Locomore: Start-up will mit nur einem Zug die Bahn überholen
Frankfurt/Main. Eisenbahn-Fans fühlen sich ein wenig in die 70er Jahre zurückversetzt, wenn sie die orangefarbenen Wagen der neuen Privatbahn Locomore sehen. Nicht ganz zufällig, denn das Berliner Start-up hat alte IC-Wagen der Deutschen Bahn aufmöbeln lassen, um ab dem 14. Dezember der Deutschen Bahn auf der Fernstrecke Konkurrenz zu machen. Tickets gibt es seit Freitag.
Das neue Angebot der Bahn-Pioniere muss schnell einigermaßen kostendeckend rollen. Mehr als 600.000 Euro haben sie als Startkapital per Crowdfunding im Internet eingesammelt. Rund 500 Plätze hat Locomore in seinem Zug von Stuttgart nach Berlin und wieder zurück anzubieten, die auf der langen Strecke quer durch Deutschland im Schnitt zwei Mal belegt werden sollten.
„Die Züge müssen mindestens halb voll sein“, gibt Locomore-Chef Derek Ladewig als Zielgröße aus – das macht rund 1000 verkaufte Tickets pro Tag. Zum Vergleich: Der DB-Fernverkehr hat täglich über 360.000 Kunden, rund 132 Millionen im Jahr.
Die erste Locomore-Strecke ist durchaus clever gewählt, denn an der Verbindung Stuttgart-Frankfurt-Hannover-Berlin lassen sich Uni-Städte wie Heidelberg, Darmstadt und Göttingen bequem abklappern. Unter den Studenten vermuten die Marketing-Leute preissensible und hochmobile Kunden, die obendrein noch internetaffin sind. Und denen es wenig ausmacht, etwas langsamer als mit dem ICE unterwegs zu sein, wenn sie in verkehrsschwachen Zeiten von Kassel für 13 Euro in drei Stunden nach Berlin fahren können. Das Internet über WLAN werde „mindestens gleich gut“ wie bei der DB funktionieren, verspricht die Firma.
Locomore sei eher als Konkurrenz zum Fernbus zu sehen, sagt Detlef Neuß, Präsident des Fahrgastverbands Pro Bahn. Die Deutsche Bahn – Fast-Monopolist auf der Fernstrecke – habe wegen des zunächst noch sehr überschaubaren Angebots der Herausforderer keine ernsthaften Einbrüche zu befürchten. Den zwei täglichen Locomore-Fahrten stehen schließlich rund 1300 im DB-Fernverkehr gegenüber. „Aber ich hoffe, dass ein wenig Schwung in den Laden kommt.“
Locomore will das eigene Unternehmen schlank halten. Neben dem Management sollen nur die Zugbegleiter direkt angestellt werden, weil diese im Service direkten Kundenkontakt haben. Die Züge fahren lassen sie von der schwedischen Hector Rail, die auch die Lokführer stellt.
In Großbritannien transportiert die Gesellschaft Go-Ahead eigenen Angaben zufolge mit 26.000 Mitarbeitern rund ein Drittel aller Bahnreisenden. So zum Beispiel „Ozzy“ Osbourne, Ex-Lead-Sänger der Band Black Sabbath, in Birmingham (Foto, Mitte). Das Unternehmen, das 1987 im Zuge der Privatisierung städtischer Busnetze durch ein Management-Buyout entstand, gehört inzwischen zu 30 Prozent der französischen SNCF-Tochter Keolis. In Baden-Württemberg will die 2014 in Berlin gestartete Deutschlandtochter nach der nun gewonnenen Ausschreibung 2019 Zugverbindungen aufnehmen.
Foto: APDie Pariser Gesellschaft Keolis, die in Deutschland die „Eurobahn“ (Foto) betreibt, ist eine 70-Prozent-Beteiligung der französischen Staatsbahn SNCF. Die restlichen 30 Prozent gehören einer kanadischen Pensionskasse. Keolis beschäftigt weltweit 60.000 Mitarbeitern und setzte zuletzt 5,6 Milliarden Euro um. Die von Düsseldorf aus gesteuerte Deutschland-Tochter ist in Ostwestfalen-Lippe, im sogenannten Hellweg-Netz zwischen Münster und Dortmund sowie zwischen Maas, Rhein und Lippe im Regionalverkehr aktiv. Ihr Marktanteil: Zwei Prozent.
