Koffein-Krieg: Der stärkste Kaffee der Welt
Eins der liebsten Getränke der Deutschen: Kaffee hat in den vergangenen Jahren viele Trends erlebt. Neuerdings geht es dabei nicht mehr nur um Geschmack und Herkunft.
Foto: ReutersNew York. Wer einen Kaffee braucht, in dem fast der Löffel stehen bleibt, schüttet bis dato einfach mehr Kaffeepulver in die Maschine oder greift zu speziellen Zubereitungsarten. Die einen schwören auf Mokka, die anderen auf türkischen Kaffee, und ein doppelter Espresso zählt sowieso zur schnellen Wachmachtruppe.
Doch nun sind die Kaffeebohnen selbst in den Blick gerückt, und schon konkurrieren mehrere Hersteller um den stärksten Kaffee der Welt. „Ich wollte einen Kaffee machen, der der Energy Drink des Kaffees wird“, sagt etwa Sean Kristafor. In Kapstadt schaute er sich nach Kaffeeröstern um, die ihm dabei helfen könnten.
Das Ergebnis heißt Black Insomnia Coffee und steckt in einer schwarzen Tüte mit einem weißen Kreuz, das an das Gefahrensymbol für gesundheitsschädliche Stoffe erinnert. Die Konkurrenz stößt in dasselbe Horn: Das Verbotene führt Banned Coffee gleich im Namen. Death Wish winkt obendrein mit einem Totenkopf.
Dessen Besitzer Mike Brown hatte 2011 einen Coffeeshop in Saratoga Springs im US-Bundesstaat New York eröffnet, in dem die Kundschaft immer wieder fragte: Welcher Kaffee ist denn der stärkste? Neugierig machte sich Brown auf die Suche nach dem stärksten Kaffee der Welt – und fand: nichts. Viele Experimente mit unterschiedlichen Bohnenmischungen und Röstvorgängen später hatte er einen Kaffee, der ein Warnetikett verdiente.
Als auf der anderen Seite Amerikas Terry Rossi und seine Partner mit besonders starkem Kaffee experimentierten, rief einer von ihnen: „Oh, der ist aber stark. Der wird bestimmt verboten.“ Rossi war eigentlich als Rennfahrer nach Los Angeles gekommen. Zusammen mit seinen beiden ebenfalls aus Frankreich stammenden Partnern, erfahrenen Kaffeeröstern und europäischer Technik baute er in Kalifornien eine Firma auf, die Kaffee an Luxushotels liefert. Und nun hatten sie sowohl ein Produkt für den Massenmarkt als auch dessen Namen, Banned Coffee.
Hinter Black Insomnia Coffee wiederum steckt der ehemalige Manager Sean Kristafor. Nach 25 Jahren, von denen er die Hälfte in Hotelzimmern verbracht hatte, stieg er aus – und langweilte sich bald. Daraufhin nahm er von Südafrika aus den Kaffeemarkt aufs Korn und will spätestens im Oktober auch in Deutschland präsent sein.
Mehr als doppelt so viel Koffein wie üblich
Nach Herstellerangaben steckt in den Tüten und Kaffeekapseln dieser Starkkaffeehersteller mehr als doppelt so viel Koffein wie in herkömmlichen Röstbohnen. Und da fängt der Ärger an. Der Banned Coffee-Mitgründer Terry Rossi erklärte die Angelegenheit im Firmenblog gar zum Koffeinkrieg. Er wollte wissen, was an den Behauptungen der Konkurrenz dran sei, investierte in Labortests und veröffentlichte die Ergebnisse – dabei unterlag Death Wish Coffee mit 151 Milligramm Koffein pro Tasse gegenüber 237 Milligramm bei Banned Coffee deutlich.
Kane Grogan, Marketingchef bei Death Wish Coffee, verweist darauf, dass es seiner Firma wichtiger ist, statt des allerstärksten den bestschmeckenden starken Kaffee zu haben. Sean Kristafor wiederum behauptet, sein Black Insomnia Coffee sei der einzige, der den Titel „stärkster Kaffee der Welt“ verdient: Sein Kaffee enthalte 702 Milligramm pro Tasse, und jede Marge werde in einem Schweizer Labor getestet, sagt er. Ob so etwas ohne Zusatz von künstlichem Koffein überhaupt möglich ist, hat allerdings noch kein Wissenschaftler erforscht.
Die drei größten Kaffeeproduzenten der Erde sind Brasilien, Vietnam und Kolumbien. Erst auf Platz 5 folgt Äthiopien und damit das Ursprungsland der Bohne. Die wilden Vorfahren der Arabica-Sorte stammen aus den Bergwäldern des Landes. Noch heute wachsen sie hier und liefern die Grundlage für einen besonderen Wildkaffee.
Foto: dpaSicher belegt ist der Kaffeegenuss erst in den Erzählungen von Ahmed al-Ghaffar aus dem Jemen, der sie Mitte des 15. Jahrhunderts niederschrieb. Händler hatten die Bohnen von Äthiopien auf die Arabische Halbinsel gebracht; noch ist der genaue Weg allerdings nicht geklärt. Hier wurden sie erstmals geröstet und aufgebrüht.
Vom Jemen aus verbreitete sich der Kaffee im Vorderen und Mittleren Orient und in Nordafrika, 1670 wurden die ersten Bohnen nach Indien geschmuggelt. Europäischen Boden erreichte das Heißgetränk über die Handelsroute zwischen Ägypten und Venedig. Schon 1583 hatte der deutsche Arzt Leonhard Rauwolf über den Genuss und die Wirkung von Kaffee berichtet. Er war womöglich der erste Europäer, der davon trank.
Foto: dpaWer Kopi Luwak genießen möchte, muss mindestens 30 Euro für ein 125 Gramm schweres Päckchen der Koffeinspezialität aus Indonesien investieren. Der hohe Preis liegt in der einzigartigen Entstehungsgeschichte des Kaffees begründet, denn die Bohnen müssen den Darm von Fleckenmusangs passieren. Die Verdauungssäfte dieser Schleichkatze sorgen für eine gewisse Fermentierung der unverdaulichen Kaffeebohnen: Es entstehen charakteristische Geschmacksnuancen mit einem besonders exquisiten Aroma.
Foto: HandelsblattViele Menschen schätzen Kaffee gerade wegen seines bitteren Geschmacks, andere bekommen ihn nur mit großen Mengen Zucker hinunter. Dabei übertüncht das Süßungsmittel nicht einfach nur die Bitterstoffe, es verändert das Getränk auch auf molekularer Ebene.
Wegen ihrer Polarität besitzen Zucker und Wasser eine hohe Affinität zueinander. Umgekehrt versuchen die Koffeinmoleküle die Zuckerlösung zu „meiden“, weshalb sie sich zusammenlagern. Dadurch verringert sich ihre Oberfläche, und sie bedecken in geringerem Maß die Bitterrezeptoren auf der Zunge: Der Kaffee verliert seine Bitterkeit.
Foto: dpaAuch Bienen lieben Koffein: Haben sie die Wahl zwischen einer Blüte, die ihnen mit dem Nektar auch Koffein bietet, bevorzugen sie diese – und kehren häufiger zu ihr zurück. Und sie führen ihre Artgenossen öfter zu dieser Nahrungsquelle.
Auf viele andere Arten hat Koffein dagegen eine eher abschreckende Wirkung. Neben den Kaffeesträuchern produzieren auch andere Pflanzen Koffein, das sie unter anderem in ihren Blättern einlagern. Mit dem Bitterstoff wollen sie Pflanzenfresser abschrecken.
