Vertriebler packen aus: Auf Kundenjagd für S&K
Schattenriss: Ein Vermittler berichtet aus dem grauen Markt.
Foto: dpaEine Neubausiedlung nicht weit von Köln. Das Haus ist gemietet, die Einrichtung bieder. Am Küchentisch packt ein Finanzvertriebler aus. Er berichtet über Lug und Trug in der Branche, über schnelles Geld und dicke Hose mit wenig drin.
Die Ader am Hals des durchtrainierten Anlagemaklers schwillt bedrohlich an, wenn er an die Zeit denkt, als er noch die geschlossenen Beteiligungen der S&K vertrieben hat. „Das waren schon gute Blender“, sagt der Mann. Als er mit seiner Geschichte anhebt, beginnen seine Hände zu zittern.
S&K steht für einen der größten Anlegerskandale der Nachkriegsgeschichte. Laut Staatsanwaltschaft Frankfurt werden knapp hundert Personen beschuldigt, rund 12.000 Fondsanleger seien betroffen, der Schaden soll bei rund 200 Millionen Euro liegen.
Eine bundesweite Razzia stoppte das Treiben des Skandalunternehmens. Die Ermittlungen wegen „banden- und gewerbsmäßigen Betruges mit Kapitalanlagen, Untreue und weiterer Straftaten“ laufen noch. Laut internen Unterlagen gab es ein Firmengeflecht von 53 Unternehmen mit teils ständig wechselnden Anteilseignern und Managern. Das Organigramm umfasst 210 Positionen.
Der Vermittler mit dem Kurzhaarschnitt ist eine Figur in diesem Krimi. Insgesamt vertrieb der Rheinländer S&K Fonds für 240.000 Euro. Einen Kunden zahlt er jetzt aus der eigenen Tasche aus. Beim ersten Kontakt, so sagt er, wäre er nie darauf gekommen, dass ihm S&K einmal so um die Ohren fliegen würde. „Die Geschäftsführer erschienen mir damals absolut seriös“, sagt er.
Auf einer Veranstaltung in der konzerneigenen Villa in Frankfurt, Kennedyallee 123, stellten sie ihr Projekt vor. Das Versprechen ihres Vortrags vom April 2012: Satte Renditen mit dem Kauf von Immobilien aus Zwangsversteigerungen und große Deals mit institutionellen Investoren, an denen Anleger und Vertriebler kräftig beteiligt werden.
Private Investoren erhielten etwa bei der letzten aufgelegten Beteiligung ein Prozent Rendite pro Monat. Auch die Vertreter machten ein gutes Geschäft. Der Vertrieb der Produkte erfolgte über S&K-Vertriebsgesellschaften, die mit freien Vermittlern und Vertrieben Provisionen und andere Bedingungen individuell aushandelten. Die Vertriebler gingen auf eigenen Faust auf Kundenjagd. Zusätzlich wurde ein Call-Center gegründet, das exklusiv S&K-Fonds vertrieb.
Für die Vermittlung des letzten aufgelegten Fonds auf eigene Faust erzielten die Vertriebler inklusive Ausgabeaufschlag eine Provision von 12 Prozent. Wenn das Call-Center Kontakte lieferte und der Verkäufer einen Abschluss schaffte, blieben ihnen immer noch vier Prozent. Zusätzlich gab es bei bestimmten Zielgrößen im Vertrieb iPhones oder iPads als kleines Dankeschön. Bei anderen Produkten zahlte die Vertriebsorganisation von S&K sogar bis zu 15 Prozent Provision.
Das Call-Center besorgte die Adressen in ruppiger Kaltakquise. Wie der Vertrieb funktionierte zeigt etwa das Beispiel des „Westdeutschen Verbraucherkontors EFL“, das mittlerweile Insolvenz anmeldete. Im Internet berichtet eine Person, die von der S&K-Gesellschaft angerufen wurde: „Das ‚Verbraucherkontor‘ hatte ich zufälligerweise gestern selbst mal an der Strippe. Die recht freundliche Dame wollte meiner Tochter Möglichkeiten aufzeigen, wie man angesichts der mickrigen Bankzinsen gute Erträge erwirtschaften könne. Sie fragte nach einer Lebensversicherung, die man gerne ankaufen würde. Wenn meine Tochter eine LV mit beispielsweise 10.000 Euro Rückkaufswert hätte, könnte ‚Verbraucherkontor‘ diese erwerben und würde sofort 4.000 Euro auszahlen und dann nach 4 Jahren evtl. nochmals 10.000. Klar, dass ich mich auf derartige ‚Geschäfte‘ nicht einließ.“
Ein anderer Telefonkunde erklärt: „Aktuell versucht man geschlossene Immobilienfonds in den Markt zu drücken und argumentiert dabei mit Steuersparen. Die Kontaktaufnahme per Cold Call erinnert sehr an Schrottimmobilienverkäufer, diesmal sind es hochriskante Beteiligungen.“
Der frühere S&K-Vertriebler erklärt die Verkaufsmasche per Telefon so: „Die erzählten den Leuten, dass Lebenpolicen kaum noch Zinsen bringen. Die Vertriebler kämen zu Besuch und würden die Versicherungen im Auftrag der Kunden kündigen. Das Neuinvestment in die Beteiligungen sei dann todsicher und brächte ordentliche Rendite“.