Foto: dpaDie Hessische Landesbahn GmbH (HLB, Foto) gehört dem Land Hessen. Sie betreibt im Schienenverkehr die Strecken Lahntal-Vogelsberg-Rhön und Main-Lahn-Sieg. Hinzu kommen Verbindungen in der Wetterau, das Taunusnetz sowie die 3LänderBahn. In Deutschland kommt sie damit auf einen Marktanteil von drei Prozent.
Foto: dpaDas europaweit operierende Nahverkehrsunternehmen Abellio (Foto) wurde 2001 von der holländischen Staatsbahn Nederlandse Spoorwegen als NedRailways gegründet. Es beschäftigt mehr als 17.000 Mitarbeiter. Hierzulande zählen die Regionen Nordrhein Westfalen (Westfalen-Bahn) und Mitteldeutschland (Saale-Thüringen-Südharz-Netz) zu den Schwerpunkten. Gesteuert wird der Deutschlandbetrieb aus der Firmenzentrale in Berlin. Die operativen Einheiten sind Hagen, Halle/Saale und seit kurzem auch aus Stuttgart. Der Marktanteil liegt bei vier Prozent.
Foto: dpaDer Nahverkehrsanbieter Benex, der sich aus „Better Nexus“ („bessere Verbindung“) abkürzt, gehört zu 51 Prozent der Hamburger Hochbahn AG (HHA). Den Rest stellt der britische Infrastrukturfonds International Public Partnerships. Das Unternehmen mit 1.890 Mitarbeitern und 330 Millionen Euro Umsatz betreibt unter anderem die Regionallinien Metronom (Foto) und Ostdeutsche Eisenbahn (ODEG), was ihm einen deutschen Marktanteil von rund vier Prozent bringt.
Foto: dpaDie 2003 in Hamburg gegründete Tochter des damals britischen Transportkonzerns Arriva, die sich 2011 den Namen Netinera gab, ist nach eigenen Angaben nach Deutscher Bahn und Transdev das drittgrößte Eisenbahnunternehmen Deutschlands ¬ mit einem Marktanteil von vier Prozent. Nach dem Verkauf Arrivas an die Deutsche Bahn ging die Deutschland-Tochter 2010 an ein Konsortium der italienischen Staatsbahn Ferrovie dello Stato (51 % der Anteile) und eines französisch-luxemburgischen Infrastrukturfonds. Die 3.800 Mitarbeiter betreiben unter anderem die Regentalbahn, die Berchtesgadener Landbahn und die Vlexx (Foto), die auch nach Frankreich fährt.
Foto: dpaDer französische Bahn-Verfolger Transdev gehört der staatlichen staatlichen Caisse des Dépôts und Veolia. Der Konzern zählt 119.000 Beschäftigte und erwirtschaftete einen Umsatz von acht Milliarden Euro. In Deutschland betreibt die Gesellschaft unter anderem die Bayerische Oberlandbahn (Foto), die Nord-Ostsee-Bahn in Schleswig-Holstein und die Nordwestbahn in Niedersachsen – mit einem deutschen Marktanteil von vier Prozent.
Foto: dpaGemessen an den Zug-Kilometern ist die Deutsche Bahn im Regionalverkehr Marktführer. Ihr Anteil aber schwindet – im schlimmsten Fall auf 40 Prozent, denn zunehmend gehen Ausschreibungen der Verkehrsverbünde an Wettbewerber verloren. 2015 kam der einstige Monopolist noch auf 70,8 Prozent.
Foto: dpaDer ICE 4 wurde am 14. September 2016 in Berlin offiziell vorgestellt. Ab Ende 2017 geht er in Dienst und soll dann Schritt für Schritt die Züge der ersten beiden Generationen ablösen. Seit 25 Jahren fährt der Hochgeschwindigkeitszug durch Deutschland.
Foto: Deutsche BahnDer Intercity-Express hieß anfangs noch Intercity Experimental. Denn für die Deutsche Bahn war es eine Revolution. Der Hochgeschwindigkeits-Fernverkehr wurde auf Triebzüge umgestellt. Bis in die achtziger Jahre galten Lokomotiv-bespannte Züge als das Nonplusultra. 1987 bestellte die damalige Bundesbahn 41 ICE-Züge. Kostenpunkt 2,1 Milliarden D-Mark oder gut eine Milliarde Euro.
