Kommentar Im Teufelskreis des Dauersparens

Die Wirtschaftspolitiker in Europa hadern mit sich selbst. Strenges Sparen soll nun auf jahrelanges Prassen folgen. Fragt sich nur, wie sinnvoll diese Strategie ist - und ob sie überhaupt als solche zu bezeichnen ist.
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Olaf Storbeck

Die Frage klingt nach dem Thema eines bestenfalls mäßig spannenden volkswirtschaftlichen Hauptseminars: Welche Größe hat der BIP-Multiplikator?

Doch was abstrakt und technisch erscheint, ist in Wahrheit eine der wichtigsten wirtschaftspolitischen Fragen überhaupt. Die Antwort hat gravierende Folgen für den Kampf gegen die Schuldenkrise und die Frage, wie ambitioniert die Austeritätspolitik sein sollte.

Der BIP-Multiplikator gibt an, wie stark das Bruttoinlandsprodukt (BIP) reagiert, wenn sich die Staatsausgaben ändern. John Maynard Keynes hat den Begriff in den 30er-Jahren in die Volkswirtschaftslehre eingeführt; die Größe des Multiplikators ist unter Ökonomen heftig umstritten.

Keynes selbst schätzte ihn auf 2,5. Dann hätte Fiskalpolitik einen enorm hohen Wirkungsgrad. Wenn die Regierung einen Euro mehr oder weniger ausgibt, würde die Wirtschaftsleistung um 2,5 Euro steigen oder sinken.

Die meisten moderne Ökonomen sind skeptischer. In vielen gängigen Modellen veranschlagen sie den Multiplikator nur auf 0,5. Staatliche Sparprogramme bremsen in diesem Fall zwar die Konjunktur, aber der Schaden hält sich in Grenzen - weil steigende Aktivitäten in der Privatwirtschaft einen Teil der Wachstumsverluste kompensieren.

Tatsächlich liegt die Wahrheit wohl in der Mitte, darauf deuten neue Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) hin, die die Washingtoner Organisation in der neuen Ausgabe ihres Weltwirtschaftsausblicks präsentiert. Der IWF hat den Zusammenhang zwischen Sparprogrammen und Konjunktur anhand von Daten aus 28 Industrieländern und für die Jahre ab 2010 analysiert.

Zwar habe Keynes den Multiplikator überschätzt, seine heutigen Fachkollegen aber hätten sich deutlich nach unten verhauen. Der BIP-Multiplikator erweist sich nach den neuen IWF-Schätzungen als mindestens doppelt so groß wie von den meisten Volkswirten bislang angenommen - er liege zwischen 0,9 und 1,7.

Aggressive Austeritätspolitik beschädigt die Wirtschaftsleistung demnach deutlich stärker, als Volkswirte bislang geglaubt haben. Das gelte offenbar vor allem in wirtschaftlichen Krisenzeiten mit wenig Wachstum und dann, wenn die traditionelle Geldpolitik ihr Pulver weitgehend verschossen hat, so der IWF.

Der eingeschlagene Kurs ist mindestens fragwürdig
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15 Kommentare zu "Kommentar: Im Teufelskreis des Dauersparens"

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  • Meine Kernfrage: Für WEN zum Teufel sollen alle sparen!!??

    Doch nur um die "Renditen" der "Investoren" zu sichern. 90% der Menschen sind aber keine "Investoren".

  • alles schön und gut - die Frage ist nur: WOHIN geht dieses Geld?

    Die Bürger der EU zahlten in den letzten Monaten Multimilliarden um angeblich den Menschen in den Südländern zu helfen, in Wahrheit wurde aber nur internationalen Milliardären geholfen.

    Die Politik muss der Geldmacht die rote Karte zeigen!

  • Geschwafel, Nebelkerzen...

    Es ist ganz einfach:

    "NEHMT es den REICHEN und gebt es den Armen und hört endlich auf uns zu verar%&$§ !"

    Zitat: Konstantin Wecker

    Wir haben hier langsam feudale Verhältnisse.

  • @whoknows
    "Die Realität ist der beste Scharfrichter."

    Siehe auch: http://www.libinst.ch/publikationen/LI-Paper-Ebeling-Keynes.pdf

  • @Arrows
    "@whoknows: Gegen etwas zu polemisieren, das man nicht versteht, ist die höchste Form der Dummheit."

    Ich muss nicht die Theorie verstehen oder mich mit Modellen beschäftigen wenn das Ergebnis der Anwendung dieser Theorie in der Realität nur Desaster hervorbringt.

    Die Realität ist der beste Scharfrichter.

  • @whoknows: Gegen etwas zu polemisieren, das man nicht versteht, ist die höchste Form der Dummheit.

  • @distefano
    "es geht ganz bestimmt nicht um Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, da irren Sie sich und ich denke Sie haben wie so viele andere auch Keynes nie verstanden."

    Verehrter distefano, ;)

    Ich bin kein Ökonom und masse mir deshalb nicht an, Keynes zu verstehen. Ich glaube Keynes ist vielleicht sowas wie Einstein, denn wer sagt er hätte Einstein verstanden, hat ihn garantiert nicht verstanden. ;)

    Aber über den Punkt sind wir doch lange hinaus. Wenn keysianisches Defizit Spending zur Pleite geführt hat, nützt noch mehr Spending auch nichts mehr.
    Pleite ist Pleite, das ist der Punkt. Und wer seine Schulden nicht mehr bezahlen kann, ist Pleite.

    Da braucht man auch nicht auf böse Banken, Ratingagenturen oder den Markt insgesamt schimpfen.
    Pleite bleibt Pleite. End of Story.

    "Gerade weil ich meines und auch Ihr Steuergeld nicht weiter unnütz ausgeben möchte, gilt es sehr zu differenzieren, welche Maßnahme welchem Staat wirklich hilft. Spanien etwa, welches sich in der Bilanzrezession befindet, wird staatliches Sparen ins Desaster führen, Italien ggf. aber helfen können."

    Spanien hat zB 4mal soviele Menschen pro Kopf der Bevölkerung im Staatsdienst wie Deutschland. Das ist genau das Ergebnis von Keynes.

    Am Ende bin ich gegen das ganze Teilreserve-Banking, das Schöpfen von Geld aus der Luft, was uns nichts als Blasen sowie Boom und Bust Cycles bringt. Zusätzlich ermöglicht das Geldsystem der Politik die Folgen ihrer Handlungen zeitlich zu strecken bzw. die zeitliche Kausalität von Ursache und Wirkung außer Kraft zu setzen.

    Genau das hat nämlich erst die großen Kriege und Krisen in Europa ermöglicht.

    Und der Glaube, der Staat wüsste besser als die Bürger, was gut für sie ist, ist mit meiner freiheitlichen Einstellung nicht vertretbar.

  • Verehrter "whoknows"
    es geht ganz bestimmt nicht um Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, da irren Sie sich und ich denke Sie haben wie so viele andere auch Keynes nie verstanden. Gerade weil ich meines und auch Ihr Steuergeld nicht weiter unnütz ausgeben möchte, gilt es sehr zu differenzieren, welche Maßnahme welchem Staat wirklich hilft. Spanien etwa, welches sich in der Bilanzrezession befindet, wird staatliches Sparen ins Desaster führen, Italien ggf. aber helfen können.

    Grundsatzfrage: Was läuft falsch in der Ökonomenzunft?
    Die Eurokrise ist nur ein spezieller Aspekt der internationalen Schulden- und Finanzkrise. Diese kann als Kulminationspunkt grundlegender Irrtümer der herrschenden ökonomischen Lehre bewertet werden. Diese neoklassische bzw. neoliberale Lehre sitzt aber gerade in Deutschland noch fest im Sattel. Die Finanzkrise wird nur lösbar sein, wenn die daraus erfolgten Fehleinschätzungen korrigiert und einer Lösung zugeführt werden.

    Die makroökonomischen Modelle der Neoklassiker gehen davon aus, das alle Marktteilnehmer (Konsumenten, Unternehmen, Staaten) stets rational agieren und nehmen an, dass die freien Kräfte des Marktes ein selbststabilisierendes System erzeugen. Je geringer die staatlichen Eingriffe seien, umso höher läge der Wohlstandszuwachs.

    Von dieser Idee, für die Milton Friedmann einen Nobelpreis erhielt, ließen sich in den Achtzigern viele Regierungen, angeführt von Thatcher und Reagan, inspirieren und starteten einen Feldzug der Deregulierung, der sich bis zur Finanzkrise ausweitete und deren Schadenpotential bis kurz vorher nicht erkannt wurde.

    Warum wurde es nicht erkannt? In der neoklassischen Theorie spielt der Finanzsektor keine Rolle, da seine Funktion auf Geldverteilung (Sparen und Kredit) beschränkt ist. Leider hatte dieses Theoriegebilde nur geringen Bezug zur Realität der Finanzkrise und konnte somit auch keine Lösungsansätze oder gar Vorwarnungen vor der Krise bieten.

  • Oh mein Gott, Keysianer aller Länder vereinigt euch.

    Aber bitte nicht mit meinem Steuergeld, das mir mit Gewalt abgepresst wurde. Und auch nicht mit selbstgedruckten Euros die meine Rente entwerten werden.

    Druckt euch eure eigenen Scheinchen, vielleicht den Keysiano und werdet glücklich mit 25% keysianischer Inflation.

    Denn staatliche Arbeitsbeschaffung kostet Arbeitsplätze: http://www.misesde.org/?p=2967

    Und Herr Storbeck, wenn man ihr Argument zuende denkt. Gibt es denn kein reales Limit zum staatlichen Geldausgeben? Mehr deficit Spending bringt quasi zwangsläufig mehr BIP und damit mehr Wohlstand?

    Was aber wenn niemand mehr dem Staat das Geld zum Spenden leihen möchte? Selbst die Banken, die das Geld einfach mit Liebe aus Luft schaffen, wollen den Griechen keinen Kredit geben. Was dann Herr Storbeck?

    Am Ende des Tages hilft nur, Griechenland muss aus dem Euro und seine Kosten und seinen Lebensstandard absinken. Mit interner realen Abwertung, wie es die Troika versucht, ist es in der Tat nicht zu schaffen. Das produziert ein Zombieland mit einer Zombiewirtschaft.

  • "Aggressive Austeritätspolitik beschädigt die Wirtschaftsleistung demnach deutlich stärker, als Volkswirte bislang geglaubt haben. Das gelte offenbar vor allem in wirtschaftlichen Krisenzeiten mit wenig Wachstum und dann, wenn die traditionelle Geldpolitik ihr Pulver weitgehend verschossen hat, so der IWF."

    Wenn ich das richtig interpretiere, ist das fast eine Kehrtwendung des IWF. Von dort wurde in den letzen Jahren gefühlt genau das Gegenteil offeriert.

    Ansonsten sagen die Quoten der öffentlichen Investitionen ebenfalls genug aus. In Deutschland liegt diese doppelt so hoch als in Spanien beispielsweise.
    Es kommt also darauf an, WO man spart und WO man Geld ausgibt.

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