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MarktführerDeutschlands geheime Champions

Deutschland ist Dauer-Weltmeister. Nicht bei einer Sportart, sondern in der Firmenwelt. Kein anderes Land hat so viele Marktführer. Doch diese Hidden Champions aus dem Mittelstand wollen geheim bleiben. Warum eigentlich?Thorsten Giersch 16.08.2012 - 10:21 Uhr Artikel anhören

Weltmeister im Fußball ist Deutschland leider nicht, aber sehr wohl bei Mittelständlern.

Foto: Reuters

Düsseldorf. Kennen Sie die Firma M+C Schiffer? Nein? Aber Sie haben deren Produkte sicherlich schon in der Hand gehabt. Denn das Unternehmen aus Schiffer an der Neustadt ist der größte konzernunabhängige Zahnbürstenhersteller der Welt. Das Besondere  bei M+C ist die Fokussierung:  Die Firma stellt nur Zahnbürsten her – eine Million pro Tag. Den gesamten Rest der Wertschöpfungskette übernehmen andere.

Solche Firmen sind es, die Deutschland ausmachen. Die sogenannten Hidden Champions: kleinere oder mittelgroße Unternehmen, die in ihrem Bereich zu den Weltmarktführern gehören.  Deutschland ist voll ihnen. Während vielen die Pistenbullys von Kässbohrer noch ein Begriff sind, ist weniger bekannt, dass keine Firma mehr Rollen für Krankhausbetten herstellt als die Firma Tente aus Wermelskirchen.

Dabei bedeutet Marktführerschaft für diese Unternehmen in der Regel mehr, als bloß einen möglichst großen Anteil am gesamten Kuchen zu erhaschen: „Sie beanspruchen, Kunden, Wettbewerber und ihre Märkte durch das Setzen von Standards und Benchmarks zu führen“, wie Hermann Simon in seinem neuen Buch „Hidden Champions – Aufbruch nach Globalia“ schreibt.

Simon ist seit Jahrzehnten den Geheimnissen von den Firmen auf der Spur, die im Schatten der Öffentlichkeit zu Weltmarktführern aufgestiegen sind. Seit 1996 schreibt er Bestseller. In dem heute erscheinenden Buch beschreibt Simon zugleich anschaulich und detailgetreu, was diese Unternehmen ausmacht, wie sie so erfolgreich wurden und was das für den Standort Deutschland bedeutet.

So wie Hiby, die praktisch alle Zapfpistolen Deutschlands herstellen und auch weltweit agieren. Oder Poly Clip  aus Frankfurt, die Nummer eins für Clips für Wurstpellen in der Welt. Die Firma Gottschalk ist Europas einziger Hersteller von Heftzwecken, Pöschl dominiert den Schnupftabak-Markt und Müller den für Rasierpinsel. Hi-Cone ist aus keinem US-Supermarkt wegzudenken, denn das Unternehmen hat faktisch ein weltweites Monopol für die Plastikringe, die einen Sechserpack Cola-Dosen oder Bier zusammenhalten. Es gibt praktisch kein Buch auf der Welt, das nicht mit den Bindemaschinen von Kolbus in Berührung kommt.

Deutschlands geheime Weltmeister – eine Auswahl
Anschaulicher als abstrakte Statistiken sind Fallbeschreibungen ausgewählter Hidden Champions. Obwohl uns ihre Erzeugnisse ständig umgeben, haben wir von den weitaus meisten dieser Firmen nie gehört. Die folgende Auswahl vermittelt einen Eindruck von der schillernden Vielfalt, den Marktpositionen, den Besonderheiten dieser Firmen.
Ein Unternehmen wie Flexi kann es in Deutschland eigentlich nicht geben. Flexi hat bei Rollleinen für Hunde einen Weltmarktanteil von rund 70 %, fertigt ausschließlich in einer Manufaktur in Deutschland und exportiert mehr als 90 % seiner Produkte in über 50 Länder. Alle Versuche chinesischer Konkurrenten, Flexi den Markt wegzunehmen, verliefen bisher im Sande. Im Gegenteil, Flexi greift in Asien mit voller Kraft an, der Vormarsch nach Globalia geht weiter. Bis 2020 soll der Umsatz von heute rund 50 Millionen auf 100 Millionen Euro verdoppelt werden.
Haben Sie jemals darüber nachgedacht, woher das Kennzeichen Ihres Autos stammt? Der Weltmarktführer auf diesem Gebiet ist die Firma Utsch aus Siegen. Auf der Utsch-Homepage heißt es: „Lange bevor 'Globalisierung' zum Begriff wurde, war sie für Utsch Tagesgeschäft.“ Das ist keinesfalls übertrieben. In mehr als 120 Ländern gibt es Kfz-Kennzeichen von Utsch. Mit seinen 500 Mitarbeitern und 250 Millionen Euro Umsatz ist Utsch längst in Globalia zu Hause.
Da wir gerade in Siegen sind, dem Zentrum des unscheinbaren Siegerlandes: Dort sitzt auch der Weltmarktführer für Carsharing-Systeme, die Firma Invers. Carsharing ist ein neu entstehender Markt, der durch die geänderten Mobilitätsbedürfnisse großes Zukunftspotenzial verspricht. Uwe Latsch beschäftigte sich seit Anfang der 90er Jahre mit Carsharing-Technologie. Die Firma Invers führt er heute zusammen mit Alexander Kirn. Die Systeme sind nicht nur bei führenden Carsharing-Anbietern in Europa, sondern auch in den USA und Asien, wo Invers eigene Niederlassungen unterhält, im Einsatz.
Vielleicht haben Sie schon einmal ein digitales Fotobuch bestellt. Die Chance ist groß, dass die bei der Zusammenstellung, Bestellung und Produktion eingesetzte Software von IP Labs stammt. Das junge Bonner Unternehmen ist Weltmarktführer auf diesem Gebiet. Von Frank Thelen und Georg Sommershof im Jahr 2003 gegründet, gehört dieser Hidden Champion heute zum japanischen Fuji-Film-Konzern, der seinerseits eine globale Führungsposition im Fotomarkt besitzt. Laut Mitgründer und Geschäftsführer Georg Sommershof gibt es in Europa praktisch keine Konkurrenz für IP Labs.
Ob im Airbag-Sensor, dem Chip auf EC-Karten oder Reisepässen – Delo- Klebstoffe haben sich, vom Verbraucher unbemerkt, in vielen Bereichen unentbehrlich gemacht. Besonders in neuen Technologien wie Smartcards nimmt Delo eine weltweit führende Stellung ein. In drei von vier Chipkarten weltweit stecken Klebstoffe von Delo.
Belfor ist der globale Marktführer für die Sanierung von Brand-, Wasserund Sturmschäden. Mit einer knappen Milliarde Euro Umsatz und gut 5 000 Mitarbeitern übertrifft Belfor seinen stärksten Konkurrenten um mehr als das Doppelte und ist die einzige Firma, die diese Spezialdienstleistung weltweit anbietet.
Die Produkte dieses österreichischen Hidden Champions finden sich auf Schreibtischen in 160 Ländern. Trodat ist seit den 1960er Jahren unangefochtener Weltmarktführer bei Stempeln. Auch die Erfindung des ersten farbigen Stempels geht auf das Konto von Trodat. Die Exportquote liegt bei 98 %.
