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Vorbild für Europa?Fracking hilft den USA aus der Öl-Falle

Lange waren die USA vom Scheich-Öl abhängig, der Rohstoff war der wunde Punkt der Supermacht. Dank des umstrittenen Frackings dürfte Amerika sich bald aus dieser Falle befreien. Das könnte ein Vorbild für Europa sein. 08.04.2014 - 10:23 Uhr Artikel anhören

Fracking – von Umweltschützern verdammt, von Industrievertretern geliebt.

Foto: AFP

Washington/Brüssel. „Drill, baby, drill!“ Es war eine einfache Antwort, die Präsidentschaftsanwärter John McCain auf die US-Energieprobleme hatte. Das Motto „Bohre, Baby, bohre“ brachte dem Republikaner 2008 zwar nicht den erhofften Sieg. Doch sein erfolgreicher Kontrahent Barack Obama hat die Strategie übernommen. Parallel zu Sonne und Wind setzt der selbst ernannte Klimaschutz-Präsident mittlerweile auch aufs Fracking, um die Abhängigkeit der Vereinigten Staaten von ausländischem Öl und Gas zu verringern. Nun will er vor dem Hintergrund der Krim-Krise auch die Europäer von der umstrittenen Fördermethode überzeugen.

Beim Fracking werden tiefliegende Gesteinsschichten angebohrt und das dort lagernde sogenannte Schiefergas und -öl mit Hilfe von Chemikalien gelöst. Während Umweltschützer die Methode verdammen, weil sie um das Grundwasser fürchten, lieben Industrievertreter sie. Denn mehr Gas und Öl bedeutet niedrigere Preise. Ein guter Teil des fragilen US-Wirtschaftsaufschwungs nach der Krise 2008/2009 beruht auf dieser billigen Energie.

Und so lässt Obama immer mehr Ölfelder und Bohrinseln genehmigen. Die staatliche US-Energieinformationsagentur (EIA) rechnet damit, dass in den USA im Jahr 2016 jeden Tag 9,5 Millionen Barrel Rohöl gefördert werden - fast doppelt so viel wie 2008. Heute sind es nach einem rasanten Anstieg schon knapp 8 Millionen Barrel. Nach den Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) dürften die USA bereits 2015 und damit ein Jahr früher als erwartet zum größten Ölproduzenten der Welt aufsteigen - noch vor Russland und Saudi-Arabien.

Fracking: Segen oder Umweltverbrechen?
Neue Technologien sind oft umstritten. Doch beim Fracking geht der Streit weit über das normale Maß hinaus. Ist die Fördertechnik für Erdgas der Umweltfeind Nummer eins seit der Atomkraft? Oder doch nur eine missverstandene, aber vielversprechende Technologie?
Beim Fracking wird kilometertief in die Erde gebohrt - und dann noch einmal horizontal, zuweilen sechs Kilometer weit. In die Kanäle wird ein Chemiecocktail gepresst, der den Boden aufreißt. Sand in der Flüssigkeit sorgt dafür, dass sich die Risse nicht wieder schließen. Durch sie treten das Erdgas - oder andere Rohstoffe - aus, die dann wie üblich gefördert werden können.
Im kanadischen Dawson Creek stand erst ein Bohrturm, 50 Meter hoch. Danach kam das eigentliche Fracking: Sechs gewaltige Trucks stehen dicht nebeneinander und pumpen die Lauge in die Bohrlöcher, 100.000 Kubikmeter pro Bohrfeld. Man versteht sein eigenes Wort nicht, aber die Arbeiter schauen fast gelangweilt auf die Messinstrumente. Ihre Schichten sind hart, der Lohn sind 70.000 bis 140.000 Euro im Jahr. Sind sie weg, ist auch der Lärm weg. Dann soll das Gas 20, 30 Jahre leise aus der Erde in die Pipelines steigen.
Don Vander Velde ist 68 Jahre alt. Sein ganzes Leben hat er auf dem Land in Alberta, Kanada, gelebt, das seiner Familie seit 1904 gehört. Seit einem Jahrzehnt wird in der Nähe gefrackt. „Manchmal bebt der Boden“, sagt der Farmer. „Und was für Chemikalien kommen da rein?“ Don ist beunruhigt, weil er Kinder, Enkelkinder und eine Urenkelin hat. Die kleine Aspen ist zehn Monate. „Ich bin alt, aber ich möchte nicht ihre Zukunft verspielen.“ Dabei habe er nichts gegen die Förderung. „Ich will auch Energie. Alberta braucht das Gas, so wie es uns Farmer braucht. Also fördert! Aber macht es sicher!“
Encana ist ein Fracking-Riese und Kellen Foreman ist seit elf Jahren dabei. „Wir wollen Transparenz“, beteuert der 29-Jährige. Deshalb würden für Millionen Dollar Zehntausende Wasserproben untersucht. „Und bei nicht einer einzigen ist irgendwo in Kanada eine Verunreinigung des Trinkwassers nachgewiesen worden.“ Und die Erschütterungen? Nur mit feinen Instrumenten messbar. Er könne die Sorgen der Menschen völlig verstehen. „Aber es steckt eine Menge Wissenschaft hinter Fracking. Wir sind keine Cowboys, die da rausgehen und die Erde aufwühlen. Das ist Hochtechnologie.“
Hannelore Kraft ist 8000 Kilometer weit gereist, um sich selbst ein Bild zu machen. Mit rotem Overall und weißem Helm steht die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen im Matsch von Dawson Creek in der Wildnis Kanadas, spricht mit den Arbeitern, untersucht die Bohrköpfe und befühlt die Chemielauge, die verpresst wird. „Ich kann mir das im Münsterland nicht so recht vorstellen“, sagt sie. Kraft ist beeindruckt, das merkt man ihr an. Auch von der Offenheit der Arbeiter und der Bohrfirma - in den Augen vieler doch „die Bösen“. Aber kann die Technik auch in Deutschland eingesetzt werden, einem Land das mehr als doppelt so viele Einwohner wie Amerika auf einem Dreißigstel der Fläche hat? „Es ist noch nicht reif, das zu entscheiden. Aber ich kann mir das im dicht besiedelten NRW kaum vorstellen.“
Uwe Schneidewind ist einer der wenigen Fracking-Experten in Deutschland. Der Professor und Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie sieht vier Punkte zur Beurteilung von Fracking: klimapolitisch („Unkonventionelle Kohlenstoffvorkommen möglichst nicht anrühren“), volkswirtschaftlich („Arbeitsplatzeffekt ist vorhanden, aber beschränkt“; „Gaspreis sinkt, aber in Europa nicht nachhaltig“), geostrategisch („Abhängigkeit von anderen sinkt, bleibt aber bestehen“) und ökologisch („selbst bei Lösung vieler Probleme in Europa nicht wirklich attraktiv“).
„Gasland“ war ein Welterfolg. Der Dokumentarfilm von Josh Fox aus dem Jahr 2010 wurde nicht nur für den Oscar nominiert, sondern er hat das Thema Fracking auch für die breite Öffentlichkeit erst auf die Tagesordnung gesetzt. In der Schlüsselszene wird ein Wasserhahn aufgedreht und das Wasser angezündet – es brennt. Scharfe Kritik kam von der Branche, aber auch durch einen Kollegen: In „FrackNation“ bezichtigt Filmemacher Phelim McAleer seinen Kollegen Fox, wissentlich ungenau gewesen zu sein. So habe es Berichte über entzündetes Leitungswasser lange vor Fracking gegeben. Inzwischen gibt es „Gasland II“. Als die Dokumentation im April auf dem New Yorker Tribeca-Filmfestival gezeigt wurde, wurden Fans von „FrackNation“, trotz Karten, nicht eingelassen.

Bei seinem jüngsten Besuch forderte Obama die Europäer auf, ebenfalls neue Energiequellen zu erschließen und sich damit unabhängiger von Russland zu machen. „Ich denke, es ist nützlich für Europa, seine eigenen Energievorkommen anzuschauen“, sagte er bei einem Treffen mit EU-Spitzenvertretern in Brüssel. Die EU-Staaten sollten ihre Energiepolitik überdenken, „um zusätzliche Wege zu finden, wie sie ihre Energieunabhängigkeit ausbauen und beschleunigen können.“

Damit meinte Obama auch das Fracking, gegen das es besonders in Deutschland massive Widerstände gibt. „Jede mögliche Energiequelle hat Schwierigkeiten oder Nachteile“, betonte Obama. „Es gibt keine perfekte, ideale und billige Energiequelle.“ Die Europäer könnten sich nicht allein auf die USA verlassen, machte er klar.

Infografik

Woher kommen die Rohstoffe für deutsche Energie?

Bei der Energie hängt Europa noch am Tropf Russlands. Von dort bezieht die Europäische Union nach Angaben der EU-Kommission etwa je ein Drittel ihrer Importe an Rohöl und Erdgas. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat allerdings die Erwartungen an ein rasches Ende der Abhängigkeit von russischen Lieferungen gedämpft. Zum Rohstoffhandel gehöre auch eine bestimmte Infrastruktur: „Die ist im Augenblick an vielen Stellen noch nicht so da, wie wir das brauchen könnten.“

In den USA sind die Garanten für den Ölreichtum vor allem die Bundesstaaten Texas und North Dakota. Für das Weiße Haus ist es ökonomisch und geopolitisch vorteilhaft, den Energiehunger immer weniger aus Importen decken zu müssen. Nicht nur verbessert sich so die Handelsbilanz deutlich. Es macht die US-Konjunktur auch weniger „von etwas abhängig, was auf der anderen Seite der Welt passiert“, etwa Unruhen im Nahen Osten, wie Obama es ausdrückte.

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Bis 2016 werde der Import von Flüssigbrennstoffen auf ein Viertel des gesamten US-Bedarfs fallen, schätzt die Energieinformationsagentur. Es bestehen mittlerweile so geringe Sorgen vor einem Öl-Engpass, dass die Industrie und auch einige Politiker bereits fordern, das 1975 verhängte weitgehende Verbot von Rohöl-Exporten zu lockern. Die Raffinerien arbeiteten bereits an ihrer Kapazitätsgrenze und könnten oft mit dem Schieferöl nicht umgehen, lautet eines der Argumente.

Nicht nur die energieintensiven Industrien freut die Ölschwemme. Für die Stimmung der US-Verbraucher spielt der Preis an der Tankstelle ebenfalls eine entscheidende Rolle. Denn je weniger Geld die Amerikaner für Sprit ausgeben müssen, umso mehr ihres Einkommens bleibt für andere Anschaffungen übrig. Nachdem die Preise für die Gallone (3,79 Liter) zwischenzeitlich auf über 4 Dollar geklettert waren, lagen sie nach Angaben der EIA zuletzt im Schnitt bei 3,55 Dollar - umgerechnet 94 Eurocent pro Liter.

dpa
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