1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kommentare
  4. Kommentar: Im Teufelskreis des Dauersparens

KommentarIm Teufelskreis des Dauersparens

Die Wirtschaftspolitiker in Europa hadern mit sich selbst. Strenges Sparen soll nun auf jahrelanges Prassen folgen. Fragt sich nur, wie sinnvoll diese Strategie ist - und ob sie überhaupt als solche zu bezeichnen ist.Olaf Storbeck 22.10.2012 - 16:37 Uhr Artikel anhören
Foto: Handelsblatt

Die Frage klingt nach dem Thema eines bestenfalls mäßig spannenden volkswirtschaftlichen Hauptseminars: Welche Größe hat der BIP-Multiplikator?

Doch was abstrakt und technisch erscheint, ist in Wahrheit eine der wichtigsten wirtschaftspolitischen Fragen überhaupt. Die Antwort hat gravierende Folgen für den Kampf gegen die Schuldenkrise und die Frage, wie ambitioniert die Austeritätspolitik sein sollte.

Der BIP-Multiplikator gibt an, wie stark das Bruttoinlandsprodukt (BIP) reagiert, wenn sich die Staatsausgaben ändern. John Maynard Keynes hat den Begriff in den 30er-Jahren in die Volkswirtschaftslehre eingeführt; die Größe des Multiplikators ist unter Ökonomen heftig umstritten.

Keynes selbst schätzte ihn auf 2,5. Dann hätte Fiskalpolitik einen enorm hohen Wirkungsgrad. Wenn die Regierung einen Euro mehr oder weniger ausgibt, würde die Wirtschaftsleistung um 2,5 Euro steigen oder sinken.

Die meisten moderne Ökonomen sind skeptischer. In vielen gängigen Modellen veranschlagen sie den Multiplikator nur auf 0,5. Staatliche Sparprogramme bremsen in diesem Fall zwar die Konjunktur, aber der Schaden hält sich in Grenzen - weil steigende Aktivitäten in der Privatwirtschaft einen Teil der Wachstumsverluste kompensieren.

Tatsächlich liegt die Wahrheit wohl in der Mitte, darauf deuten neue Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) hin, die die Washingtoner Organisation in der neuen Ausgabe ihres Weltwirtschaftsausblicks präsentiert. Der IWF hat den Zusammenhang zwischen Sparprogrammen und Konjunktur anhand von Daten aus 28 Industrieländern und für die Jahre ab 2010 analysiert.

Reform der Euro-Zone
Die Aufsicht unter dem Dach der Europäischen Zentralbank (EZB) ist für die EU ein „vordringliches“ Projekt. Wenn die Aufsicht für die Geldhäuser der Eurozone steht, kann der Rettungsfonds ESM marode Institute direkt rekapitalisieren. Rechtliche Grundlagen, der Zeitplan für den Aufbau der Bankenaufsicht und die Bedingungen für direkte Finanzhilfen sind aber höchst umstritten. Die Bundesregierung hält einen baldigen Abschluss der Verhandlungen nicht für machbar und predigt das Motto „Gründlichkeit vor Schnelligkeit“. Paris hingegen drückt aufs Tempo.
Euro-Länder könnten mit der EU individuelle Verträge abschließen, die das Umsetzen von Reformen besiegeln. Van Rompuy stellt bei Erfolg finanzielle Anreize in Aussicht. Diese könnten aus dem Eurozonen-Budget kommen. Berlin unterstützt die Idee.
Van Rompuy spricht nicht direkt von einem gemeinsamen Budget der Euro-Länder, sondern von der Entwicklung einer „Fiskalkapazität“. Sie könnte auch Finanzschocks in einzelnen Ländern auffangen. Höhe und Herkunft des Budgets sind noch offen.
Van Rompuy schlägt vor, „sichere und liquide Finanzanlagen“ für den Euroraum zu schaffen - das könnten Eurobonds oder Eurobills (kurzfristige Anleihen) sein. Berlin lehnt gemeinsame Anleihen im Währungsraum weiter ab.
Staatsschulden könnten unter bestimmten Auflagen in einen Tilgungsfonds für Altlasten überführt werden, schreibt Van Rompuy. Berlin weist die Idee zurück.
Schäuble fordert einen stärkeren EU-Währungskommissar, der Länderhaushalte mit zu hohen Defiziten an nationale Parlamente zurückverweisen könnte. Außerdem plädiert er für rasche Veränderungen des EU-Vertrags. Dafür ist allerdings Einstimmigkeit unter den 27 EU-Staaten nötig.

Zwar habe Keynes den Multiplikator überschätzt, seine heutigen Fachkollegen aber hätten sich deutlich nach unten verhauen. Der BIP-Multiplikator erweist sich nach den neuen IWF-Schätzungen als mindestens doppelt so groß wie von den meisten Volkswirten bislang angenommen - er liege zwischen 0,9 und 1,7.

