Hall of Fame für Familienunternehmen: Widerstand ist Ansporn
München.
Roland Mack, Chef des Europaparks Rust, entwickelte einst auf einem Bierdeckel auf dem Rückflug aus den USA seine Vision eines Freizeitparks. Er kämpfte ein Vierteljahrhundert für eine eigene Autobahnausfahrt. Er schuf Deutschlands beliebtesten und größten Freizeitpark, auch wenn das Wetter im Ortenau-Kreis nicht so schön ist wie beim großen US-Konkurrenten in Orlando, erklärt Laudator Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen. Heute strömen fünf Millionen Besucher jedes Jahr in den Europapark.
Solchen Geschichten lauschen Familienunternehmer gern. Mehr als 190 von ihnen waren am Mittwochabend in das The Charles Hotel in München gekommen, um die neuen Mitglieder in die Handelsblatt Hall of Fame der Familienunternehmen aufzunehmen.
In seiner Laudatio lobte Heidbreder die Weitsicht des Unternehmers Roland Mack. „Die weltweit einzigartige Kombination von Anlagenbauer und Betreiber ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal, mit dem Mack seine Kunden bis heute überzeugt.“ So baut er neue Achterbahntypen stets als erstes in seinem Park, um den Abnehmern zu beweisen, dass ein Modell funktioniert und von den Besuchern angenommen wird. Schließlich kostet so eine Achterbahn zwischen 15 und 30 Millionen Euro.
Heidbreder imponiert auch, wie der 66-Jährige immer wieder Neues ausprobiert. So stoße Roland Mack mit einer Filmproduktionsfirma, die virtuelle Welten schafft, in völlig neue Geschäftsfelder vor. Fahrgästen würden über selbst entwickelte Brillen filmische Realitäten eingespielt, die auf die Bewegungen der Achterbahn aufs Genaueste abgestimmt sind. Langfristig sichere er sich so für den Fall ab, „falls die Menschen eines Tages tatsächlich lieber vor dem Bildschirm zuhause statt in einem Fahrgeschäft sitzen“.
In seiner Dankesrede offenbarte Roland Mack, dass er noch immer einen Heidenspaß an seiner Aufgabe hat: „Ich habe einen der schönsten Berufe überhaupt“, rief er den Unternehmern zu. Schließlich sehe er so viele leuchtende Kinderaugen. Er selbst, so verriet er, sei bis heute der erste Tester neuer Achterbahnen aus eigenem Haus. „Ich stehe hier in der siebten Generation“, unterstrich der Geehrte.
1780 hat sein Vorfahr Paul Mack einen Handwerksbetrieb im badischen Waldkirch gegründet, aus dem einmal das heutige Unternehmen hervorgehen sollte: Der Achterbahnhersteller Mack Rides, vor allem aber Deutschlands größter Freizeitpark, der Europapark. „Viele meiner Vorfahren würden sich freuen, dass ich diese Ehrung annehmen kann.“ Der Unternehmer hatte fast die gesamte Familie mitgebracht. Frau Marianne, die Söhne Michael und Thomas, beide bereits in der Geschäftsführung des Parks, deren Gattinnen, sowie Bruder Jürgen Mack mit Frau.
Auch Jörg Sennheiser, der in die Hall of Fame aufgenommen wurde, hat durch große Beharrlichkeit den Kopfhörer- und Mikrofonhersteller aus Wennebostel bei Hannover zu einem weltweit führenden Unternehmen aufgebaut.
Als er 1976 in die Firma seines Vaters Fritz einstieg, begegnete dem promovierten Elektroingenieur anfangs viel Skepsis. „Ich stand unter Beobachtung. Das kann sich keiner vorstellen, der das nicht selbst erlebt hat“, erzählt er in seiner Dankesrede. Schließlich wurde der damalige Sohn des Firmengründers viel kritischer beäugt als jeder familienfremde Manager. Doch selbst als Jörg Sennheiser vom angesehenen Entwicklungsleiter den internen Ritterschlag erhielt, gab es vom Vater oftmals Widerstand – selbst nach dessen offiziellen Abschied.
Als Firmenchef Jörg Sennheiser in den 80er-Jahren die erste eigene Vertriebstochter im Ausland eröffnen wollte, bekam er erneut heftigen Gegenwind vom Vater. Doch der Sohn ließ sich nicht beirren. „Mein Vater war ein ausgeprägter Patriarch. Ihm ist es schwer gefallen, wirklich loszulassen. Schon damals sagte ich mir: Das mache ich mal anders.“
Die Auslandsoffensive erwies sich als goldrichtig, heute erwirtschaftet das Unternehmen 85 Prozent des Umsatzes von rund 635 Millionen Euro im Ausland. Jörg Sennheiser machte das Unternehmen zu einer internationalen Marke mit exzellentem Klang. „Dieser Marke vertrauen Stars auf der ganzen Welt – von Madonna über Pink“, lobt Klaus Becker, Sprecher des Vorstands der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG, in seiner Laudatio.
Becker hebt hervor: „Jörg Sennheiser trifft mutige Entscheidungen – zum Wohle des Unternehmens. Er hat auch den Mut, „Nein“ zu sagen.“ Dass ein solches „Nein“ dann ausgerechnet Apple treffe, passiere dem Elektronik-Riesen aus Kalifornien sicher nicht alle Tage, erklärt Becker weiter. Das Angebot zur Zusammenarbeit bei der iPod-Fertigung lehnte Sennheiser ab, der Grund sagt Becker: „Weil ihm ein nachhaltiges Konzept fehlt.“ Aber weil auf Spitzenqualität von Sennheiser niemand verzichten wolle, führt Becker weiter aus, gebe es sie heute in jedem Apple Store: „Die Kopfhörer aus Wennebostel.“
Inzwischen führen die Söhne Andreas und Daniel das Unternehmen in dritter Generation erfolgreich weiter. Die Stabübergabe hat Jörg Sennheiser akribisch geplant. Dafür zollen ihm seine Söhne ehrlichen Respekt: „Unser Vater hat nicht nur Großes geleistet, sondern es auch aktiv wieder losgelassen – für die Zukunft der Firma.“
Und dann kommt der emotionale Höhepunkt des Abends. Die Grand Dame der deutschen Familienunternehmen, Maria-Elisabeth Schaeffler-Thumann, Gesellschafterin der Schaeffler Gruppe, ehrt als ihre Nachfolgerin in der Hall of Fame des Handelsblatts Nicola Leibinger-Kammüller, Chefin des Laserweltmarktführers Trumpf. Unter ihrer Führung verdoppelte der Maschinenbauer den Umsatz auf 2,7 Milliarden Euro.
Doch das ist Schaeffler-Thumann zu förmlich. „Liebe Nicola.“ Die gebürtige Österreicherin verdrückt eine Träne, als sie zum gesellschaftlichen Engagement der Schwäbin kommt. „Als Du der Internationalen Stiftung Mozarteum die Violine von Pietro Antonio Dalla Costa gespendet hast, die Mozart während seiner Wiener Jahre besessen hat und gespielt haben soll, war ich nahe an den Tränen der Rührung, wie auch jetzt.“ Es menschelt unter den bedeutendsten Frauen, die die deutschen Familienunternehmen derzeit zu bieten haben.
Dabei war das alles nicht selbstverständlich, dass sie, Nicola Leibinger-Kammüller, 2005 als Geisteswissenschaftlerin die Führung des Familienunternehmens übernahm. Im Filmporträt erzählt sie unumwunden, dass es die flexiblen Arbeitszeitmodelle unter der Ägide ihres Vaters nicht gegeben hätte: „Sie können nicht mehr so führen wie die Herren früher geführt haben.“
Leibinger Kammüller beginnt ihre Dankesrede mit einem Geständnis, das ihren Preisträger-Kollegen Roland Mack nicht richtig erfreuen kann. „Ich hab Angst vor Achterbahnen.“ Ansonsten aber hat sich die Preisträgerin in den mehr als zehn Jahren an der Spitze des Unternehmens nicht einschüchtern lassen, nicht von der Finanz- und Wirtschaftskrise, nicht von einem Umsatzeinbruch von 40 Prozent während der Krisenzeit und auch nicht vom Zweifel, ob man es schaffen kann. Denn genau das wollte Moderatorin Judith Rakers gern von Nicola Leibinger-Kammüller wissen. „Zweifeln muss man als denkender Mensch immer“, sagte die Geehrte.
Aber dann muss man schließlich klare Entscheidungen treffen. So gründete Trumpf 2014 die erste eigene Bank und 2015 eine eigene Softwaresparte. Dennoch: Die Laudatio sei doch übertrieben, meint die Unternehmerin. Bei Hall of Fame, da denke sie an den Walk of Fame in Hollywood, an Cary Grant, Doris Day oder auch David Bowie, aber nicht an „Nicola Leibinger-Kammüller aus Ditzingen“. Nun gehört sie trotzdem dazu.