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Heimbetreiber European HomecareProfite mit dem Elend anderer

Mit dem Betrieb von Flüchtlingsunterkünften erzielt Sascha Korte sagenhafte Renditen. Doch für Kommunen wie die Stadt Essen werden die Geschäfte mit seiner Firma European Homecare zunehmend zum Problem.Jakob Blume 18.07.2016 - 12:49 Uhr Artikel anhören

Beim Heimbetreiber EHC sprudeln die Gewinne.

Foto: imago/Ralph Lueger

Essen. Teppichboden, ein Ikea-Regal mit Bilderbüchern, ein Gummi-Dinosaurier: Die Kinderspielecke im Flüchtlingsdorf in Essen-Karnap wirkt trostlos. Immerhin: Es gibt eine. „Vorher lief hier als Kinderbetreuung nur der Fernseher“, sagt Michael Schwamborn, Ratsherr im Essener Stadtparlament. Der Betreiber der Einrichtung, die Essener Firma European Homecare (EHC), spare wo er kann.

Knapp 700 Menschen lebten zwischenzeitlich in der provisorischen Flüchtlingsunterkunft im Norden der Stadt. In stickigen Zelten auf engstem Raum, mit Sanitäranlagen in Containern, eingezäunt und rund um die Uhr bewacht von einem Sicherheitsdienst. Zehn solcher Zeltdörfer mit insgesamt 4.000 Plätzen gibt es in der Ruhr-Metropole. Sie alle werden von EHC betrieben. Das Geschäft ist so einträglich, dass Geschäftsführer Sascha Korte inzwischen eine ganze Reihe weiterer Firmen um die EHC herumgebaut hat. Die Flüchtlingskrise ist seine große Chance.

Der Höhepunkt der Krise traf im Sommer vergangenen Jahres viele Kommunen völlig unvorbereitet: Mehr als eine Million Menschen kamen 2015 ins Land, nirgendwo gab es ausreichend Unterkünfte. Die Flüchtlinge wurden in Sporthallen und Zeltstädten untergebracht. Die Ministerpräsidenten der Bundesländer schätzen die Gesamtkosten für Unterkunft und Integration der Menschen mittlerweile auf 20 Milliarden Euro. 2015 gab allein das Land Nordrhein-Westfalen zwei Milliarden Euro für die Flüchtlinge aus, 2016 werden es 4,6 Milliarden sein. Für Betreiber von Unterkünften, Sicherheitsfirmen, Zeltverleiher, Container-Bauer und Caterer bedeuten diese Zahlen ein großes Geschäft.

Reich durch die Not anderer.

Foto: PR

Der Essener Unternehmer Sascha Korte ist mit seiner Firma European Homecare Marktführer unter den Betreibern von Flüchtlingsheimen. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben 2.000 Mitarbeiter und betreibt 100 Unterkünfte mit insgesamt 20.000 Plätzen für Flüchtlinge. Doch Korte scheut die Öffentlichkeit. Stattdessen hat EHC den PR-Berater Klaus Kocks engagiert. Kocks war Chef-Kommunikator bei Volkswagen, und vertritt die Ansichten wie: „Natürlich darf ein PR-Manager lügen; das ist vielleicht ja sein Job.“

Kortes Unternehmen gibt sich als Billigheimer: „European Homecare ist der Aldi unter den Anbietern“, sagte Kocks einmal dem Handelsblatt. Tatsächlich: Noch 2014 lag die durchschnittliche Tagespauschale, gemessen am Jahresumsatz pro Asylbewerberplatz des Unternehmens, bei 14 Euro.

„Der Aldi unter den Anbietern“

Korte kann aber auch anders. Exakt 1.706 Euro und einen Cent überweist die Stadt Essen derzeit pauschal an European Homecare. Pro Flüchtling, pro Monat im Zelt. Das entspricht einer Tagespauschale von knapp 57 Euro – das Vierfache des Durchschnittspreises von 2014. Der Preis richte sich nach den Kosten, erklärt EHC-Sprecher Kocks. Die Kosten seien je nach Gegebenheit unterschiedlich. „Wenn EHC den Auftrag erhalten hat, war EHC der günstigste Anbieter.“

Nun ist „günstig“ ein dehnbarer Begriff. „Es ging damals darum, Massen-Obdachlosigkeit zu verhindern“, heißt es aus der Stadtverwaltung. Dies wollten die Verantwortlichen um jeden Preis verhindern. Sie zahlten den Preis, den die Anbieter aufriefen. Das rechnete sich für die Anbieter. Kortes EHC konnte 2014 den Gewinn von 1,4 Millionen auf 5,3 Millionen Euro steigern. Die Eigenkapitalrendite sprang von 66 Prozent auf 111 Prozent. Damit wurde jeder eingesetzte Euro Eigenkapital innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Und die Zeltdörfer in Essen sind noch gar nicht in der Bilanz von 2014 enthalten.