Aggressive Austeritätspolitik beschädigt die Wirtschaftsleistung demnach deutlich stärker, als Volkswirte bislang geglaubt haben. Das gelte offenbar vor allem in wirtschaftlichen Krisenzeiten mit wenig Wachstum und dann, wenn die traditionelle Geldpolitik ihr Pulver weitgehend verschossen hat, so der IWF.

Die größten Schuldenmacher in der Euro-Zone
Das höchste Defizit in der Euro-Zone hat Irland. Es beträgt 8,3 Prozent des Bruttosozialprodukts.
Rund 7,3 Prozent beträgt das Haushaltsdefizit Griechenlands für 2012.
Der Krisenstaat auf der Iberischen Halbinsel kommt auf ein Haushaltsdefizit von 6,9 Prozent.
Platz vier unter den größten Schuldensündern belegt mit einem Defizit von 4,8 Prozent die Slowakei.
Knapp hinter der Slowakei reiht sich Portugal ein: Hier schlägt 2012 ein Defizit von 4,7 Prozent des Bruttosozialprodukts zu Buche.
Mit Hilfe von Steuererhöhungen und Einsparungen will Frankreich sein Haushaltsdefizit im nächsten Jahr eindämmen. Dieses Jahr beträgt es noch 4,5 Prozent.
Rund 20 Milliarden Euro müssten die Niederlande sparen, um ihr Defizit unter drei Prozent zu drücken. Derzeit liegt es bei 4,4 Prozent des Bruttosozialprodukts.
Auch Slowenien ringt mit steigender Verschuldung und schrumpfendem Wirtschaftswachstum. Das Haushaltsdefizit liegt 2012 bei 4,3 Prozent.
„Sparen, kürzen, streichen“: So lautet auch das Motto in Zypern. Das Haushaltsdefizit liegt 2012 bei 3,4 Prozent des Bruttosozialprodukts.

Es ist nicht das erste Mal, dass IWF-Volkswirte ein großes Fragezeichen hinter die Sinnhaftigkeit von harter Haushaltskonsolidierung setzen. So verwarfen sie im vergangenen Jahr die von der EZB und anderen vertretene These, Sparpolitik könne auch kurzfristig expansive Effekte haben, weil sie das Vertrauen in der Privatwirtschaft stärke. Älteren Studien, die zu diesem Ergebnis gekommen waren, attestierten die IWF-Volkswirte gravierende methodische Mängel.

In diesem Sommer kam eine andere Forschergruppe des Fonds ferner zu dem Schluss, dass zu harte Haushaltskonsolidierung die Rezession verlängern kann, ohne die erwarteten Einsparungen bei den Staatsfinanzen zu bringen. Es drohe ein Teufelskreis aus sinkender Wirtschaftsleistung, schrumpfenden Steuereinnahmen und niedrigeren Staatsausgaben. Und in einer dritten Mammutstudie stellten IWF-Ökonomen fest: Wirtschaftswachstum war in den vergangenen Jahrzehnten eine zentrale Voraussetzung dafür, dass Regierungen ihre Sparpläne auch erfolgreich umsetzen konnten.

Gerade für die Euro-Zone sind all diese Ergebnisse wirtschaftspolitisch hochgradig brisant. Denn sie stellen ein Grundprinzip der Rettungspolitik nachhaltig infrage. Die EU-Kommission, die Europäische Zentralbank und auch der IWF knüpfen Finanzhilfen für Krisenländer bislang an eiserne Sparauflagen - und drohen Ländern, die ihre Versprechen nicht erfüllen, damit, den Geldhahn zuzudrehen.

Griechenland zum Beispiel hat unter dem Druck der Troika zwischen 2009 und 2012 sein um Konjunktureinflüsse bereinigtes Haushaltsdefizit um mehr als 14 Prozent des BIP reduziert - eine Konsolidierungsanstrengung, die historisch ihresgleichen sucht. Zugleich ist aber die Wirtschaft implodiert. Auch Spanien und Italien haben die Steuern teilweise drastisch erhöht und Staatsausgaben beschnitten, während das BIP schrumpft und die Haushaltslöcher wachsen.

Es häufen sich die wissenschaftlichen Indizien dafür, dass Europas Sparpolitik die Probleme, die sie lösen soll, verschärft und dass der Austeritätskurs exzessiv und kontraproduktiv ist - „self-defeating“, wie es die Angelsachsen sagen.

Eine rationale Wirtschaftspolitik, die an einer Lösung der Krise und nicht an einer Bestrafung der Problemstaaten interessiert ist, sollte diese Befunde zur Kenntnis nehmen. Auf immer neue Haushaltslöcher mit noch mehr Sparanstrengungen zu reagieren macht die Budget-Probleme nur noch größer.

Verwandte Themen
Rezession
Konjunktur
Wirtschaftspolitik
Finanzpolitik

Mitten in einer tiefen Wirtschaftskrise sollten Regierungen besser nicht so wirtschaften wie die berühmte schwäbische Hausfrau.

Der Autor ist Ökonomie-Korrespondent des Handelsblatts. Sie erreichen ihn unter: storbeck@handelsblatt.com

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt