Industriekonzern: Thyssen-Krupp lud Betriebsräte zu Luxusreisen
Großzügige Geschenke: Thyssen-Krupp lud Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen ein - etwa zum Besuch des berühmten Zuckerhuts in Rio De Janeiro, Brasilien.
Foto: dpaDüsseldorf. Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen wie Kuba, wie das Handelsblatt in der Freitagausgabe unter Berufung auf interne Unterlagen des Unternehmens berichtet.
Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter. So stand bei einer Brasilienreise neben der Besichtigung des neuen Stahlwerkes in der Metropole Rio de Janeiro ein Ausflug zum berühmten Zuckerhut auf dem Programm.
Thyssen-Krupp lud zudem mit Bertin Eichler, den stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden, zu einem Rennen der Formel-1 ein. An der Rennstrecke in Shanghai hatte der Ruhrkonzern eigens eine Loge gemietet, um seine Gäste zu bewirten.
Eichler räumt rückblickend ein, dass seine fünf Reisen in der ersten Klasse ein Fehler waren. Bei Thyssen-Krupp sei es Praxis gewesen, dass Überseereisen von Aufsichtsräten vom Unternehmen in der ersten Klasse gebucht wurden, sagte er dem Handelsblatt. „Aus heutiger Sicht ist es sinnvoll, diese Praxis zu überprüfen und klare Kriterien zu vereinbaren.“
Das IG-Metall-Vorstandsmitglied Eichler kündigte nun an, Thyssen-Krupp nachträglich die Differenz der Kosten der First-Class-Flüge zur Business-Klasse erstatten. Zudem werde er bei der 2013 anstehenden Wahl der Arbeitnehmerseite in den Aufsichtsrat des Industriekonzerns nicht mehr kandidieren. Den Vorwurf, durch diese Reisen sei seine Aufsichtsratstätigkeit vom Unternehmen beeinflusst worden, weist Eichler aber „entschieden zurück.“
Thyssen-Krupp steht wegen der erheblichen Fehlplanungen bei den neuen Stahlwerken in Brasilien und den USA enorm unter Druck. Die Kosten haben sich auf zwölf Milliarden Euro vervielfacht. Der Konzern will diese nun losschlagen – und muss dabei einen Verlust von neun Milliarden Euro hinnehmen.
Aktionärsvertreter haben für die Hauptversammlung in der kommenden Woche angekündigt, den Aufsichtsrat nicht zu entlasten. Unter anderem die Aktionärsschützer der DSW bemängeln eine mangelnde Kontrolle bei den Überseewerken. Nach Informationen von „Capital.de“ empfiehlt auch der einflussreiche Aktionärsberater ISS den Investoren, dem Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern.
Es ist nicht das erste Mal, dass Unternehmen versuchen, Gewerkschafter oder Betriebsräte durch lukrative Posten oder Luxusreisen auf den Kurs des Vorstands zu bringen. So ließ der frühere VW-Arbeitsdirektor, Peter Hartz, mit Bargeld, Reisen und Prostituierten den Konzernbetriebsrat kaufen. Als die Vorwürfe im Sommer 2005 öffentlich wurden, erstatte Volkswagen Strafanzeige. Pischetsrieder schaltete die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG ein. Sie erarbeitete einen 120-seitigen Bericht.
Siemens hingegen leistete sich eine eigene Arbeitnehmervertretung. Der Konzern alimentierte mit Millionenzahlungen die arbeitgeberfreundliche „Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger“ (AUB), die ein Bollwerk gegen die kampferprobte IG Metall bilden sollte. Mehrere Beteiligte kassierten dafür Haftstrafen.
Die neuen Vorwürfe belasten den ohnehin schon krisengeschüttelten Stahlkonzern. Hauptgrund für die Misere von Thyssen-Krupp sind die Fehlinvestitionen in den USA und besonders in Brasilien. Das Prestigeprojekt bringt Deutschlands größten Stahlkonzern an die finanziellen Grenzen. Die Ratingagenturen bewerten die Anleihen des Konzerns mit „Ramsch“.
Eigentlich war die Idee durchaus sinnvoll. 2004 standen die Zeichen in der Stahlbranche auf Konsolidierung. In China und Indien wuchsen starke Konkurrenten heran. Vor allem der Billigstandort in Südamerika sollte Wettbewerbsvorteile in Europa und in den USA ermöglichen.
Aber Brasilien ist schon heute kein Billigstandort mehr. Die Löhne sind genauso massiv gestiegen wie die Währung Real, allein durch den Export verliert Thyssen-Krupp heute pro Monat fast hundert Millionen Euro. Zudem erwies sich der Bau in dem brasilianischen Sumpf als schwieriger und teurer als veranschlagt.
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