Foto: dpaIn Betrieb gingen die Züge vor genau 25 Jahren, parallel zur Eröffnung der ersten Hochgeschwindigkeitsstrecke Hannover-Würzburg. Später bestellte die Bahn noch einmal 19 Züge nach. Der schwärzeste Tag dieser ersten ICE-Generation war der 3. Juni 1999. In Eschede entgleiste ein Zug, 101 Menschen kamen ums Leben. Der ICE 1 fährt maximal 280 Stundenkilometer schnell.
Foto: dpa/picture-allianceDie Idee für eine zweien Generation von ICE-Zügen kam eigentlich aus der Marketingabteilung der Bahn, die gerade (1994) privatisiert worden war. Denn die 44 ICE bestanden im Gegensatz zu ihrem Vorgänger mit maximal 14 Mittelwagen nur noch aus sechs Mittelwagen. Dafür sind zwei Züge koppelbar. Die Bahn...
Foto: dpa...wollte mehr Flügelzüge einsetzen. So wird die Linie Berlin – Rheinland noch heute in Hamm getrennt, ein Zug fährt über das nördliche Ruhrgebiet nach Köln, der andere durch das südlich gelegene bergische Land. Hier hat es noch keinen Totalausfall gegeben. Alle Triebzüge sind bis heute im Einsatz. Höchstgeschwindigkeit 280 Stundenkilometer.
Foto: obsUm auch auf kurvenreichen Strecken schneller voranzukommen ohne dass die Gleisanlagen für Milliarden umgebaut werden müssen, entwickelte die Industrie auf Betreiben der Bahn in den neunziger Jahren den ICE T. 1999 und 2000 gingen insgesamt 70 Züge in Betrieb, deren Höchstgeschwindigkeit mit 230 Stundenkilometer naturgemäß geringer liegen konnte als bei den anderen ICEs.
Foto: dpaDas Besondere an diesen Fahrzeugen ist die so genannte Neigetechnik. Die Triebzüge legen sich regelrecht in die Kurven – was allerdings nicht alle Fahrgäste als angenehm empfinden. Die ICE T waren die ersten Fernzüge, bei denen Fahrgäste in den Lounges der Endwagen dem Lokführer sozusagen über die Schulter sehen konnten.
Foto: dpaEin Kind des Höchstgeschwindigkeitswahns. Die Deutsche Bahn, inzwischen seit gut einem halben Jahrzehnt eine privatrechtliche Aktiengesellschaft, beschaffte ab der Jahrtausendwende die dritte ICE-Generation, die es mühelos auf 330 Stundenkilometer schafft. Das allerdings auch nur auf speziellen Neubaustrecken wie die zwischen Köln und Frankfurt. 74 Einheiten sind inzwischen vom ICE 3 unterwegs, darunter einige, die mit Sicherungs- und Stromaufnahmesystemen für den Auslandsverkehr ausgestattet sind.
Foto: dpaEine gewisse Berühmtheit haben diese 17 Züge dadurch, dass sie zu einem Riesenkrach zwischen Deutscher Bahn und Siemens führten weil sie wegen technischer Probleme bei der Zulassung mit über zwei Jahren Verspätung erst in Betrieb genommen werden konnten. Siemens musste sogar einen kompletten Zug umsonst liefern als Kompensation. Allein die bestellten 16 Züge haben aber schon eine halbe Milliarde Euro gekostet.
Foto: dpaSeit einem Jahr sind die Testzüge des neuen ICE unterwegs. Jetzt sollen sie in den regulären Betrieb gehen. Besonderheit: Der ICE 4 schafft nur noch 249 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit. Der Grund: Die Bahn schließt vorerst das Kapitel der superschnellen Züge, denn auf den meisten Strecken können ohnehin nur 250 Sachen gefahren werden.
Foto: ReutersWarum also superteure Züge anschaffen? Teuer genug ist es ohnehin. 130 Einheiten hat die Bahn vorerst für gut fünf Milliarden Euro bestellt als Siebenteiler und als Zwölfteiler.
Foto: Deutsche BahnDer Rahmenvertrag mit der Industrie sieht bis zu 300 Einheiten vor. Sie werden dringend gebraucht, um die geplante Verdichtung des ICE-Netzes umsetzen zu können.
Foto: dpaDer ICE 4 kommt übrigens auch später als eigentlich geplant. Diesmal war die Bahn selbst schuld. Denn mitten im Planungsprozess wurde die Zuglänge erhöht und die Ausstattung von „State of the Art“ auf „hochwertig und neu“ umbestellt. Das kostete drei Jahre Lieferzeit.
Foto: Deutsche BahnDer ICE 4 werde das „Rückgrat“ des Fernverkehrskonzepts der Deutschen Bahn, betonte Bahnchef Rüdiger Grube beim Festakt in Berlin. Das Unternehmen will bis 2030 sein Fernverkehrsangebot deutlich ausbauen und mehr Städte und Regionen miteinander verbinden. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) betonte, mit dem ICE 4 stehe nun das „modernste und kundenfreundlichste Upgrade für den Hochgeschwindigkeitsverkehr“ bereit.
Foto: AFPFür Fahrgäste hält der ICE 4 mehrere Neuerungen bereit: So können ab Dezember 2017 erstmals Fahrräder im ICE mitgenommen werden. Es gibt zudem mehr Plätze für Rollstuhlfahrer. Sie können über eingebaute Lifte auch leichter in den Zug gelangen. Im Innern werden Reisende auf Bildschirmen über ihre Anschlüsse auf dem Laufenden gehalten.
Foto: AFPDie Locomore-Tickets gibt es nur im Netz, am Telefon, in einigen Reisebüros sowie (zum Höchstpreis) direkt im Zug, denn die Deutsche Bahn hat den Vertrieb über ihre Kundenzentren an den Bahnhöfen oder über das Portal bahn.de abgelehnt. „Das hätte man sicher auch anders lösen können“, kritisiert Ladewig. Die DB hält dagegen. Dieser Vertriebsweg sei für einen erfolgreichen Markteintritt nicht mehr notwendig, sagt ein Sprecher. In den DB-Fahrplanmedien sollen die neuen Verbindungen aber „diskriminierungsfrei“ enthalten sein.
Das orange Preissystem soll deutlich einfacher ausfallen als bei der Bahn. Der Tarif richtet sich nach der Nachfrage, so dass ein Standard-Ticket für die ganze Strecke Stuttgart-Berlin je nach Auslastung und Kaufzeitpunkt zwischen 22 und 65 Euro kosten kann. „Über alle Kanäle gibt es zum gleichen Zeitpunkt nur einen Preis“, verspricht Gründer Ladewig. Und der soll immer unterhalb des Bahncard-50-Flexpreises der DB liegen.
Locomore verzichtet zwar offiziell auf eine Klasseneinteilung, bietet aber innerhalb des Business-Tarifs (38-98 Euro/Stuttgart-Berlin) mehr Platz sowie kostenfreie Snacks, Getränke und Zeitungen. Wer nicht arbeiten möchte, kann sich im Zug nach dem Vorbild der sozialen Netzwerke mit Gleichgesinnten zusammenzufinden, um Skat zu spielen oder Englisch zu sprechen. Im Buchungssystem sollen wechselnde Themen angeboten werden. Auch für Ruhesuchende, Familien und Radfahrer gibt es besondere Angebote.
Offiziell gibt man sich beim staatlichen Bahn-Riesen gelassen. Man sei Konkurrenz auf der Schiene schließlich gewohnt, heißt es in der Berliner Zentrale ohne näheren Kommentar. Allerdings fast nur im Regionalverkehr: Bei Fernzügen ist Locomore aktuell erst der zweite private Herausforderer nach dem HKX zwischen Hamburg und Köln. Dieser startete 2007 und wurde bislang nicht erweitert. Privater Fernverkehr ist ein schwieriges Geschäft: Erst vor zwei Jahren gab die Firma Interconnex ihre Linie Warnemünde-Leipzig aus Kostengründen auf.
Der einst auch am HKX beteiligte Verkehrsexperte Ladewig hat für Locomore aber weiterreichende Pläne. Bei der Vergabe der Rahmenfahrpläne im deutschen Bahnnetz hat sich das Unternehmen bis 2020 weitere Trassen gesichert, die München, Köln-Bonn, das Ruhrgebiet und Binz auf Rügen in das kleine Netz einbinden würden. Aber erst einmal muss der Pilotzug Geld einfahren, denn einen duldsamen Investor haben die Bahn-Herausforderer nicht im Rücken.