Gegründet wurde European Homecare Ende der 80er-Jahre von Kortes Vater und einem Geschäftspartner in Hessen. 2003 geriet die Firma erstmals in die Schlagzeilen: In einer EHC-Unterkunft in Traiskirchen in Österreich kam es zu einer Massenschlägerei – ein Mann wurde totgeprügelt, 30 weitere wurden verletzt. Wenig später beschuldigte eine Asylbewerberin aus Kamerun einen Wachmann der Vergewaltigung. Doch EHC trotzte den Skandalen, blieb Betreiber der Unterkunft.

2006 übernahm Korte junior die alleinige Geschäftsführung. Die Unternehmens-Bilanzen aus dieser Zeit zeigen: Das Geschäft lief stabil, nur 2010 musste European Homecare einen Verlust von rund 500.000 Euro verkraften. Kortes Geschäftsmodell funktioniert so: EHC verkauft den Kommunen ein Rund-um-Sorglos-Paket – von der Verwaltung der Unterkunft, über Verpflegung und Sicherheitsdienst bis zur Kinderbetreuung. Dafür zahlen die Kommunen eine Kopf-Pauschale. EHC wiederum vergibt einige Leistungen an Subunternehmer, darunter Sicherheitsfirmen und Caterer.

Das Geschäftsmodell von European Homecare
Kommunen zahlen fixe Beträge pro Flüchtling und Tag an European Homecare. In Essens Zeltdörfern liegt die Pauschale bei 57 Euro pro Tag.
EHC-Chef Korte vergibt Aufträge an Subunternehmen – an einigen ist er mittlerweile selbst beteiligt.

Beispiel Essen-Karnap: Die Zelte für das Flüchtlingsdorf liefert die Firma Cosmopolitent aus Recklinghausen. Allein die Zeltmiete in Essens größtem Flüchtlingsdorf schlägt mit 435.000 Euro pro Monat zu Buche. Den Sicherheitsdienst übernimmt S.E.T.-Security, ein Tochter-Unternehmen der Stölting Service Group aus Gelsenkirchen. Das Essen liefert der Groß-Caterer Apetito.

Lange Zeit lief das von EHC praktizierte System des Outsourcings gut. Doch vor zwei Jahren schien Korte die Kontrolle über seine Subunternehmer zu entgleiten. Wie Ende September 2014 bekannt wurde, misshandelten Wachleute der Sicherheitsfirma SKI einen Flüchtling in einer EHC-Unterkunft in Burbach schwer. Schlägereien und schlechte Hygienezustände in anderen EHC-Heimen wurden öffentlich. Doch die Verantwortung blieb durch die Subunternehmer-Struktur oft unklar. Schließlich ermittelte die Staatsanwaltschaft Siegen im Fall Burbach gegen Korte persönlich. Ermittler durchsuchten im Oktober 2014 die Essener Zentrale. Mit der Sichtung von 20.000 Aktenordnern sind die Ermittler noch heute beschäftigt.

Korte bekannte in einer Mitarbeiterzeitung vom Oktober 2014 freimütig: „Hier brennt jeden Tag der Baum und in den Einrichtungen ist das nicht anders.“ Ein ehemaliger Mitarbeiter beschreibt die Praxis so: „Das Unternehmen ist über die Jahre gewachsen, alles wirkt handgestrickt.“ Korte sei kein Mann mit großen betriebswirtschaftlichen Fachkenntnissen.

Und doch ist ein Lernprozess zu sehen. 2015 begann Korte, um seine EHC ein Firmengeflecht aufzuziehen. Viele für die Betreuung von Flüchtlingen notwendigen Dienstleistungen können nun von Firmen erbracht werden, an denen er selbst beteiligt ist. Der EHC-Chef Korte ist mittlerweile so etwas wie der Ruhrbaron der Flüchtlingsindustrie. Das Beispiel European Homecare zeigt, wie sich die Flüchtlingsbranche professionalisiert.