Foto: dpaDie salomonische Antwort darauf lautet: Es kommt darauf an. Der morgendliche Kaffee gilt als Muntermacher, was auf den ersten Blick auch völlig zutrifft. Denn das Alkaloid Koffein bindet an Rezeptoren von Nervenzellen im Gehirn und verhindert, dass sich Adenosin dort anlagert. Dieses bremst wiederum die Aktivität der Neurone und macht dadurch müde.
Solange das Koffein das Adenosin behindert, regt der Kaffee das Gemüt also an. Allerdings tritt bei Dauerkonsumenten irgendwann ein Gewöhnungseffekt ein, denn ihr Hirn bildet mehr Rezeptoren aus, so dass auch das Adenosin zum Zug kommt. Gelegentliche Kaffeekonsumenten bemerken daher die stärkste Hallo-wach-Wirkung.
Foto: dpaKaffee gehört zu den wichtigsten Exportgütern von Staaten aus den Tropen, sein Anbau gilt als eine der treibenden Kräfte für die Umwandlung von natürlichen Wäldern in Plantagen. Doch das müsste gar nicht sein, denn ursprünglich stammen die hochwertigsten Bohnen von Coffea arabica, einem Schattengewächs: Der Strauch gedeiht am besten im Unterwuchs von Bergwäldern. Bei der Wildform ist das noch heute der Fall.
Die Pflanze kann daher naturschonend angebaut werden, indem nur das Unterholz ausgelichtet und dort Kaffee gepflanzt wird, während die Schattenbäume stehen bleiben. Untersuchungen zeigen, dass derartige Kaffeewälder eine Artenvielfalt aufweisen, die der in ursprünglichen Bergregenwäldern kaum nachsteht.
Foto: dpaBei besonders starkem, bitterem oder schlecht geröstetem Kaffee wird manchmal die Zunge im Mund pelzig – ähnlich wie nach dem Genuss von unreifer Ananas oder besonders trockenem Rotwein. Schuld daran ist in diesem Fall allerdings nicht das Koffein, sondern ebenfalls enthaltene Gerbstoffe wie Tannin oder andere Polyphenole.
Sie binden die gleitfähigen Proteine der Mundschleimhaut, die wiederum viel Wasser anlagern und die Schleimhaut so schmierig machen. Heftet sich die Gerbsäure an diese sogenannten Mucine, sinkt deren Wasserlöslichkeit und sie fallen aus – die natürliche Schmierung versagt, und der Mund fühlt sich trockener an.
Foto: dpa„Kaffee entwässert den Körper nicht. Ich wäre sonst längst zu Staub zerfallen“, soll Franz Kafka gesagt haben. Und damit lag er völlig richtig. Denn entgegen einer verbreiteten Annahme regt Kaffee den Harndrang nicht an. Kurzfristig erhöht Koffein zwar die Filterfunktion der Nieren und damit die Urinmenge, doch spielt dies über den gesamten Tag hinweg selbst bei starkem Kaffeekonsum eine vernachlässigbare Rolle. Wer Kaffee trinkt, scheidet demnach bis zu 84 Prozent der aufgenommenen Flüssigkeit innerhalb eines Tages wieder über den Urin aus, bei Wasser verringert sich der Wert auf 81 Prozent. Dieser Unterschied ist statistisch nicht relevant.
Foto: dpaDie meisten Menschen trinken den Kaffee unter anderem wegen des enthaltenen Koffeins, dennoch entfällt ein nicht zu vernachlässigender Anteil am Handel auch auf koffeinfreie Sorten. Das Koffein zu entfernen, ohne die anderen Geschmacksstoffe zu beeinträchtigen, ist allerdings eine große Herausforderung.
Besser wäre es, koffeinfreie Sorten zu züchten, so dass die Bohne gleich ohne das Stimulans geerntet werden kann. Tatsächlich gibt es Coffea-Arten, deren Bohnen von Natur aus koffeinfrei sind. Allerdings bilden sie nur wenige Früchte aus, so dass ihr Anbau nicht lohnt. Einkreuzungen in den beliebten und geschmackvollen Arabica-Kaffee waren bislang nicht erfolgreich.
Foto: dpaWie eine Sojabohne nicht nur aus Protein besteht, enthält auch die Kaffeebohne – botanisch korrekt: Kaffeekirsche – mehr als nur Koffein. Und allein in punkto Koffein gestaltet sich die Forschung schon so komplex, dass die Ergebnisse scheinbar gegensätzliche Folgerungen erlauben. Koffein soll das Herzinfarktrisiko senken und das Gedächtnis stärken, den Schlaf rauben und abhängig machen. Diese Woche ist Koffein ein Killer, nächste Woche hält er fit. Diese Ambivalenz machen sich die Starkkaffeeröster zunutze.
Einerseits geben sie ihren Produkten Namen, die mit tödlicher Gefahr flirten, andererseits betonen sie deren Gesundheitswert. „Nach der Explosion der Power- und Energy-Drinks gibt es einen großen Markt für etwas Natürlicheres, das man vernünftig trinken kann“, sagt Rossi. „Und im Gegensatz zu dem Chemiecocktail in solchen Produkten ist Kaffee tatsächlich sehr gesund.“
In diesem Punkt sind sich die Starkkaffeehersteller einig. Rückendeckung gibt ausgerechnet der Blog „Caffeine Informer“, der mit einem Beitrag über den Koffeingehalt diverser Hersteller den erbitterten Kampf um den stärksten Kaffee der Welt verschärft hatte. Energy Drinks kommen dort eher schlecht weg, und Kaffee ist sowieso schon mal gar nicht so schlimm.
Mit einem „Caffeine Calculator“ kann man dort ausrechnen, wieviel Kaffee einen umbringen würde – und egal, was man eingibt: Das Ergebnis lässt den eigenen Kaffeekonsum harmlos dastehen. Erst nach 64,4 Tassen Filterkaffee würde demnach beispielsweise ein 70 Kilo schwerer Erwachsener den Löffel abgeben. Tatsächlich existierende Todesfälle, die auf Koffein zurückgehen, schreibt Betreiber Ted Kallmyer unterdessen stets künstlichen Koffeinquellen zu.
Kaffee ist unberechenbar
Allerdings fehlen Quellen für die Daten, und der ehemalige Biologielehrer lässt seine Ideen auch nicht wie bei Fachzeitschriften üblich von Kollegen prüfen. Sein „Caffeine Calculator“ birgt jedoch noch ein ganz anderes Problem: Kaffee ist unberechenbar.
Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass Kaffee nicht nur je nach Röstungs- und Zubereitungsart unterschiedlich viel Koffein enthält. Wie beim Wein unterscheidet sich schon die Ernte verschiedener Regionen, Plantagen und Jahrgänge – und selbst innerhalb eines Kaffeesacks kann jede Bohne einen anderen Koffeingehalt haben.
Trotzdem erlebt nicht nur der Filterkaffee ein Comeback, sondern auch der Fokus wandert zurück zum Ausgangspunkt: Kaffee soll wach machen. „Die Menschen leben schneller als je zuvor, und ihnen dämmert so langsam, dass Energy-Drinks und Pillen ungesund sind“, sagt Grogan. „Viele suchen nach dem stärkstmöglichen Kaffee, und den geben wir ihnen gerne.“
Rossi räumt ein, dass ihm selbst die firmeneigene Dosierung für richtig starken Kaffee zu heftig ist. Aber er versteht, warum so mancher gern einen Kaffee im Haus haben möchte, von dessen Genuss er zittrig würde. „Das ist wie mit den Pferdestärken bei Autos“, sagt Rossi. „Viele Leute wollen möglichst viele PS unter der Haube haben, auch wenn sie sowieso nicht viel schneller als 100 km/h fahren dürfen.“