Wenn Sie eine Coca-Cola trinken, denken Sie vermutlich nicht an Jungbunzlauer. Dabei steckt in jeder Coca-Cola die Zitronensäure dieses Weltmarktführers österreichisch-schweizerischer Provenienz.
Nein, Temenos ist kein griechischer Philosoph. Die Temenos Group AG wurde 1993 in der Schweiz gegründet und ist heute der weltmarktführende Anbieter von Software für Retail, Corporate, Correspondent, Universal, Private, Islamic und Community Banking sowie Microfinance. Am Firmenstammsitz in Genf und in 56 weltweiten Niederlassungen arbeiten 3 500 Beschäftigte für über 1 000 Finanzinstitute in mehr als 125 Ländern der Welt.
Die europäische Photovoltaik-Industrie hat seit 2010 ihre führende Position im Weltmarkt verloren. Doch für die österreichische Firma Isovoltaic gilt das nicht. Dieser Hidden Champion ist klarer Weltmarkt- und Technologieführer bei Rückseitenfolien für Photovoltaik-Module. Diese Folien schützen die Solarzellen vor Umwelteinflüssen und werden von allen Modulherstellern gebraucht. Mit einer eigenen Produktion in China ist Isovoltaic nahe an seinen Kunden im mittlerweile größten Markt für Solarmodule.
Bedenken wir jemals, dass kleine Alltagsgegenstände wie Heftzwecken oder Büroklammern von irgendjemandem hergestellt werden müssen? Im Falle der Heftzwecken (je nach Region auch Reißzwecken, Reißnägel oder Reißbrettstifte genannt) erledigt das Rolf Gottschalk aus Arnsberg im Sauerland. Seine Firma ist der einzige Hersteller von Heftzwecken in Europa. Und es gibt nur einen weiteren Hersteller in der ganzen Welt, eine chinesische Firma. Gottschalk und seine Mannschaft produzieren täglich 12 Millionen dieser Kleinartikel, die unter 300 verschiedenen Markennamen weltweit verkauft werden.
Ludo Fact ist ein reiner Produzent und stellt als solcher Spiele her, die von Verlagen konzipiert und vermarktet werden. In diesem Geschäft ist Ludo Fact die Nr. 1 in Europa. Die Firma ist von 34 Mitarbeitern in 1995 auf mehr als 600 heute gewachsen. Pro Tag verlassen 50 000 Gesellschaftsspiele die Produktionshallen, pro Jahr sind es 12 Millionen – mit stark wachsender Tendenz, im Laufe von 2012 wird die Tageskapazität auf 75 000 Spiele erhöht.
Es werden immer mehr Hochhäuser gebaut. Wer realisiert die Fassaden für solche gigantischen Wolkenkratzer? Im Zweifelsfalle die Firma Josef Gartner aus Gundelfingen im Schwäbischen, denn Gartner ist für solche Jobs die unbestrittene Nr. 1 in der Welt. Gartner testet die Fassadenelemente mit einem Düsentriebwerk auf Sturmfestigkeit. Da dürfte es nicht überraschen, dass auch das höchste Gebäude der Welt, das »Burj Chalifa« in Dubai, genauso wie der vorherige Rekordhalter, das »Taipei 101« in Taiwan (101 steht für die Zahl der Stockwerke), mit Fassaden von Gartner ausgerüstet sind.
In Island heißt ein qualifizierter Mechaniker »Baader-Man«. Dies liegt daran, dass er im Zweifelsfalle an Baader-Systemen ausgebildet wurde. Auch in Wladiwostok hat man keine Probleme, Produkte und Services von Baader zu bekommen. Baader ist der mit Abstand führende Anbieter von Fischverarbeitungsanlagen und hat einen Weltmarktanteil von 80 %.
Ein Bekannter, der mit dem Hidden-Champions-Konzept vertraut war, begleitete mich durch Tokio. Wir trafen auf ein professionelles Filmteam. Spontan sagte ich zu meinem Begleiter: »Ich zeige Ihnen jetzt einmal zwei deutsche Hidden-Champions-Produkte in Aktion – mitten in Tokio.« Ohne zu zögern ging ich auf den Kameramann zu, natürlich hatte er eine ARRI-Kamera und ein Sachtler-Stativ, er war eben ein Profi. Beide Firmen sind Weltmarktführer und für ihre Produkte mit zahlreichen Oscars ausgezeichnet worden.

Dass  die breite Öffentlichkeit nur wenige von kennt – am ehesten sind Namen wie Trumpf, Stihl, Kärcher oder Claas bekannt – hat einen guten Grund: Die meisten Hidden Champions schätzen Verschwiegenheit sehr hoch ein. Simon zitiert den Chef eines „überragenden Weltmarktführers“ mit den Worten: „Jede unerwünschte öffentliche Nennung unseres Unternehmens konterkariert unser Streben, unbekannt zu bleiben.“ So könne man in Ruhe arbeiten und die Erfolgsstrategien sowie die Marktnische geheim halten. Allerdings macht der Erfolg und die Internationalisierung das Bestreben schwieriger, so dass es inzwischen durchaus einen Trend zur Öffnung gibt.

Buchautor und Mittelstands-Experte Hermann Simon.

Foto: Handelsblatt
Deutschlands geheime Weltmeister
Höchstwahrscheinlich sind Sie und Ihr Gepäck schon einmal von den Geräten der Firma Smiths Heimann durchleuchtet worden. Dieses Wiesbadener Unternehmen ist Weltmarktführer bei Röntgenapparaten für Gepäck und Fracht. In mehr als 150 Ländern identifizieren die Apparate von Smiths Heimann Rauschgift, Waffen oder Sprengstoff und sorgen so für mehr Sicherheit im Flugverkehr. Zum Programm zählen auch Geräte für Poststellen, riesige Apparate zur Durchleuchtung von Lastwagen und mobile Systeme für Zollbehörden.
Sie kennen IREKS nicht? Dann sind Sie kein Bäcker. Diese 1856 in Kulmbach gegründete und bis heute dort ansässige Firma ist einer der globalen Marktführer für Backzutaten und in mehr als 90 Ländern präsent. IREKS ist auch für ungewöhnliche Kundennähe und Dienstleistungen bekannt. Die mehr als 400 Außendienstler aus 30 Nationen sind alle Bäcker- oder Konditormeister. Das schafft Kundennähe.
Igus ist gleich zweifacher Marktführer, nämlich bei Gleitlagern aus Kunststoff und bei sogenannten Energieketten. Aus den 40 Mitarbeitern des Jahres 1985 sind inzwischen 1 900 geworden, die über die ganze Welt verteilt arbeiten. Dieser Hidden Champion ist hoch innovativ und entwickelt mehr als 2 000 neue Produkte und Produktvarianten pro Jahr.
Burda Mode kennt jeder. Aber nur wenigen dürfte bewusst sein, dass die Modezeitschriften und Modenschnitte des Verlags Aenne Burda in 17 Sprachen und in über 90 Ländern erscheinen und bereits seit 1961 Weltmarktführer sind.
Der Markt von Saria lässt sich nicht klar abgrenzen oder definieren. Dieses westfälische Unternehmen ist mit 800 Millionen Euro und 4 000 Mitarbeitern an 110 Standorten in zehn Ländern europäischer Marktführer für die Entsorgung und Verwertung von Tier- und Lebensmittelabfällen. Die operativen Geschäfte laufen unter Namen wie ReFood (Gastronomieentsorgung), KFU (Knochen, tierische Fette, Schwarten), Schnittger (Häute und Felle), SecAnim (Tierkörperentsorgung).
Dieses Unternehmen stellt Theatervorhänge und Bühnenausstattungen her. Es ist der einzige Hersteller von großen Bühnenvorhängen auf der Welt, sodass der Weltmarktanteil in diesem Segment 100 % beträgt. Egal, ob Sie in der Metropolitan Opera in New York, in der Scala in Mailand oder in der Opera Bastille in Paris sitzen, die Vorhänge stammen von Gerriets.
Orgeln von Klais sind in der ganzen Welt berühmt. Die Instrumente dieses Bonner Unternehmens spielen im Dom und in der Philharmonie in Köln genauso wie im Nationaltheater in Peking, in der Kyoto Concert Hall in Japan, in Caracas, Buenos Aires, London, Brisbane, Auckland, Manila (eine Bambusorgel) oder den Petronas Twin Towers in Kuala Lumpur. Sie werden es nicht glauben: Diese weltweit tätige Firma hat gerade einmal 65 Mitarbeiter. Der Chef Philipp Klais bezeichnet seine Firma als „Bonsai-Global- Player“.
Dieser Weltmarktführer für Vakuumverpackungsmaschinen besitzt mit seinem Kernprodukt Tiefziehmaschinen einen Weltmarktanteil von ca. 60 %. Multivac hat 65 Tochtergesellschaften und weltweit 3 400 Mitarbeiter. Die Belegschaft hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Die Produkte werden in mehr als 140 Ländern vertrieben.
Vermutlich sind Sie schon einmal Achterbahn gefahren. Haben Sie dabei überlegt, wer diese Achterbahnen plant und realisiert? Das ist mit ziemlicher Sicherheit, egal wo in der Welt, das Ingenieurbüro Stengel. In über 40 Jahren hat Stengel an mehr als 500 Achterbahnen für Vergnügungsparks wie Disney World, Phantasialand oder Six Flags gearbeitet.
Wenn Sie chilenischen Wein in Japan genießen, werden Sie kaum auf die Idee kommen, dass er von der Firma Hillebrand aus Mainz dorthin gebracht wurde. Hillebrand, der Weltmarktführer im Transport von Wein und alkoholischen Getränken, ist mit 73 Büros in allen Weinbauregionen und relevanten Konsummärkten präsent. Im Weintransport hat Hillebrand einen Weltmarktanteil von über 50 Prozent.
Wenn ich auf den Flughäfen der Welt unterwegs bin, mache ich mir einen Spaß daraus zu prüfen, von wem die Gepäckkarren stammen. In Narita, dem internationalen Flughafen von Tokio (das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: die Japaner kaufen ihre Gepäckkarren in Leipheim an der Donau), in Mumbai, in Mexico City, in Moskau und vielen anderen Plätzen fand ich ein Schild von Wanzl, dem deutschen Weltmarktführer nicht nur für Flughafengepäckkarren, sondern auch für Einkaufswagen. Die globale Nr. 2 bei Flughafengepäckkarren kommt ebenfalls aus Deutschland. Es ist die Firma Expresso aus Kassel.
Erst 1990 von dem jungen Landwirt Burkhard Kleffmann gegründet, ist dieses in Lüdinghausen in Westfalen ansässige Unternehmen mittlerweile zum Weltmarktführer in der Agrarmarktforschung aufgestiegen und hat 20 eigene Auslandsbüros.
Von diesem schweizerischen Mittelständler haben Sie vermutlich noch nie gehört. