Gastkommentar
Wie wir in Zukunft Krieg führen

Cyberangriff, Partisanenkampf, organisierte Kriminalität: Es gibt einen neuen Trend bei Konflikten – hybride Kriegsführung. Das zeigt die Krise in der Ukraine. Ein Nato-Forscher warnt: Darauf sind wir nicht vorbereitet.
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Im Zuge der Ukraine-Krise werden in den Nachrichten immer wieder Kämpfer ohne Abzeichen gezeigt („grüne Männchen“), die für die Brüderschaft des russischen Volkes kämpfen. Gleichzeitig stehen russische Truppen an der ukrainischen Grenze und es wird von russischen Waffenlieferungen an die ukrainischen Separatisten berichtet. Militärspezialisten sprechen angesichts dieser Lage von einer neuen Form des Konflikts: „hybrid warfare”– zu Deutsch: hybride Kriegsführung. Alle Augen sind auf Russland gerichtet, aber Moskau ist nicht der einzige Akteur, der sich dieser neuen Form des Krieges bedient. Die Nato sollte sich auf einen neuen Trend einstellen.

Bei hybriden Bedrohungen handelt es sich um staatliche oder nicht-staatliche Akteure, die den Einsatz eines ganzen Spektrums traditioneller und unkonventioneller Mittel auf taktischer Ebene verschmelzen lassen – darunter der Einsatz von Partisanenkämpfern, organisierter Kriminalität, Terrorismus, Massenvernichtungswaffen, Cyberangriffen, Störungen der Energieversorgung, wirtschaftliche Kriegsführung und Propagandakampagnen.

Handlungen einer solchen hybriden Strategie können Beobachter nur schwer zuordnen und voraussagen, denn die Kombattanten können sich schnell von konventionellen Truppen zu Guerillakämpfern oder Demonstranten wandeln. Eine genaue Definition für diese Art der Kriegsführung gibt es nicht und so bewegen sich die „Kämpfer“ teilweise im rechtsfreien Raum. Daher ist der Einsatz von hybrider Kriegsführung insbesondere interessant für jene Akteure, die sich beim Einsatz konventioneller Methoden vor der internationalen Gemeinschaft rechtfertigen müssten.

Als Wegbereiter der hybriden Kriegsführung gilt die Hisbollah. Organisiert in kleinen Einheiten, aber ausgestattet mit hochentwickeltem Kampfgerät hat sie 2006 im Libanonkrieg bewiesen, wie man als Guerillakämpfer mit konventionellen Methoden den Israelis empfindliche Verluste zufügen kann.

Noch wirksamer wird der „hybrid warfare“, wenn er von Großmächten angewandt wird. So wie Russland in der Ukraine-Krise ein breites Spektrum von nichtmilitärischen Mitteln einsetzt, setzen andere Staaten zur Durchsetzung ihrer maritimen Ansprüche nicht nur „Kanonenboot-Diplomatie“ ein. Anstelle von Fregatten schicken Militärmächte Fischerboote in umstrittene Gewässer, und verankern demonstrativ Ölbohrinseln.
Staaten untermauern ihre Aktionen mit Propagandakampagnen. Moskau hetzt im Staatsfernsehen gegen Kiew, während andere Regierungen Videos von gestellten Protestveranstaltungen verbreiten. Zudem werden Nachbarn mit Cyberangriffen attackiert und mit wirtschaftlichen Mitteln unter Druck gesetzt. Diplomatische Vereinbarungen werden untergraben oder Verhandlungen werden von vornherein boykottiert.

Eine Vielzahl prominenter Militärforscher glaubt, dass diese Art zu „kämpfen“ ein Trend der Zukunft ist. So errichtet Russland das „National Centre of State Defence Management“, das verschiedenste Instrumente der nationalen Sicherheitspolitik integriert und kontrolliert. Andere Staaten integrieren zivile Polizei- und Fischereiboote in eine Flotte, um diese vielseitig einsetzen zu können.

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Drei Forderungen an die Nato

Kommentare zu " Gastkommentar: Wie wir in Zukunft Krieg führen"

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  • Die Vorbereitung der Bevölkerung auf Krieg bevor überhaupt gekämpft wird, ist ein eindeutiges Zeichen.

  • Krieg als Selbstverständlichkeit im Alltag will uns der Autor hier vermitteln.
    Die NATO-armeen sind längst aufmarschiert rund um die Ukraine und auch im Land selbst, derzeit noch als Manöver getarnt. Jetzt fehlt nur noch die offizielle Legitimation durch die Politik, um loszuschlagen.
    "Wenn eine Bedrohung erkannt ist, muss die Nato den dynamischen hybriden Akteuren flexibler entgegentreten und schnell beschließen können, wie sie reagieren wird. Dazu bedarf es beschleunigter Prozesse der Entscheidungsfindung." Und weiter Klartext:
    "Der militärischen Führung könnten mehr Rechte zur Vorbereitung und Positionierung von Kampftruppen zugesprochen werden, um langatmige Konsultationen der 28 Mitgliedsstaaten zu überbrücken." Also erst losmarschieren, dann müssen nur noch die Politiker abnicken was auf dem Schlachtfeld passiert.
    Derzeit gilt *noch* das deutsche Grundgesetz, so daß laut StGB §§80ff. die anstiftung und insbesondere Vorbereitung eines angriffskrieges schwer bestraft werden kann.
    Am 19.März hat Julia Timoschenko ihren Deutschlandandaufenthalt dazu mißbraucht die Deutschen zum Krieg gegen Rußland aufzustacheln. Deshalb habe ich Strafanzeige bei der Berliner Polizei gestellt, aufmerksam wurde ich durch den Hinweis des HB-Herausgebers Steingart in seinem damaligen morning briefing auf das BILD-Interview.
    Da in der direkten folge tatsächlich deutsche Soldaten unter deutschem Befehl in die Ostukraine entsandt wurden und direkt gefangen genommen wurden, habe ich mich am 29.7. entschlossen eine Petiton beim Deutschen Bundestag einzureichen, damit dieser sich mit der Frage von Krieg und Frieden befassen muß.
    Den Wortlaut der Petition, der Srafanzeige sowie weiterführende Links und aktuelle Statusinformationen habe ich unter www.facebook.com/onlinepetition zusammengetragen. Jede Form der Unterstützung ist hilfreich.

  • Zitat:"Erstens müssen hybride Bedrohungen zunächst einmal erkannt werden. Dazu bedarf es einer Kultur der Vorausschau ..."

    Dafür bedarf es in erster Linie einer guten Portion Intelligenz.
    Und - intelligente Menschen findet man üblicherweise weder in der Politik noch beim Militär :-)

    Schlussfolgerung: Im Westen gibt es diese Art der Kriegsführung nicht ...

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