Vorbild für Europa?: Fracking hilft den USA aus der Öl-Falle
Fracking – von Umweltschützern verdammt, von Industrievertretern geliebt.
Foto: AFPWashington/Brüssel. „Drill, baby, drill!“ Es war eine einfache Antwort, die Präsidentschaftsanwärter John McCain auf die US-Energieprobleme hatte. Das Motto „Bohre, Baby, bohre“ brachte dem Republikaner 2008 zwar nicht den erhofften Sieg. Doch sein erfolgreicher Kontrahent Barack Obama hat die Strategie übernommen. Parallel zu Sonne und Wind setzt der selbst ernannte Klimaschutz-Präsident mittlerweile auch aufs Fracking, um die Abhängigkeit der Vereinigten Staaten von ausländischem Öl und Gas zu verringern. Nun will er vor dem Hintergrund der Krim-Krise auch die Europäer von der umstrittenen Fördermethode überzeugen.
Beim Fracking werden tiefliegende Gesteinsschichten angebohrt und das dort lagernde sogenannte Schiefergas und -öl mit Hilfe von Chemikalien gelöst. Während Umweltschützer die Methode verdammen, weil sie um das Grundwasser fürchten, lieben Industrievertreter sie. Denn mehr Gas und Öl bedeutet niedrigere Preise. Ein guter Teil des fragilen US-Wirtschaftsaufschwungs nach der Krise 2008/2009 beruht auf dieser billigen Energie.
Und so lässt Obama immer mehr Ölfelder und Bohrinseln genehmigen. Die staatliche US-Energieinformationsagentur (EIA) rechnet damit, dass in den USA im Jahr 2016 jeden Tag 9,5 Millionen Barrel Rohöl gefördert werden - fast doppelt so viel wie 2008. Heute sind es nach einem rasanten Anstieg schon knapp 8 Millionen Barrel. Nach den Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) dürften die USA bereits 2015 und damit ein Jahr früher als erwartet zum größten Ölproduzenten der Welt aufsteigen - noch vor Russland und Saudi-Arabien.
Bei seinem jüngsten Besuch forderte Obama die Europäer auf, ebenfalls neue Energiequellen zu erschließen und sich damit unabhängiger von Russland zu machen. „Ich denke, es ist nützlich für Europa, seine eigenen Energievorkommen anzuschauen“, sagte er bei einem Treffen mit EU-Spitzenvertretern in Brüssel. Die EU-Staaten sollten ihre Energiepolitik überdenken, „um zusätzliche Wege zu finden, wie sie ihre Energieunabhängigkeit ausbauen und beschleunigen können.“
Damit meinte Obama auch das Fracking, gegen das es besonders in Deutschland massive Widerstände gibt. „Jede mögliche Energiequelle hat Schwierigkeiten oder Nachteile“, betonte Obama. „Es gibt keine perfekte, ideale und billige Energiequelle.“ Die Europäer könnten sich nicht allein auf die USA verlassen, machte er klar.
Bei der Energie hängt Europa noch am Tropf Russlands. Von dort bezieht die Europäische Union nach Angaben der EU-Kommission etwa je ein Drittel ihrer Importe an Rohöl und Erdgas. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat allerdings die Erwartungen an ein rasches Ende der Abhängigkeit von russischen Lieferungen gedämpft. Zum Rohstoffhandel gehöre auch eine bestimmte Infrastruktur: „Die ist im Augenblick an vielen Stellen noch nicht so da, wie wir das brauchen könnten.“
In den USA sind die Garanten für den Ölreichtum vor allem die Bundesstaaten Texas und North Dakota. Für das Weiße Haus ist es ökonomisch und geopolitisch vorteilhaft, den Energiehunger immer weniger aus Importen decken zu müssen. Nicht nur verbessert sich so die Handelsbilanz deutlich. Es macht die US-Konjunktur auch weniger „von etwas abhängig, was auf der anderen Seite der Welt passiert“, etwa Unruhen im Nahen Osten, wie Obama es ausdrückte.
Bis 2016 werde der Import von Flüssigbrennstoffen auf ein Viertel des gesamten US-Bedarfs fallen, schätzt die Energieinformationsagentur. Es bestehen mittlerweile so geringe Sorgen vor einem Öl-Engpass, dass die Industrie und auch einige Politiker bereits fordern, das 1975 verhängte weitgehende Verbot von Rohöl-Exporten zu lockern. Die Raffinerien arbeiteten bereits an ihrer Kapazitätsgrenze und könnten oft mit dem Schieferöl nicht umgehen, lautet eines der Argumente.
Nicht nur die energieintensiven Industrien freut die Ölschwemme. Für die Stimmung der US-Verbraucher spielt der Preis an der Tankstelle ebenfalls eine entscheidende Rolle. Denn je weniger Geld die Amerikaner für Sprit ausgeben müssen, umso mehr ihres Einkommens bleibt für andere Anschaffungen übrig. Nachdem die Preise für die Gallone (3,79 Liter) zwischenzeitlich auf über 4 Dollar geklettert waren, lagen sie nach Angaben der EIA zuletzt im Schnitt bei 3,55 Dollar - umgerechnet 94 Eurocent pro Liter.