unseren Bericht. Die Folgen waren weitreichend: Es wurde ein umfangreiches Maßnahmenpaket beschlossen, das verhindern soll, dass so etwas noch einmal passiert. Die beiden Organisatoren arbeiten heute nicht mehr im Unternehmen. Der eine hatte uns schon vorher verlassen, der andere wurde im Zuge der Ermittlungen freigestellt.“ - Bruno Viggen, Leiter Konzernrevision.
„Bei ERGO kümmert sich eine Vielzahl von Mitarbeitern darum, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Eine kleine Auswahl: Anti-Fraud-Experten in der internen Revision. Juristen, die auf die Einhaltung des Verhaltenskodex und der Richtlinien einschließlich des Wertpapierhandelsgesetzes achten. Eine Einheit für Kartellrecht, eine für Datenschutz. Ein Geldwäschebeauftragter und ein externer Ombudsmann,die bei Verdachtsfällen von Mitarbeitern und Außendienstpartnern – auch anonym – eingeschaltet werden können.“ - Holger Schmelzer, Leiter Recht der ERGO.
„Wir kümmern uns um beides. Mit vollem Bewusstsein. [...] ERGO hat Eigentümer und muss deren Interessen und die einiger anderer Interessengruppen berücksichtigen. Für ERGO gilt aber ebenso: Langfristig gibt es keine Rendite ohne zufriedene Kunden, ohne gute Produkte, ohne guten Service.“
„Das Prinzip bei jeder Versicherung ist, dass die Kunden erst einen Beitrag zahlen und später eine Leistung erhalten. Die Anforderungen an die Kapitalanlage sind je nach Bereich unterschiedlich. In der Lebensversicherung müssen wir garantieren, dass die Mittel für Leistungen, die wir einmal vertraglich zugesagt haben, unter allen Umständen auch erwirtschaftet werden. In der Krankenversicherung müssen wir die laufenden Krankheitskosten zahlen und Rücklagen für die Gesundheitsleistungen im Alter bilden. Bei den anderen (Unfall, Auto, Haftpflicht und so weiter) spielt Vorsorge keine so große Rolle. Hier muss die Kapitalanlage Risiken vermeiden, um den Bestand des Unternehmens zu sichern. Für alle gilt: Wir legen langfristig und sehr vorsichtig an.“ - Dr. Daniel von Borries, Mitglied des Vorstands der ERGO Versicherungsgruppe und verantwortlich für Finanzen.
„Wir hatten Ende 2010 und in der ersten Jahreshälfte 2011 tatsächlich einige Schwierigkeiten mit unserer telefonischen Erreichbarkeit. ERGO steckte in einer Phase der Reorganisation, es kam eine neue Technologie zum Einsatz. Weil wir 2010 Gesellschaften umbenannt und Bestände auf neue Gesellschaften übertragen haben, mussten wir verschiedene Verträge und Systeme miteinander harmonisieren. Es kam für uns sehr viel gleichzeitig. Das war anstrengend. Für uns und für unsere Kunden. Bei denen wir uns an dieser Stelle entschuldigen und für deren Verständnis wir danken.“
Stellen Sie sich vor, Sie würden mit einem Mikrofon in der Mitte eines ausverkauften Fußballstadions stehen und dort Ihre Versicherungsdaten preisgeben. Oder jemand würde Sie vor all diesen Menschen persönlich beschimpfen. Eher keine schöne Situation. Auf Facebook sind mehr als 800 Millionen Nutzer angemeldet. Und jeder dieser Nutzer kann alle Inhalte der ERGO Facebook-Seite einsehen. [...] Es gibt Grenzen, und die hat ERGO in einer Facebook-Netiquette für jeden Nutzer einsehbar formuliert. Wenn sich Nutzer etwa rassistisch, diskriminierend oder beleidigend äußern, werden wir diese Beiträge aus Rücksicht auf andere verbergen.“ - Dirk Schallhorn, verantwortlich für E-Marketing bei ERGO.
„Ich glaube nicht, dass das mit Absicht geschah. Vieles ist historisch gewachsen. Kürzlich habe ich mir Versicherungsbedingungen aus den fünfziger Jahren angeschaut – die waren äußerst knapp gehalten. Doch dann ist das irgendwie gewuchert. Hier noch ein bisschen dran und da noch etwas eingeschlossen, aber mit Ausnahme von soundso…“ - Joachim Fensch, Leiter der Kundenbetreuung von ERGO.
„Unser Team von 60 erfahrenen Soforthelfern steht bundesweit bereit, um vor Ort zu helfen – von der Beauftragung der Handwerker bis zur Abwicklung der Schadenmeldung.“
„Der Einfall für die Werkstatt kam uns im Rahmen der Arbeit am Th ema ,Feedback‘. Die Idee war, Produkte und Texte direkt mit Kunden zu testen und auszuprobieren und Meinungen vor der offi ziellen Einführung einzuholen. Sprich: am Kunden entwickeln und nicht nachher korrigieren. Schnell fanden wir in den Mitarbeitern der Klartext-Initiative Verbündete. Salopp gesagt ist die Werkstatt ein Marktplatz für Fragen – von ERGO Mitarbeitern an Kunden. Der Vorteil ist, dass wir hier Schnelligkeit und Nähe zu den Meinungen unserer Kunden gewinnen.“ - Stefan Laufer, er ist Senior Consultant in der Firma, die die Kundenwerkstatt für ERGO entwickelte.
„Wir zahlen unseren Vertriebspartnern Provisionen, damit sie Kunden vor Vertragsabschluss beraten. Das ist oft mit großem Zeitaufwand verbunden, denn es gilt alle Versicherungsfragen zu klären. Unsere Vertriebspartner stehen ihren Kunden auch nach Vertragsabschluss mit Rat und Tat zur Seite. Deshalb zahlen wir nicht nur Provisionen, wenn der Vertrag abgeschlossen wird, sondern auch während der Laufzeit des Vertrags, um die laufende Betreuung zu honorieren. Weil Provisionen das Einkommen unserer Außendienstpartner sichern, ermöglichen sie es übrigens auch, dass sich Kunden unverbindlich beraten lassen können.“ - Markus Bernhard, Leiter der Vertriebssteuerungder ERGO-Gruppe.
„Die Klartext-Initiative ist mittlerweile fest im Leistungsservice etabliert und wirkt sich auf alle Arbeitsbereiche aus. Alle Mitarbeiter hier sind viel sensibler geworden. Ich arbeite seit 23Jahren bei der DKV – klare und verständliche Kommunikation gewinnt auch für mich immer mehr an Bedeutung.“ - Elke Spelge, Abteilung Leistungsservice DKV

Wer sich fragt, wie es bei einer so renommierten Versicherung wie der Ergo-Versicherung überhaupt dazu kommen konnte, zur Motivation von Handelsvertretern eine Orgie zu organisieren, findet in dem Bericht Annäherungen. Die Revision zitiert zwei langjährige Mitarbeiter:

Beide gaben übereinstimmend an, sie hätten ebenfalls davon gehört, dass im Rahmen von Führungsseminaren der HMI am Zürichsee in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre Prostituierte eingeflogen worden seien. Die Kosten seien über die Position „Helikopterrundflüge“ angerechnet worden. (Ergo-Konzernrevision, Fachbericht Seite 21)

Offenbar gab es also eine Nähe von käuflichem Sex und besonders verkaufskräftigen Vertriebsvertretern. Hier spricht der Revisionsbericht der Ergo an vielen Stellen Bände.

Am 7. November 2006 tagte die Generalskonferenz, das Führungs- und Entscheidungsgremium der HMI. Die Teilnehmer waren von der Idee einer neuartigen Incentive-Reise für wichtige Vertriebsmitarbeiter begeistert. Die Vertreter, die zwischen November 2006 und April 2007 die meisten neuen Verträge abschließen würden, sollten die Belohnung erhalten. Ihr Titel: „Party Total“.

Es wurde vorgeschlagen, das Event mit 100 Personen durchzuführen. Sofern nicht ausreichend qualifizierte Gewinner vorhanden sind, sollte das Kontingent mit Geschäftsstellen- und Stützpunktleitern aufgefüllt werden. (Ergo-Konzernrevision, Fachbericht Seite 5)

Anfang 2007 nahm die „Party Total“ Konturen an. Der Strukturvertriebsleiter D., Generalrepräsentant P. und Direktionsrepräsentant D. brachen zur „ersten Check-Reise“ auf. In Budapest trafen die drei die Agentur EMEC, vertreten durch Geschäftsführer A. Der war in der Hamburg-Mannheimer gut bekannt - er arbeitete in der Vertriebsstruktur von D. Dieser hatte offenbar noch andere Kontakte:

Bei dieser Reise soll es auch ein Treffen mit einer Ex-Freundin von D. in Budapest gegeben haben, die Zoltan K. kannte. K. war in 2007 Betreiber einer Open-Air-Disco in Budapest und verfügte über gute Kontakte ins Budapester Rotlichtmilieu. (Ergo-Konzernrevision, Fachbericht Seite 8)

Eigentlich motiviert die Mitarbeiterzeitung die Beschäftigten der Munich Re-Tochter Hamburg Mannheimer mit anderen Themen. Das Cover der Ausgabe vom Juli 2007, in der über die Lustreise berichtet wird, stellt das Thema Vertrauen in den Fokus.

Foto: Handelsblatt

Doch diesmal hatten die Macher der Unternehmenspostille mehr zu tun, als über Vertrauen und Qualität zu berichten. „Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht“, hieß es in der entsprechenden Ausgabe. "Oder aber, sie sind so abgefahren, so sagenhaft und unbeschreiblich, dass es sie beinahe gar nicht geben dürfte.“

Foto: Handelsblatt

Von einer Reise nach Budapest wurde dort geschwärmt: "Damit kann nichts und niemand mithalten, und genau darum ist es ja auch so wunderbar, ein HMI-Freak zu sein." (Die Gesichter hat Handelsblatt Online unkenntlich gemacht)

Foto: Handelsblatt

Die Reise führte Herrn Kaisers Truppe in die historische Gellert-Therme der ungarischen Hauptstadt. Wo sich die Städter bereits im 13. Jahrhundert entspannten, finden heute so genannte "Wassernächte" statt.

Foto: Handelsblatt

Für die HMI-Mitarbeiter sollte es in Budapest "Party total" sein (Ausriss aus der Mitarbeiterzeitung).

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Auf der Abendveranstaltung in den Gellertthermen sollen bis zu hundert Prostituierte gewesen sein. Das Unternehmen spricht dagegen von etwa zwanzig.

Den Mitarbeitern zufolge "kamen die Damen und zeigten uns, was sie zu bieten hatten." Sogar von mit Tüchern verhängten Himmelbetten, die rechts und links der Quellen aufgestellt waren, berichteten die Mitarbeiter.

(Anm. der Redaktion: Die Aufnahme zeigt eine "Wassernacht")

Foto: Handelsblatt

Wer kein Bett abbekam, wich auf den Pool aus. Die Mitarbeiterzeitung schrieb später süffisant: "Wer diesmal seine Badehose vergessen hatte, der hatte selbst Schuld." Ein Skandal.

Foto: Handelsblatt

Eine Sexaffäre, die Konzernmutter Munich Re zur Unzeit trifft.

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Gerade erst hatte sie eine umfangreiche Werbekampagne für die Ergo-Versicherungsgruppe gestartet, in der die Hamburg Mannheimer 2010 aufging.

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Torsten Oletzky, Ergo-Vorstandsvorsitzender wusste von den Vorfällen, unternahm aber monatelang nicht.

Foto: dpa

Für die Veranstaltung im Gellert-Bad sollte die Musikgruppe „Soul Kitchen“ aus München engagiert werden, für das leibliche Wohl der Teilnehmer der Fernsehkoch Stefan Marquard. Weil die „Party Total“ so wichtig war, wurde sie gleich doppelt getestet.

Im Rahmen der „zweiten Check-Reise“ wurde entschieden, dass A. für die geplante Party-Veranstaltung im Gellert-Bad „ausreichend Mädels“ besorgen solle. Er engagierte daraufhin rund 60 bis 70 Damen für den Abend, davon 20 Prostituierte und weitere 40 bis 50 Hostessen. (Ergo-Konzernrevision, Fachbericht Seite 9)

Je näher die Reise rückte, desto aufgeregter wurde der Vertrieb. Geschäftsstellenleiter stachelten ihre Mannschaft mit vielsagenden Andeutungen über die Veranstaltung in der Gellert-Therme zu Höchstleistungen an. Einzelne allerdings waren von dem Vorhaben abgeschreckt.

In den Telefoninterviews haben zwei befragte Geschäftsstellenleiter aus der Struktur R. erläutert, dass sie im Vorfeld Gerüchte gehört haben, nach denen eine Anwesenheit von Prostituierten auf der HMI-Party in Budapest geplant sei. Die fünf Gewinner aus diesen beiden Geschäftsstellen haben daraufhin ihre Teilnahme abgesagt. (Ergo-Konzernrevision, Fachbericht Seite 5)

Nachdem sich die Vertriebsführung darauf geeinigt hatte, ihren eigenen freien Vertreter A. mit der Durchführung der Budapest-Reise zu beauftragen, schickte A., im Hauptberuf Geschäftsführer der EMEC GmbH, ein einseitiges Angebot in Form einer Excel-Tabelle.

D. hat die Agentur EMEC GmbH mit der Beschaffung von externen Dienstleistungen über ein Gesamtvolumen von mehr als 300 000 Euro beauftragt, ohne dass eine schriftliche Vertragsgrundlage, die kaufmännische und juristisch relevante Bedingungen beinhaltet, bestand. (Ergo-Konzernrevision, Fachbericht Seite 8)

Trotzdem wurden die Rechnungen anstandslos bezahlt - sogar die doppelten. Erst nachdem die Konzernrevision sich wegen des Pressewirbels 2011 intensiver mit der Veranstaltung beschäftigt hatte, merkte Ergo, dass HMI-Vertriebsmitarbeiter und EMEC-Geschäftsführer A. die 35 674,70 Euro für die Flugtickets nach Budapest zweimal in Rechnung gestellt hatte - und Ergo zweimal bezahlt hatte. Denn dieser organisierte nicht nur die Budapest-Reise. Seit 2007 zahlte ihm die HMI für diverse Veranstaltungen insgesamt 1,3 Millionen Euro aus. Laut Ergo wurden aber nur in Budapest Prostituierte engagiert.

Die Ergo-Revision hat penibel alle skandalösen Vorgänge aufgelistet.

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Blick in das Gellert-Bad im ungarischen Budapest. Hier nahm die Affäre ihren Anfang.

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Am 4. Juni 2007 war die Vertriebsführung am Ziel ihrer Träume: Budapest.

Gegen 18:00 Uhr begann die Veranstaltung mit einem Empfang im Spoon (Schiff auf der Donau). Nach bestätigten Aussagen von sieben Teilnehmern ist an dem Schiff eine Barkasse mit barbusigen Hostessen vorbeigefahren. Diese sollen ein Schild mit der Aufschrift „We love HMI“ hochgehalten haben.

Bei diesem Empfang soll der Vertriebsdirektor eine Ansprache gehalten haben, die laut Auskunft von vier Teilnehmern auch Hinweise auf den Verlauf des weiteren Abends im Gellert-Bad enthielt. Dabei soll er angekündigt haben, dass im Gellert-Bad auch Damen anwesend seien, mit denen man reden müsse“ (Hostessen) und andere, „mit denen man nicht reden bräuchte“ (Prostituierte). Diese seien anhand von farblichen Armgelenk-Bändchen zu erkennen. Bei dieser Ansprache soll er die Kennzeichnung der Prostituierten und Hostessen verwechselt haben. (Ergo-Konzernrevision, Fachbericht Seite 10)

Die Verwechslung der Armbänder führte später noch zu reichlich Konfusion. Dass die Vertreter am Eingang ihre Fotoapparate und Mobiltelefone abgeben mussten, erklärt ein Organisator mit Selbstschutz. In der Vergangenheit habe es nach ähnlichen Veranstaltungen später dann Erpressungsversuche unter den Vertriebsmitarbeitern gegeben. „Das Letzte, was wir wollten, war, dass von diesem Abend Videos auf Youtube auftauchten“, sagt einer der Organisatoren.

Für das öffentliche Ansehen des Versicherungskonzerns war die Sex-Reise verheer

Foto: dpa

Laut A. und (Generalvertreter) P. muss Sex während der Party auf dem Gelände des Gellert-Bades stattgefunden haben. A. berichtete, dass sich eine Reinigungskraft beim Aufräumen über die Entsorgung benutzter Präservative beschwert hätte.

Nach Angaben von A. waren alle anwesenden Prostituierten volljährig. Unter den weiblichen Teilnehmerinnen befand sich nach Aussage von (Direktionsrepräsentant) D. auch dessen Ex-Freundin.

Ein in der Berichterstattung erwähnter Frequentierungs-Stempel für die Inanspruchnahme der Prostitutionsdienstleistungen während der Party wurde von drei Teilnehmern bestätigt. D. und P. konnten sich erinnern, dass in der Außenanlage des Gellert-Bades ein Mann über die Frequentierung der Prostituierten Buch geführt haben soll. Aus Sicht der Konzernrevision ist hier keine abschließende Klärung herbeizuführen.

Die Party-Teilnehmer hatten den gesamten Abend die Möglichkeit, die bereitstehenden Stretch-Limousinen für den Transfer in das Hotel zu nutzen. Es gibt Aussagen von sieben Teilnehmern, dass Sex auch im Hotel möglich gewesen sein soll. (Ergo-Konzernrevision, Fachbericht Seite 11 & 12)

Hinter den Kulissen haben die Prüfer lange alle Erkenntnisse ausgewertet - und sie zunächst nicht an die Öffentlichkeit weitergereicht.

Foto: dapd

Die Orgie im Gellert-Bad war der Höhepunkt der Bonusreise, aber nicht ihr Ende. Am Folgetag ging es nach einer Stadtrundfahrt und einer Schifffahrt ins Restaurant Hemingway.

Während des Dinners ist der gebuchte Stehgeiger aufgetreten. Dieser ist nach Angaben von A. der Schwager des Budapester Polizeipräsidenten, der wiederum für die Verlängerung der Sperrstunde von 24:00 Uhr auf 4:00 Uhr morgens für die Außenveranstaltung im Gellert-Bad zuständig war.

Später fuhren einige Reiseteilnehmer (angabengemäß 20 bis 30 Personen) in eine Disco, die von A. als Bordell beschrieben wurde. Laut A. war dieser Besuch nicht Bestandteil des Reiseprogramms und ging auf eigene Kosten der Teilnehmer („Selbstzahler“). D. ging eher davon aus, dass dieses noch Teil der dienstlichen Veranstaltung und somit auf Kosten der HMI lief. (Ergo-Konzernrevision, Fachbericht Seite 12)

Die Lustreise nach Budapest war im Vertrieb ein gewaltiger Erfolg. Der Bericht in der Mitarbeiterzeitung HMI Profil“ im Juli 2007 las sich wie eine Hymne:

Sachen gibt's, die gibt's gar nicht. Oder aber, sie sind so abgefahren, so sagenhaft und unbeschreiblich, dass es sie beinahe gar nicht geben dürfte. Aber seien Sie sicher - es gibt sie eben doch. Und zwar nur hier! Hier in der HMI! ...

Nass sollte es werden. In allen erdenklichen Lebens- und Lachlagen! Ob im Pool, im Bad, innerlich mit jeder Menge Drinks oder nur in den schönsten Träumen - wer diesmal seine Badehose vergessen hatte, der hatte selbst Schuld. Es gab wohl nur zwei Möglichkeiten, diese Scharte wieder auszuwetzen: eine neue kaufen oder einfach drauf verzichten! ...

Aus welchem Blickwinkel auch immer man diese Mega-Fete betrachtete, ein Mordsspaß war es auf alle Fälle. Jedenfalls haben wir bis zu diesem Zeitpunkt noch niemanden gefunden, der dabei war und nicht sofort wieder loslegen möchte.

So wurde Budapest zur Legende, zum größtmöglichen Glück für einen Versicherungsvertreter der Hamburg-Mannheimer. Die Führung beschloss zu Motivationszwecken eine Wiederholung.

Nach Auskünften von Griese und D. gab der damalige HMI-Vertriebsvorstand Dr. Redanz anlässlich einer Lenkungsausschuss-Sitzung des Projekts „Neue HMI“ am 13.12.2007 gegenüber selbstständigen Führungskräften des Strukturvertriebs die Zusage, die „Veranstaltung Budapest 2007“ im Folgejahr wieder durchzuführen. (Ergo-Konzernrevision, Fachbericht Seite 19)

Die neue Reise wäre in der Verantwortung von Ludger Griese erfolgt, der am 1. Juli 2007 als Vertriebschef angetreten war. Doch Griese zögerte.

Griese hat im Nachgang zur Projektsitzung „Neue HMI“ der Organisation einer erneuten Sommerveranstaltung im Jahre 2008 widersprochen. Das heißt, zu diesem Zeitpunkt hatte er Kenntnis über die Veranstaltung in Budapest. Griese hat dazu ausgeführt, dass er nach Kenntnisnahme niemanden denunzieren und gleichzeitig aber für die Zukunft sicherstellen wollte, dass sich Derartiges nicht wiederholt. (Ergo-Konzernrevision, Fachbericht Seite 19)

Doch Griese hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, genauer: die Partyplanung ohne den Vertrieb.

Um eine Wiederholung der Vorfälle zu vermeiden und gleichzeitig eine für Redanz gesichtswahrende Lösung aufzuzeigen, wurde nach Auskunft von Griese und D. in der Wettbewerbsausschreibung neben der Reise auch ein hochwertiges Sachgeschenk in Form eines MacBook Air ausgelobt.

Von den 17 Wettbewerbsgewinnern entschieden sich 15 für das Notebook. Die Generalrepräsentanten Thust und Can K. wählten die Reiseoption und ließen sich laut D. nicht auf den Sachpreis umstimmen. (Ergo-Konzernrevision, Fachbericht Seite 19)

Nun hatte Griese ein Problem. Wolfgang Thust war nicht irgendjemand in der Welt der Hamburg-Mannheimer. Seit 1975 dabei, stand Thusts Vertriebsstruktur nach dessen Angaben zeitweise für 67 Prozent des gesamten Umsatzes der HMI. Thust schrieb das Buch „Geldmaschine Strukturvertrieb“ - eine Art Bibel für die Mitarbeiter der HMI. Auf seiner Internetseite präsentiert sich Thust in allen Lebenslagen - als Gewinner mit Pokal in der Hand, auf seinen Reisen in alle Welt und mit nacktem Oberkörper gemeinsam mit der Werbefigur „Herr Kaiser“ auf einem Motorrad auf dem Highway in Kalifornien. Wolfgang Thust galt in der HMI als Mann, dem man nichts abschlug.

Da eine Sommerparty im ursprünglich vorgesehenen Rahmen mit nur zwei Teilnehmern nicht sinnvoll war, wurde auf Bestreben der Generalrepräsentanten alternativ die Incentive-Reise als sogenannte „Rekrutierungsparty“ auf Ibiza organisiert. Die Reise fand vom 30. Juni bis 2. Juli 2008 statt. (Ergo-Konzernrevision, Fachbericht Seite 19)

Auch diese Reise wurde von der EMEC GmbH durchgeführt, in der HMI-Vertriebsmitarbeiter A. Geschäftsführer war. Sie kostete 29.610,37 Euro.

Am ersten Reisetag wurden Thust und K. am Flughafen empfangen. Der Transfer zum Hotel erfolgte mit einer Hummer-Limousine. Am Abend ging es für beide Herren - wiederum per Hummer-Limousine - zu einer Villa, die extra für die Party angemietet war.

Nach Aussage von A. waren bei der sogenannten „Rekrutierungsparty“ nur Insel-Freunde von Thust und Freunde des Villenbesitzers anwesend, insgesamt 20 bis 25 Personen, davon fünf Frauen. Auskunftsgemäß waren keine Prostituierten anwesend.

Auf Basis der Schilderungen zum Verlauf der Party und der Teilnahme von Thust-Freunden muss davon ausgegangen werden, dass es sich um eine dienstlich organisierte Reise mit überwiegend privatem Charakter handelt. Die Deklaration als „Rekrutierungsparty“ im Gegensatz zur „Incentive-Reise“ ist aus Sicht der Konzernrevision ausschließlich steuerlich motiviert, das heißt zur Reduzierung geldwerter Vorteile der beiden Herren. (Ergo-Konzernrevision, Fachbericht Seite 20)

Nach den Reisen lief zunächst alles wie gewohnt. Dann gab es erste Störfeuer.

