Versicherungen und Betrugsskandale: 1:0 für Axa gegen Mehmet Göker
Skandalvertriebler Mehmet Göker genehmigt sich eine Zigarre.
Foto: dpaUm hochtrabende Ankündigungen ist Mehmet Göker auch im türkischen Exil nie verlegen. „2015- DEIN JAHR-DEIN LEBEN-DEINE ENTSCHEIDUNG-2015 WIRD DIE FOLGE DEINER TATEN“ verkündete der ehemalige Skandalvertriebler als Motto für sein Jahr. Wie gewohnt in großen Lettern, über Twitter. Große Lettern stehen in der digitalen Kommunikation für schreien.
Weniger lautstark kümmerte sich ein Richter am Oberlandesgericht in Kassel am Dienstag um die Folgen von Gökers Taten. Der Grund für den auf 14 Uhr festgesetzten Gerichtstermin: Europas zweitgrößter Versicherer fordert Geld zurück. 2,6 Millionen soll Göker an die Axa Lebensversicherung überweisen.
„Wir haben schon im Jahr 2010 einen Vollstreckungsbescheid gegen Herrn Göker erstritten“, erklärt ein Sprecher der Axa. Dann folgten gerichtliche Verfahren in erster und zweiter Instanz. Vor dem Prozess gab sich die Axa optimistisch: „Wir gehen davon aus, unsere Ansprüche gegen Herrn Göker realisieren zu können“, sagt der Sprecher.
Wie begründet die Axa ihre Ansprüche gegen Göker? Im Jahre 2008, kurz vor der Pleite des Skandalvertriebes MEG, zahlte die Axa nach Handelsblatt-Informationen noch 3,1 Millionen Euro an Provisionsvorschüssen. Weil Göker der Versicherung im Jahr 2009, kurz vor seiner Insolvenz, noch Neukunden brachte, darf er aus Sicht der Axa-Anwälte einen Teil des Vorschusses behalten.
Aber nur einen Teil. Denn einige Kunden haben ihre Verträge prompt storniert. Diese Provisionen aus dem sogenannten Courtagehaftungsanspruch forderte die Axa Leben jetzt wieder zurück. Unter dem Strich bleibt ein Saldo von 2,6 Millionen Euro.
Die Axa hat erzielte nach einem Mahnverfahren einen Vollstreckungsbescheid gegen Göker. In der Vorinstanz bestätigte das Landgericht Kassel aber lediglich 1,3 Millionen Euro. Die Axa ging in Berufung und das Oberlandesgericht Kassel bestätigte den vollen Anspruch von 2,6 Millionen Euro, wie ein Gerichtssprecher Handelsblatt Online bestätigte (Az 14 U 132/12).
Göker war vor Gericht aber nicht anwesend, sein Anwalt auch nicht. Göker kann gegen das Versäumnisurteil Einspruch erheben. Wenn die Zustellung des Urteils erfolgte und Göker keinen Widerspruch erheben würde, kann die Axa einen Gerichtsvollzieher losschicken.
Das wäre vor allem für Werte in Deutschland interessant. Das Gros von Gökers Vermögenswerten dürfte aber im Ausland liegen. Eine Vollstreckung wäre kompliziert, Deutschland hat mit verschiedenen Ländern unterschiedliche Vollstreckungsvereinbarungen ausgehandelt.
Die Axa ist nicht der einzige Versicherer, der Göker mit Vorabprovisionen umgarnte. Ob weitere Klagen anhängig sind, ist offen. Mehmet Göker selbst war zu einer Stellungnahme nicht erreichbar. „Die Axa hat den Vorgang MEG nicht nur zum Anlass für eine umfassende Prüfung, sondern auch zum Anlass für zusätzliche Maßnahmen genommen“, erklärt ein Sprecher. „Unter anderem wurde ein Prozess zur regelmäßigen Überprüfung von Vertriebsverbindungen eingerichtet.“
Bislang geriet vor allem der private Krankenversicherer der Axa wegen Göker in die Schlagzeilen. Der Kinofilm „Versicherungsvertreter“, der die Machenschaften von Göker bundesweit populär aufarbeitete, machte etwa Gernot Schlösser, den damaligen Vorstandschef der Krankenversicherungsgesellschaft, bundesweit bekannt. Schlösser erklärte auf einer Vertriebsveranstaltung von MEG: „Wir sind froh und glücklich, dass es Sie gibt. Und dass Sie das in den Jahren erreicht haben.“
Versicherungsmanager auf der MEG-Party in Melsungen 2007: Von links nach rechts: Frank Kettnaker , Vertriebschef der Alten Leipziger/Hallesche; Oliver Kuhlmann, Vertriebschef der Gothaer; Mehmet E. Göker, Gernot Schlösser, Axa-Vorstandschef (Mitte); Bernhard Lüneborg, Vertriebschef der Hallesche Krankenversicherung und Roland Zimmer, Chef der Axa-Krankenversicherung (rechts). Quelle: Sternfilm / Ulf Schaumlöffel
Foto: Handelsblatt
Zu Göker und zur MEG pflegte der ehemalige Vorstand zumindest zeitweise einen engen Kontakt. Das belegt zum Beispiel ein Foto, das ihn inmitten einer ganzen Schar von Versicherungsmanagern und Göker zeigt. Der Versicherungskonzern Axa war der Hauptleidtragende der MEG-Pleite. Vergeblich versuchte der Versicherer bis zuletzt, noch irgendetwas von MEG zu retten.
Göker ist ein Vertriebsphänomen, wie es in Deutschland wohl nur wenige gibt. Er hat bei der Ergo-Tochter DKV eine Lehre gemacht und sich dann in jungen Jahren in Kassel selbstständig gemacht. Der Verkauf von privaten Krankenversicherungen boomte – und Göker verstand es, nach der Jahrtausendwende ein richtig dickes Geschäft daraus zu machen.
Gökers Vertriebler verkauften vor allem Private Krankenpolicen mit der Brechstange. Göker soll Provisionen von 20-fachen des Monatsbeitrages erzielt haben. Nach einer Gesetzesänderung sind jetzt maximal neun Monatsbeiträge drin. Göker galt als „hyperaktiver Unternehmer“, dem die privaten Krankenversicherer, unter anderem Axa, Hallesche und Central, immer absurdere Provisionen zahlten. Bis zu 8000 Euro soll die MEG AG für den Abschluss eines Vertrages kassiert haben.
Nach der MEG-Pleite im Jahr 2009 schien es zunächst, als ob Göker mit der Insolvenz der MEG in Kassel auch selbst aus dem Verkauf von privaten Krankenversicherungen raus ist. Recherchen von Handelsblatt Online belegten aber, dass der Skandalvertreter sein Geschäft in der Türkei über weitergeführt hat – wenn auch nicht im eigenen Namen, sondern unter dem Mantel einer Firma, die seiner Mutter gehört.
Zwischendurch versuchte sich der schillernde Vertriebler mit einer neuen Geldquelle. Seine Vertriebler verhökerten Videos, die man in Netzwerke wie Youtube hochlädt, per Email versendet oder über den Computer live zu Gesprächen verwendet. Das Unternehmen Talkfusion stellte eine Art Betriebssystem für den Vertrieb solcher Videoprodukte bereit.
Auch als Autor versucht sich Göker. Am 8. Mai soll eine Autobiographie von Mehmet Göker erscheinen. Co-Autor ist Christian Schommers, Biograph von Tennislegende Boris Becker. „Die Wahnsinns-Karriere des Mehmet Göker“ könnte nach Angaben der Sprecherin des Finanzbuchverlages ein Kassenschlager werden.