Bücher zum 11. September: Hohe Auflagen mit Verschwörung
War es doch die CIA? Mit vermeintlichen Enthüllungsbüchern machen die Verlage beste Geschäfte. Die Autoren wollen in plakativer Manier die „Lügen“ der Mächtigen entlarven. Sachlich orientierte Bücher zu den Anschlägen vom 11. September 2001 haben es deutlich schwerer bei den Lesern.
Foto: AFPDüsseldorf. Die Enthüllungsexperten sind nicht zimperlich. „Sie haben alles dafür getan, die Ermittlung und Aufklärung der Anschläge zu verhindern und nicht der Wahrheit des 11.9. auf den Grund zu gehen, sondern den Grund für eine Kriegserklärung zu liefern“, schreiben Mathias Bröckers und Christian C. Walther über US-Präsident George W. Bush und seinen Vize Dick Cheney in ihrem Buch „11.9. – Zehn Jahre danach. Der Einsturz eines Lügengebäudes“.
Und Gerhard Wisnieswki hat „neue Beweise“. Ein Zitat von Osama Bin Laden, aus einem Interview, das er am 28. September 2001 der pakistanischen Zeitung „Karachi Unmat“ gab: „Die Vereinigten Staaten sollten versuchen, die Täter in ihrem Inneren zu suchen.“ Die US-Regierung selbst hätte entsprechende Aussagen zusammengetragen, aber unter Verschluss gehalten, schreibt Wisniewski.
Er hat sein Buch „Operation 9/11“, das im Herbst 2003 erschien, für eine gerade erschienene Neuauflage überarbeitet. Sein Fazit: „Heute, zehn Jahre nach den Anschlägen des 11. September 2011, glaubt eigentlich kein vernünftiger Mensch mehr, dass es mit rechten Dingen zuging.“ Bröckers und Walther fragen, von welchen „Schuldigen“ eigentlich abgelenkt werde, wenn die Regierung selbst eine Verschwörungstheorie verbreite. „Wir kennen die Lügen über den 11. September, und wir wissen, wer sie in die Welt gesetzt hat“, schreiben sie plakativ.
Das wollen die Leute lesen. Schaurige Geschichten über geheime Verschwörungen, über mutmaßliche Drahtzieher von Regierungen und Geheimdiensten, die im Dunkeln operieren, ob sie nun zutreffen oder nicht. Internet und Fernsehen reichen offensichtlich nicht wie der Blick auf die Verkaufszahlen zeigt.
Unter den zahllosen Büchern, die zum Jahrestag von 9/11 erschienen sind, räumen die Titel ab, die mit dramatischem Unterton Verschwörungen aufdecken wollen. War Osama Bin Laden gar nicht schuld an 9/11? War es doch die CIA? Sind wir alle Opfer einer globalen Gehirnwäsche geworden? Ähnlich groß war das Interesse an dieser Art von Büchern in den 60ern nach dem Mord an John F. Kennedy.
Die Verlage sind zufrieden. „Wir drucken bereits die vierte Auflage von „11.9. – Zehn Jahre danach““, sagt ein Sprecher des Frankfurter Verlags Westend über das erst im Juli erschienene Buch. „Die Gesamtauflage der drei 9/11-Bücher von Bestsellerautor Mathias Bröckers liegt nun bei 250 000 Exemplaren.“
„Das Buch war über vier Monate auf der Bestsellerliste, und es wurden damals 100 000 Exemplare verkauft“, sagt Esther von Bruchhausen von Droemer Knaur über „Operation 9/11“. „Die erste Ausgabe ist im Herbst 2003 erschienen.“ Für die Neuauflage habe Wisnieswski neue Gutachten von Sprengstoffexperten und Sachverständigen für Bauwesen zu Rate gezogen, eine Fülle von offiziellen Dokumenten gesichtet und auch die neuesten Erkenntnisse über El Kaida eingearbeitet.
Gerhard Wisnewski:
Operation 9/11,
Droemer Knaur,
München 2011,
480 Seiten, 12,99 Euro
Foto: Verlagsgruppe Droemer Knaur
Das Buch „Die CIA und der 11. September“ des SPD-Politikers Andreas von Bülow stand 2003 wochenlang auf der „Spiegel“-Bestsellerliste und hat sich seitdem rund 200 000 Mal verkauft. Im August hat Bülow, in den frühen achtziger Jahren Bundesforschungsminister, eine Neuauflage seiner Theorien über die „geheimdienstliche Unterstützung“ der Terrorangriffe herausgebracht.
Ulrich Wank, Programmleiter Piper Sachbuch, weiß das für den Verlag erfreuliche Phänomen zu deuten: „Es gibt Ereignisse, bei denen jeder weiß, wo er war, als er von ihnen erfahren hat, die sich in das kollektive Gedächtnis förmlich eingebrannt haben. Zu ihnen zählt auch der 11. September, deshalb lesen viele Menschen immer wieder über diesen Tag, seine Vor- und seine Nachgeschichte.“ Der Verlag wolle dem „Leserinteresse gerecht“ werden und das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten, „mit großem Erfolg “.
Und es gibt eine zweite Erklärung für die Faszination für diese Art von Büchern. „Ganz sicher ist der psychologische Aspekt der Angstbewältigung zentral. Die Welt ist unüberschaubar geworden, und an zufällige Entwicklungen wollen viele nicht glauben“, sagt Helmut R. Feller, Leiter Gesamtkoordination Buch bei Bastei Lübbe. „Gott oder andere jenseitige Mächte kommen als Erklärung nicht mehr infrage, folglich müssen es irdische oder ähnliche Mächte sein. Sie zu benennen, schafft Orientierung und bannt unkontrollierte Ängste. Womöglich spielen dann auch Ressentiments gegenüber bestimmten Organisationen eine Rolle“, sagt er.
Der Kölner Verlag ist auf die belletristische Variante von Verschwörungsbüchern spezialisiert und verdient damit Millionen. Blockbuster sind die Thriller von Dan Brown, die seit 2003 den Markt bewegen. „Illuminati“, „Sakrileg“ und „Das verlorene Symbol“ greifen das Leserinteresse an geheimen Machenschaften auf.
Die deutschsprachigen Auflagenzahlen von Dan Brown haben bislang für „Illuminati“ und „Sakrileg“ jeweils über fünf Millionen Exemplare und für „Das verlorene Symbol“ über zwei Millionen Exemplare erreicht. Die Gesamtauflage aller deutschsprachigen „Dan Brown“-Ausgaben beträgt sogar über 16,5 Millionen Exemplare.
Dagegen haben es sachliche Betrachtungen der Weltpolitik und Religionen schwerer. Im Vergleich zu den sechsstelligen Auflageerfolgen der Verschwörungssachbücher erreichen Titel wie Bernd Greiners Buch „9/11“ vom C.H. Beck Verlag bei den Verlaufszahlen den fünfstelligen Bereich. Für Beck-Lektor Sebastian Ullrich dennoch „ein erfreulicher Erfolg“. Ging es bei dem Titel schließlich darum, „die zahlreichen Verschwörungstheorien zu entkräften und den Blick auf die problematischen Folgen der Anschläge zu lenken“.
Mythen scheinen die Leser mehr zu fesseln als die Realität. Denn verschwörungsideologische Sujets „scheinen eine einfache und verständliche Erklärung für komplizierte und unverständliche Ereignisse zu bieten“, meint Wolfgang Wippermann in seinem lesenswerten Buch „Top Secret – Die großen Verschwörungstheorien und was dahinter steckt“, in dem er die Enthüllungsexperten genussvoll und mit ausführlichen Belegen demontiert.