So hat Korte mit seinem Geschäftspartner Hans Mosbacher, dem die Sicherheitsfirmen Stölting und S.E.T. gehören, eine Beteiligungsgesellschaft gegründet. Über diese Gesellschaft sind Korte und Mosbacher zu gleichen Anteilen an der Purax GmbH beteiligt, einem Großhandel für Hygieneartikel. In diesem Unternehmen wiederum sind Korte und Mosbachers Sohn Sebastian als Geschäftsführer eingetragen. Korte ist jedoch selten direkt an Firmen beteiligt, sondern meist über die Maluko GmbH & CO. KG, an der er selbst 60 Prozent hält und seine Frau 40 Prozent.

„Oft wird eine solch komplexe Firmenstruktur aus steuerlichen Gründen geschaffen“, sagt der Düsseldorfer Gesellschaftsrechts-Experte Carsten Wettich von der Kanzlei Berner Fleck Wettich. Diese ermögliche es, Gewinne und Verluste einzelner Firmen steuerlich günstig zu verrechnen. Auch sei so eine Anonymisierung der Besitzverhältnisse einfacher. Hierzu wollte sich EHC-Sprecher Kocks nicht äußern.

Mehrausgaben wurden für Essen zur Bedrohung

Neben EHC und Purax hat Korte Geschäftsführerposten in einem Dutzend weiterer Firmen, darunter Immobilien- und Projektentwickler und Handelsgesellschaften. Mit dem Kaufmännischen Leiter des Essener Uniklinikums sitzt er in der Geschäftsführung eines Unternehmens, das den Sanitätsdienst in mindestens einer von EHC betriebenen Flüchtlingsunterkunft in Essen organisiert.

Dass der EHC-Chef nun nichts mehr dem Zufall überlässt, zeigt auch das Beispiel einer kleinen Werbeagentur in Dortmund. Dort sitzt Korte ebenfalls in der Geschäftsführung. Die Agentur hat die Internetseiten von European Homecare, Stölting und der Purax GmbH gestaltet. Zu den Firmen-Beteiligungen und Geschäftsführer-Posten Kortes sagte der EHC-Sprecher auf Anfrage nichts.

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Sascha Korte hat sich derweil mit dem deutschen Flüchtlingsdrama gut eingerichtet. Während die Politik händeringend nach Lösungen sucht, verdient er prächtig. Allein mit den Zeltdörfern in Essen dürfte European Homecare von September 2015 bis Juni 2016 mehr als 30 Millionen Euro umgesetzt haben – fast so viel wie im gesamten Jahr 2014. Sein Unternehmen kommentiert diese Zahl nicht.

Für die Stadt wurden die Mehrausgaben in der Flüchtlingskrise zur existenziellen Bedrohung: Stadtkämmerer Lars Martin Klieve (CDU) musste deshalb das Haushaltsdefizit von 3,4 Millionen auf 37,3 Millionen Euro ausweiten. Zwischenzeitlich lief Essen sogar Gefahr, wegen der teuren Zeltdorf-Verträge die Auflagen des sogenannten Stärkungspaktgesetzes zu verfehlen, einem Rettungsschirm für klamme Kommunen. Dann hätte die Stadt bereits gewährte Kredite in Höhe von 90 Millionen Euro an das Land Nordrhein-Westfalen zurückzahlen müssen. Doch ab Herbst sollen die Zeltdörfer in Essen Geschichte sein.

Auch wenn diese Einnahmen bald wegbrechen sollten: Korte kann es sich leisten, sein Geld in eine Jacht-Charter-Firma mit eigener Flotte auf Mallorca zu stecken. Auf ihrer Homepage wirbt die Sailactive GmbH mit Segelkreuzfahrten in malerischen Felsbuchten auf türkisblauem Meer. Korte ist in dem Unternehmen Co-Chef und hält eine 50-Prozent-Beteiligung. Das Geschäft mit der Not hat ihn zum reichen Mann gemacht. Dass seine Heimatstadt Essen dabei in die Pleite zu schlittern drohte, gehört zur Realität der deutschen Flüchtlingspolitik.

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