Die ersten Andeutungen zu den Vorkommnissen in Budapest, die die Ergo außerhalb der HMI Strukturorganisation erreicht haben, datieren aus Mai 2010. Im Kontext der Rechtsstreitigkeiten der Ergo Leben mit dem Rechtsanwalt Friedrich Cramer, der rund 40 ehemalige Vermittler vertritt, deutete dieser in einem Telefonat mit (Ergo-Chefjustiziar Holger) Schmelzer etwas zu Frauen mit unterschiedlichen Bändchen an, von denen man die einen nur „ansprechen durfte“. (Ergo-Konzernrevision, Managementbericht Seite 4)

Seit Jahren stritt sich die Versicherung mit ehemaligen selbstständigen Vertriebsmitarbeitern um Abfindungen. Es gab unterschiedliche Auffassungen, welches Recht und welche Kalkulation bei der Trennung von Versicherungsvertretern anzuwenden seien, die teilweise mehrere Hundert Millionen Euro Umsatz für die Hamburg-Mannheimer herangeschafft hatten. Rechtsanwalt Cramer hielt das Abfindungsmodell der Ergo für unlogisch und fehlerhaft. Klagen und Gegenklagen wechselten sich ab.

Als die Budapest-Reise und andere Verfehlungen der HMI öffentlich wurden, zeigte Ergo Cramer und zwei weitere Personen im Juni 2011 wegen versuchter Erpressung an. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf stellte ihre Ermittlungen ein Jahr später mangels Tatverdacht ein. Ermittlungen wegen einer zweiten Anzeige, die Ergo im Juli 2011 gegen den ehemaligen Vertriebsvorstand Ulf Redanz und den ehemaligen Vertriebschef gestellt hatte, liefen weiter.

Unbestreitbar bleibt, dass Ergo erst dann ein Unrechtsbewusstsein entwickelte, als die Praktiken in ihrem Vertrieb öffentlich wurden. Im Juni 2010, als Ergo-Chefjustiziar Holger Schmelzer von Rechtsanwalt Cramer auf die Budapest-Reise angesprochen wurde, bat Schmelzer den Vertriebschef Griese um eine Erklärung. Griese wiederum forderte von Strukturvertriebsleiter D., der die Reise organisiert hatte, eine entsprechende Notiz.

Am 2.6.2010 informierte Griese auf Basis der Notiz (Ergo-Vorstand) Vetter ... Am 9.6.2010 informierte Vetter Dr. Oletzky, dass auf einer Wettbewerbsreise der HMI im Jahr 2007 Prostituierte Teil des Programms waren. (Ergo-Konzernrevision, Managementbericht Seite 4)

Nun geschah Seltsames: zunächst nämlich nichts. Die Vorgänge, die von der Konzernrevision 2011 als „schwerwiegend“, als „eklatante Verstöße“ und „krasser Gegensatz zu den Wertvorstellungen des Ergo-Konzerns“ bezeichnet wurden, führten zu keinerlei disziplinarischen Maßnahmen, ja nicht einmal zu einer Nachfrage, was genau denn eigentlich in Budapest passiert war. Hierzu urteilt die Konzernrevision:

Dass diesen Hinweisen nicht unmittelbar und konsequent nachgegangen wurde, insbesondere durch Beauftragung der Konzernrevision, ist rückblickend als Fehler zu bewerten. (Ergo-Konzernrevision, Managementbericht Seite 4)

Oletzky selbst erklärte sein monatelanges Nichtstun in der Affäre in einem Spiegel“-Interview am 23. Mai 2011 so: „Es gab 2010 einen Hinweis der neuen Führung der HMI an den Ergo-Vertriebsvorstand. Dieser hat mich davon in Kenntnis gesetzt. Ich habe dann zwei Fragen gestellt: Ist dafür gesorgt, dass sich so etwas nicht wiederholt, und sind die Verantwortlichen noch im Haus? Die neue HMI-Führung hatte bereits dafür gesorgt, dass sich so etwas nicht wiederholen kann, und die seinerzeit Verantwortlichen hatten uns aus anderen Gründen bereits verlassen.“

Hatte der Vorstandschef recht? Waren die Verantwortlichen für Budapest nicht mehr für die Ergo tätig? Die Konzernrevision kommt zu einem anderen Schluss.