Die so am Telefon zusammengesammelten Daten waren wohl nicht immer erste Qualität. „Das Call-Center arbeitete sehr unprofessionell, viele vereinbarte Termine sind plötzlich ausgefallen, ich musste durchs halbe Land reisen, ohne einen Abschluss“, berichtet der ehemalige S&K-Vermittler. Trotzdem mussten Vertriebler, die ihre Kundentermine ausfallen ließen mit einer Strafe von 250 Euro rechnen. Vertretern, die auf eigene Rechnung ohne Absprache mit S&K auch andere Finanzprodukte vermitteln wollten, drohten laut einer Rahmenvereinbarung „50.000 Euro Vertragsstrafe pro Fall“.
Für die Anleger gleicht die Vertriebsstruktur von S&K einer Blackbox. „Die Vertriebsgesellschaften wurden mehrfach umfirmiert, das Führungspersonal wechselte ständig“, sagt Marc Gericke, Rechtsanwalt der Siegburger Kanzlei Göddecke, die rund hundert S&K-Geschädigte vertritt. „Selbst für Finanzexperten ist die Struktur schwer nachvollziehbar“.
Und der S&K-Spuk ist noch lange nicht vorbei. Ehemalige Führungskräfte von S&K-Unternehmen gründeten nach der Razzia der Staatsanwälte neue Unternehmen und sind immer noch im Geschäft. Ein Nachfolgeunternehmen in Köln firmierte etwa unter der alten Adresse und warb Kunden, die sich von vermeintlich unrentablen Lebensversicherungen und Bausparverträgen trennen möchten. Ein anderes Nachfolgeunternehmen tummelte sich in der Immobilienbranche. Immobilien und gebrauchte Versicherungen und Bausparverträge waren das Kerngeschäft von S&K.
In den Hochzeiten sorgten Hunderte Vertriebler für den Erfolg der Unternehmensgruppe. Vor allem die hohen Provisionen und die eingängige Verkaufsstory machten viele Finanzberater schwach. Das Hauptgeschäft ging wohl über freie Vermittler, die S&K-Produkte über Maklerpools vermittelten. Von der Vertriebsgesellschaft United Investors wurden sie mit vorgefertigten Anschreiben für die Kundschaft versorgt. Die Verkaufsargumente lieferte die Gesellschaft gleich mit. Im Grundbuch besicherte Sachwerte, Inflationsschutz, Sicherheit und überdurchschnittliche Renditen sollten die Kunden locken. Im luxuriösen Ambiente lieferten die S&K-Chefs Überzeugungsarbeit.
Das Ambiente der S&K-Villa in der Kennedyallee in Frankfurt strotzte vor Erfolg und Wohlstand. Auf den Böden: dunkles Holz. An den Decken: edler Stuck. An den Wänden: Ölgemälde der Geschäftsführer. „Unter dem Dach gab es einen Konferenzraum für 30 Leute“, sagt ein Vertriebler, der zwei Verkaufsveranstaltungen von S&K besuchte. „Das die Leute Rolex am Arm und teure Anzüge trugen, ist im Vertrieb nichts Besonderes. Ebenso wenn ein paar Lamborghini vor der Tür stehen“.
Nicht nur Einzelkämpfer wurden so geschult, sondern auch größere Organisationen waren im Geschäft. Das zeigt eine Analyse der Kanzlei Göddecke in Siegburg, die die Unterlagen ihrer Mandanten auswertete. S&K-Produkte gab es laut der Auswertung etwa bei der Finanzprofi AG aus dem Rhein-Main-Gebiet, die nach eigenen Angaben bundesweit 160.000 Mandanten betreut. Das Unternehmen wirbt auf der Internetseite damit, dass es „individuelle Wünsche und Ziele“ bei der Beratung berücksichtigt und ein „individuelles Finanzkonzept, das auf Ihre persönliche Situation abgestimmt ist“ erstellt.
Auch die Wiesbadener Fondsvermittlung 24 soll laut Kanzlei Göddecke S&K Produkte vertrieben haben. Der Internetvermittler hat nach eigenen Angaben 16.000 Kunden und wirbt mit „100 Prozent Rabatt auf den Ausgabeaufschlag“ oder mit dem Slogan: „97 Prozent unserer Kunden würden uns weiterempfehlen.“ Vereinzelt priesen sogar Vertriebstöchter von Sparkassen und Sparda-Banken S&K-Fonds an.
