1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Handel + Konsumgüter
  4. Kanadischer Arktishafen Churchill: Krise in der Hauptstadt der Eisbären

Kanadischer Arktishafen ChurchillKrise in der Hauptstadt der Eisbären

Die Öffnung der Nordwestpassage sollte Kanada einen Boom bringen. Doch die überzogenen Erwartungen sind geplatzt – der einzige Arktishafen des Landes muss schließen. Das Arktis-Geschäft wird damit den Russen überlassen.Gerd Braune 01.08.2016 - 17:46 Uhr Artikel anhören

So still wie im Winter könnte es bald ständig sein, wenn die Schließungspläne für den Hafen nicht revidiert werden.

Foto: Gerd Braune

Ottawa. Im hohen Norden Kanadas sitzt der Schock tief: Völlig unerwartet wird der Hafen von Churchill an der Hudson Bay, die mit dem Arktischen Ozean verbunden ist, geschlossen. Der in Denver ansässige Eigentümer Omnitrax kündigte das Aus vor wenigen Tagen an und will einen Großteil der Belegschaft entlassen, vermutlich müssen alle 80 Angestellten gehen. Damit verlieren Kanada und Nordamerika den einzigen für Hochseeschiffe zugänglichen Arktishafen mit Verbindung zur Nordwestpassage, während Russland seine Häfen an der Arktisküste entlang der Nordostpassage ausbaut.

Für das Städtchen Churchill mit seinen 800 Bewohnern ist das ein schwerer Schlag. „Es kam aus dem Nichts. Die Gemeinde, die Beschäftigten sind schockiert“, sagt Bürgermeister Michael Spence, der in Gesprächen mit Provinz und Bund versucht, die Schließung abzuwenden. „Es ist wirklich schlimm“, sagt auch Fred, Besitzer der „Gipsy‘s“-Bäckerei. „Viele Familien verlieren ihr Einkommen.“ Und der nächste Schlag folgte nur wenig später: Omnitrax reduziert auch den Frachtverkehr per Bahn nach Churchill von zwei- auf einmal pro Woche.

Churchill liegt südlich der Nordwestpassage, dem Schiffsweg durch Nordkanadas Inselwelt. Die Hudson Bay ist durch die Hudsonstraße mit der Labradorsee und dem Atlantik verbunden, zudem gibt es eine Meeresenge zur Nordwestpassage. Bislang kann der Hafen wegen der Eisbildung vor allem in der Hudsonstraße nur 14 Wochen pro Jahr, von Mitte Juli bis Ende Oktober, genutzt werden.

Erwartet worden war jedoch, dass der Rückgang der Eisfläche auf dem Nordpolarmeer und seinen Nebenmeeren die Saison für die Schifffahrt verlängern wird, der Schiffsverkehr durch die Hudson Bay zunehmen und die Bedeutung von Churchill als einzigem Arktishafen Kanadas gestärkt werden könnte. Doch diese Hoffnungen sind nun endgültig geplatzt.

Die Lage in Churchill zeigt die Schwierigkeiten, die die wirtschaftliche Entwicklung des Arktisraums trotz all der hochgesteckten – und oft überzogenen – Erwartungen erschweren: Die Transportkosten sind hoch, die Logistik ist kompliziert. Hinzu kommen die klimatischen Veränderungen, die keineswegs nur die viel beschworene Öffnung der Arktis bringen, sondern wegen des tauenden und dadurch instabil werdenden Permafrostbodens Transporte erschweren.

Bekannt ist Churchill als „Eisbärenhauptstadt der Welt“. Im Spätherbst versammeln sich die Tiere hier und warten, dass die Bucht zufriert und sie zur Jagd auf Robben auf das Eis hinausziehen können. Touristen kommen im Spätherbst per Flugzeug oder Zug nach Churchill, um die Bären zu beobachten. Eine Straße nach Süden gibt es nicht.

Kanada spart, Russland investiert weiter

Neben dem Tourismus ist der in den 30er-Jahren gebaute Hafen der zweite wichtige Wirtschaftsfaktor. 1997 wurde er unter der damaligen liberalen Regierung privatisiert. Omnitrax übernahm den Hafen und eine Eisenbahnlinie, die Hudson Bay Rail Company. Churchill gilt, obwohl relativ weit im Süden gelegen, als Nordamerikas einziger arktischer Tiefseehafen, den Schiffe der Panamax-Klasse bis zu 300 Meter Länge und 30 Meter Breite anfahren können.

Trotz der kurzen Saison hat der Hafen große Bedeutung für den mittleren Westen Kanadas und der USA. Unter anderem werden pro Jahr im Schnitt 500.000 Tonnen Getreide mit Zügen nach Churchill gebracht und in alle Welt exportiert. Dadurch wird der zeitraubende Weg durch die Großen Seen und den Sankt-Lorenz-Seeweg mit seinen Schleusen umgangen. Umgekehrt werden Treibstoff, Heiz- und Dieselöl, Baumaterial und Gebrauchsgüter per Schiff nach Churchill gebracht.

In den vergangenen Jahren war Churchill ein Umschlagplatz für Getrreide, das durch die Hudson Bay in alle Welt gebracht wurde.

Foto: Omnitrax

In den vergangenen Jahren ging der Getreideexport jedoch deutlich zurück. Kritiker führen dies auf die Politik der früheren konservativen Regierung zurück, das staatliche Vermarktungssystem „Canadian Wheat Board“ abzuschaffen, das Churchill unterstützte. Zudem ist die Unterhaltung des Hafens teuer. Große Investitionen stehen an, um Hafen und Bahnlinie zu modernisieren. Der tauende Permafrostboden erschwert den Schienentransport, weil der Boden weicher wird. 2014 musste der Fracht- und Personenverkehr kurz eingestellt werden.

Verwandte Themen
Schifffahrt
Kanada
Russland
Wirtschaftspolitik

Zu den notwendigen Investitionen war Omnitrax offenbar nicht mehr bereit. Stattdessen versucht das Unternehmen, den Hafen und die Bahnlinie zu verkaufen. Ein von indianischen Völkern Manitobas gebildetes Konsortium legte ein Angebot vor, aber die Verhandlungen führten zu keinem Ergebnis.

Als äußerst kurzsichtig brandmarkt der frühere kanadische Außenminister Lloyd Axworthy die Schließung des Hafens. Das sei nicht nur ein Versagen der Politik und der Provinz gegenüber den indianischen Völkern, für die der Fortbestand der Bahnlinie und des Hafens so wichtig ist. Ignoriert werde auch das Potenzial, das Churchill in Zeiten der Eisschmelze, der Öffnung neuer Transportwege im Norden und für die Wirtschaft und Sicherheit habe. Nun überlasse man Russland das Feld. „In der östlichen Arktis investieren die Russen Hunderte von Millionen Rubel in die Infrastruktur für Navigation, Sicherheit, Küstenwache und Häfen, um eine Ost-West-Transitroute zu schaffen“, sagte Axworthy.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt