Bericht der EZB: Europas Phantom-Reichtum
In allen Krisenländern wohnen zwischen 70 und 80 Prozent in eigenen Immobilien.
Foto: HandelsblattDüsseldorf. Die Europäische Zentralbank sitzt auf einem explosiven Datenschatz, den sie nur sehr zögerlich an die Öffentlichkeit kommen lassen will. Seit 2006 hat sie in einem sehr aufwendigen Verfahren erhoben, über welche Vermögenwerte und Schulden die privaten Haushalte in den Euro-Länder verfügen. Einzelne vorab veröffentlichte Zahlenreihen legten den Schluss nahe, dass ausgerechnet die Krisenländer in Südeuropa in Wahrheit alles andere als arm sind und die teuren Rettungsmaßnahmen selbst schultern könnten. Am Donnerstag nun hat die EZB nun den 133 Seiten starken „ersten Bericht zur Vermögenssituation privater Haushalte in der Eurozone“ vorgelegt, der den Euro-Gegnern Argumente liefert. Allerdings nur auf den ersten Blick.
Tatsächlich bestätigen sich die Vermutungen, dass Deutschland weit von den reichsten Haushalten der Euro-Zone entfernt ist. Mit einem Nettovermögen von im Durchschnitt 710.000 Euro stehen die Luxemburger an der Spitze der Tabelle, dicht gefolgt von – ausgerechnet – Zypern mit 671.000 Euro. Und auch die potenziellen Krisenstaaten Spanien (290.000) und Italien (275.000) liegen über dem Durchschnitt der Euro-Zone (230.000) – Deutschland mit einem Nettovermögen der Privathaushalte von 195.000 Euro rangiert deutlich darunter.
Ein anderer Vergleich macht das Missverhältnis noch deutlicher: Deutschland stellt innerhalb der Euro-Zone zwar knapp 29 Prozent aller Haushalte, auf diese entfallen aber nur 24 Prozent des Vermögens in der Euro-Zone. Genau umgekehrt die Lage in Zypern: In dem Ministaat haben gerade mal 0,2 Prozent der Haushalte der Euro-Zone ihre Heimat, aber die verfügen über 0,6 Prozent des Vermögens.
Die EZB hat über die Angaben zum Durchschnittsvermögen hinaus auch jeweils den Median angegeben. Darin geht es um den Haushalt in der Mitte der Gesellschaft: Das ist eben nicht der Durchschnittshaushalt, sondern der Haushalt in der Mitte einer Aufreihung. Im Klartext: Jeweils die Hälfte aller anderen Haushalte ist entweder reicher/ärmer, größer/kleiner, was auch immer.
Auf dieser Basis fällt das Ergebnis noch krasser aus, Deutschland landet demnach auf dem letzten Platz der Euro-Vermögensstatistik: Das Median-Vermögen deutscher Haushalte beläuft sich laut EZB auf nur 51.400 Euro. Dagegen verfügen Luxemburger Haushalte mit 397.800 Euro über die höchsten Vermögen. Und auch in Zypern (266.900) oder Spanien (182.700) verfügt der Median-Haushalte über mehr Geld.
Sehr spannend, aber eine andere Geschichte ist das große Missverhältnis in Deutschland zwischen Median und Mittelwert: Der Medianhaushalt verfügt nur über ein Viertel des Vermögend des Durchschnittshaushaltes - was zeigt, wie ungleich das Vermögen in Deutschland verteilt ist.
Soweit, so klar. Aber laut Eingeständnis der EZB gibt es bei den Daten zum einen viele Einschränkungen und Fußnoten – und zum anderen ist die Interpretation der Daten alles andere als simpel. Die EZB hat zwar einigen Aufwand betrieben, um die Daten der mehr als 60.000 befragten Haushalte vergleichbar zu machen. Aber die Zahlen beziehen sich in der Regel auf Jahre vor der Euro-Krise. Bei einzelnen Datenreihen und Ländern sind die Zahlen schon sechs Jahre alt.
Die EZB selbst betont unter anderem die unterschiedlichen Haushaltsgrößen. Die weichen allerdings so stark auch nicht voneinander ab: In Deutschland wohnen 2,04 Menschen in einem Haushalt, in Zypern sind es 2,76 Personen.
Viel entscheidender ist der Umstand, dass das Vermögen in den „reichen“ Krisenstaaten vor allem aus Immobilien besteht. Und gerade in Ländern wie Spanien, Italien und Griechenland ist der Immobilienmarkt zu Beginn des Jahrtausends durch die Decke gegangen. Im Klartext: Viele Italiener konnten sich 2010 über enorme Vermögenswerte in ihren privaten Bilanzen freuen, doch die standen nur auf dem Papier und sind in den vergangenen Krisenjahren kräftig geschrumpft.
In allen Krisenländern wohnen zwischen 70 und 80 Prozent in eigenen Immobilien. Darüber hinaus haben sehr viele Haushalte in Immobilien investiert, die sie nicht selbst nutzen: In Italien war es 2010 jeder vierte Haushalt, in Zypern sogar jeder zweite. In Deutschland dagegen gibt es sehr viel weniger Immobilienbesitz: Nur 44 Prozent der Haushalte wohnt im eigenen Heim, 17 Prozent haben in Immobilien investiert.
Zur weiteren Einschätzung wäre es wichtig zu wissen, was diese Immobilien wert sind – auf dem Papier und in der Realität. Dazu liefert der EZB-Bericht aber nur Hinweise, keine exakten Durchschnittswerte.
Stattdessen nutzen die EZB-Experte erneut den Median, der sich wie gesagt auf den „mittleren Haushalt“ bezieht. Der Median-Wert einer selbstgenutzten Immobilie in der Euro-Zone beträgt 180.000 Euro. Das ist auch genau der Wert der Median-Immobilie eines Haushaltes in Spanien. In Italien (200.000 Euro), Zypern (250.000 Euro) oder gar Luxemburg (500.000) sind die selbstgenutzten Immobilien der Haushalte laut Median deutlich mehr wert als in der gesamten Euro-Zone, in Deutschland mit 168.000 Euro dagegen weniger.
Der Durchschnittswert der Immobilien kann davon deutlich abweichen, der Median-Wert deutet aber daraufhin, dass in den Südländern der Immobilienboom den Papierwert der Eigenheime und Wohnungen kräftig verschoben hat – und die Haushalte damit in der Statistik reicher gemacht hat.
Die Debatte über die Aussagekraft dieser Reichtumszahlen wird sofort entbrennen. Auf jeden Fall geben sie nur einen Ausschnitt der Finanzkraft der betroffenen Länder wieder. Um ein komplettes Bild zu erhalten, dürfe man nicht nur das Vermögen der privaten Haushalte betrachten, sondern auch das Staatsvermögen, das Auslandsvermögen und das Unternehmensvermögen, betont DIW-Experte Markus M. Grabka.
Das Einkommen ist in Luxemburg am höchsten
Zu ganz anderen Ergebnissen kommt man auch, wenn man gar nicht auf das Vermögen, sondern auf die finanzielle Leistungsfähigkeit der Haushalte schaut. Mit weitem Abstand ist das Einkommen pro Haushalt in Luxemburg am höchsten: Im Durchschnitt liegt es bei 83.700 Euro pro Jahr. Der Median liegt immerhin noch bei 64.800 Euro. Damit weicht der Wert zwar deutlich ab – und zwar um rund 22 Prozent, liegt jedoch immer noch höher als jedes andere Einkommen in der Eurozone.
Über weit weniger, aber immer noch mehr als die meisten anderen Euro-Länder, verfügen Belgien (49.500 Euro/Median: 33.700 Euro), die Niederlande (Durchschnitt: 45.800 Euro/Median:40.600 Euro), Finnland (Durchschnitt: 45.100 Euro/Median: 36.300 Euro), und Deutschland (43.500 Euro/Median: 32.500 Euro). Zum Vergleich: In der Eurozone liegt das durchschnittliche Einkommen pro Haushalt bei 37.800 Euro, der Median nur bei 28.600 Euro – ein Unterschied von 30 Prozent.
Das ist deshalb so wichtig, weil eben genau diese Abweichung einen Hinweis auf die Verteilung der Einkommen gibt. Dabei gilt: „Je weiter der Mittelwert vom Median entfernt ist, desto ungleicher ist die entsprechende Verteilung“, sagt Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).
Deutschland weist den höchsten prozentualen Unterschied von rund 35 Prozent zwischen durchschnittlichem Einkommen und Median auf. Doch auch bei anderen Ländern ist die Abweichung hoch: Luxemburg und Belgien, aber auch Griechenland und Spanien weisen Werte von mehr als 30 Prozent auf. Vergleichsweise geringe Abweichungen – also geringe Ungleichheit bei der Einkommensverteilung – gibt es bei der Slowakei, Slowenien und Malta (jeweils unter 20 Prozent). Doch in Holland – einem der Länder mit dem höchsten Einkommen pro Haushalt – ist das Einkommen am gerechtesten verteilt. Hier liegt die Quote nur bei rund 12 Prozent.
Betrachtet man nur das Einkommen, ohne die Frage nach der Verteilung zu stellen, zeigt sich: Die reichsten Länder wie Deutschland, Holland, Luxemburg und Frankreich haben auch ein hohes Einkommen zur Verfügung. Krisenländer wie Griechenland, Zypern und Co. müssen mit deutlich weniger Einkommen pro Haushalt auskommen.
Während die Slowakei in einem Ranking den letzten Platz belegt (Durchschnitt: 13.500 Euro/Median: 11.200 Euro), folgen, ebenfalls als Schusslichter, Portugal (Durchschnitt 20.300 Euro/Median: 14.600 Euro), Slowenien (Durchschnitt: 22.300 Euro/Median: 18.000 Euro), Malta, (Durchschnitt: 26.400 Euro/Median: 21.600 Euro) Griechenland (Durchschnitt: 27.700 Euro/Median: 22.000 Euro) und Spanien (Durchschnitt: 24.800 Euro/Median: 31.300 Euro). Damit sind alle Länder, die von der Euro-Krise besonders stark betroffen sind, in Sachen Einkommen auf der Verliererseite.
Interessant werden die Zahlen auch dann, wenn man das Einkommen ins Verhältnis zum Anteil der Lebensmittelkosten setzt. Auch hier sind die Krisenländer erneut auf der Verliererseite: Sie müssen prozentual am meisten Geld für Lebensmittel ausgeben. Fast 30 Prozent ihres Einkommens legen Slowenen für Lebensmittel auf den Tisch, ähnlich wie die Portugiesen, Griechen, Slowaken, Malteser und Zyprer. Die reichen Länder müssen weniger Anteil ihres Einkommens für Essen berappen. Luxemburg, Deutschland, Holland, Frankreich und Österreich legen zwischen 16,9 Prozent (Österreich) und 12,6 Prozent (Holland) auf die Ladentheke. Deutschlands Anteil liegt bei 15,6 Prozent.