München, 20. April 2011. Auf der Hauptversammlung des Ergo-Mutterkonzerns Munich Re fragte Aktionärsvertreter Professor Leonhard Knoll: „Ist es richtig, dass Top-Vertriebsleute der Hamburg-Mannheimer auf einer Veranstaltung in Budapest 2007 wie Aufsichtsräte von VW versorgt wurden, und zwar mit ,fringe benefits' im rosaroten Bereich?“

Die Frage wurde von Aufsichtsratschef Nikolaus von Bomhard ins Back-Office gegeben - den Raum, in dem Dutzende von Angestellten für einen möglichst reibungslosen Ablauf der Veranstaltung und insbesondere die Beantwortung aller Fragen sorgten. Dort wartete: D. Der Strukturvertriebsleiter war extra nach München geflogen, um mögliche Fragen aus der HMI-Welt zu klären. Als tatsächlich die „rosarote Frage“ auftauchte, gab man sie an D., der sie in Absprache mit der Hamburg-Mannheimer-Zentrale klärte und eine entsprechende Notiz wieder aufs Podium des Aufsichtsratschefs gab.

Dr. von Bomhard antwortet auf Grundlage der von D. vorbereiteten Antwort: „Es ist richtig, dass es vor einigen Jahren eine Incentive-Wettbewerbsreise von Versicherungsvertretern nach Budapest gegeben hat. Nach unseren Recherchen konnte nicht ausgeschlossen werden, dass es hier auch gewisse Exzesse gegeben hat. Die verantwortlichen Führungskräfte sind nicht mehr in der Ergo tätig.“ (Ergo-Konzernrevision, Managementbericht Seite 5)

Nach Angaben der Munich Re wusste von Bomhard nicht, dass seine Antwort von D. vorbereitet worden war. Dabei entbehrt diese Personalie nicht einer gewissen Komik: Ausgerechnet der Mann, der zweimal in Budapest war, um die Reise vorzubereiten, und später die Bezahlung aller Rechnungen - inklusive der für die Prostituierten - veranlasste, gab nun den Einflüsterer. D. sei nicht verantwortlich gewesen, da er auf Anweisung gehandelt habe, heißt es heute bei der Munich Re. D. schied zum 30. Juni 2012 aus.

So bleiben Fragen. Der Bericht der Revision nennt zehn Personen als Initiatoren der Budapest-Reise 2007. Beteiligte mächtige Generalvertreter wurden mit Millionensummen abgefunden. Andere sind weiterhin in ihrer alten Position tätig. P. etwa, der zweimal in Budapest war, um die Reise vorzubereiten, blieb unbehelligt. Auch D., über dessen Ex-Freundin die Kontakte ins ungarische Rotlichtmilieu geknüpft wurden, ist noch im Vertrieb aktiv.

Vorstand Ulf Redanz und der Vertriebschef hatten das Haus vor dem Bekanntwerden der Affäre verlassen. Im Juli 2011 wurden sie von ihrem ehemaligen Arbeitgeber Ergo mit dem Vorwurf der Untreue angezeigt. Der Vertriebschef weist die Vorwürfe auf Anfrage entschieden zurück, Redanz war nicht zu erreichen.

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Die Ermittlungen richten sich inzwischen auch gegen D. - den Mann, der ein Jahr zuvor eine Notiz für den Ergo-Vorstand über die Buchung von Prostituierten geschrieben hatte und diesbezüglich zehn Monate lang nichts mehr hörte. Auf Anfrage sagte D., er könne nichts zu dem Vorwurf sagen, weil er nicht verstehe, wo in diesem Fall die Untreue liegen solle. Da seit Juni 2010 sogar Vorstandschef Oletzky von der Veranstaltung in Budapest wusste und weder er noch die Complianceabteilung seinerzeit die Behörden einschalteten, warte er auf eine Erklärung. In der Arbeitswelt ist D. wegen des Verfahrens bis auf weiteres nicht vermittelbar.

Seinem ehemaligen Chef dagegen geht es gut. Ludger Griese, der seit 2007 von den Exzessen in Budapest wusste und keinerlei erkennbare Aufklärungsmaßnahmen ergriff, segelte durch den schmutzigen Skandal, als wäre er ein Schönwettertörn. Ergo erklärte dazu:

Herrn Griese war vor allem wichtig, dass sich solche Vorfälle in der Zukunft nicht wiederholen konnten ... Für disziplinarische Maßnahmen gegen Herrn Griese gab und gibt es keinen Anlass. (Ergo-Sprecher Alexander Becker)

Im Gegenteil. Griese stieg im April 2010 zum Vorstand der Ergo Lebensversicherung AG auf.

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