Vielen Vertrieblern von S&K kann man keinen bösen Vorsatz unterstellen. Ein Vertriebler aus dem Bergischen Land bei Köln berichtet: „Die hatten alles, Berichte von Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern, Excel-Listen mit Käufen und Verkäufen, ich war mir sicher, das die seriös sind“. Der Vermittler war Feuer und Flamme und überzeugte sogar seine Eltern 100.000 Euro aus dem Verkauf eines Hauses über ihn zu investieren. „Meine Eltern erfuhren von der Razzia aus der ‚Bild‘-Zeitung im Urlaub in Marokko“.
Der Verlust des Geldes sorgte für eine tiefe Krise in der Familie des Vertrieblers. „Erst nachdem ein Mediator einer Anwaltskanzlei meinen Eltern und Geschwistern belegen konnte, das ich damals nichts von dem Treiben der S&K-Chefs wusste, gab es wieder einen halbwegs normalen Kontakt“. Der Mann plant jetzt den Rückzug aus der Finanzbranche und möchte in Zukunft Gesundheitstherapien vertreiben.
Das so eingesammelte Vermögen wurde wohl zum großen Teil verprasst. Bilder zeigen ausufernde Partys in der S&K-Villa. Gäste bestaunten Autos der Marken Rolls-Royce, Ferrari und Lamborghini. Die Gästeliste der Partys auf dem Anwesen umfasst unter anderen: Jürgen von Big Brother, die S&K-Manager Jonas Köller und Stephan Schäfer sowie zahlreiche leicht bekleidete Damen. Sogar ein lebendiger Elefant wurde bei einer Feier abgelichtet.
In dem Beschluss des Amtsgerichts Frankfurt am Main über den „dinglichen Arrest“ der eine Zwangsvollstreckung in Höhe von 28,2 Millionen Euro bei sieben S&K Unternehmen absichern soll, heißt es: „Die auf diese Weise erlangten Gelder verbrauchten die Beschuldigten Schäfer und Köller im Wesentlichen für eigene Zwecke, insbesondere indem sie einen ausschweifenden und luxuriösen Lebensstil pflegten. Dazu gehörten jährliche Gehaltszahlungen von ca. 6.000.000 Euro alleine am Hauptsitz der S&K-Gruppe, ein Fuhrpark mit zahlreichen hochwertigen Fahrzeugen, teure Uhren im Wert von bis zu 100.000 Euro pro Uhr, ein Box-Spring-Bett für 70.000 Euro, ein Wassertherapiebecken für den Hund des beschuldigten Schäfer für 20.000 Euro, Partys mit zahlreichen gegen Gage auftretenden Prominenten und Prostituierten, teure Reisen und Geschenke und vieles mehr“.
Bei S&K bestehe der Verdacht auf ein betrügerisches Schneeballsystem, steht in dem von einer Richterin unterzeichneten Schreiben. Es gehe um „bandenmäßigen Betrug“, Firmen wurden gekauft, um an Liquidität zu kommen, in Telefonaten soll das „Verschieben“ von Geldern besprochen worden sein. „Eine Trennung zwischen den jeweiligen Gesellschaftervermögen und der eigenen Vermögenssphäre wurde nicht vorgenommen“, heißt es in der Arrestanordnung in das Vermögen. „Vielmehr wurde Geschäftsvermögen systematisch in privat gehaltene Gesellschaften verschoben“. Jonas Köller will sich nicht zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft äußern. Stephan Schäfer war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
Filmaufnahmen zeigen die S&K-Manager bei Partys mit Sportwagen und beim Bad in 500-Euro-Scheinen. In einer Selbstdarstellung beschreibt Köller sein Leben so: „Ich lebe in einer Riesenvilla mit Türmen, Garten, High-Tech-Einrichtung (Kino etc.). In der Garage Lamborghini, Ferrari, Audi A8, Mercedes CL 73. Um den Arm eine 50.000-Euro-Rolex“.
Der Finanz-Jongleur schien damals ziemlich überrascht, wie gut es ihm geht. „Ich habe mehrere Millionen Euro (ca. 100 Millionen) bin überall angesehen, beliebt und respektiert“. Auch für das abendliche Vergnügen sei gesorgt. „Mit Freundin besitze ich übrigens eine sehr angesagte Diskothek in unserer Gegend. Mein Sohn und seine Freunde sind natürlich immer V.I.P-Gäste“.
Der Absturz kam dann abrupt. Nach der Razzia landeten die S&K-Gründer Köller und sein Kompagnon Schäfer in Untersuchungshaft. Mit tragischem Ausgang. Bei einem Fluchtversuch aus dem Frankfurter Landgericht verletzte sich Schäfer schwer. Der mit Handschellen gefesselte Mann habe sich aus einem Fenster im ersten Stock gestürzt, erklärte ein Gerichtssprecher. Lebensgefahr habe nicht bestanden, verlautete aus Justizkreisen. Der vermeintliche Sprung in die Freiheit endete im Krankenhaus.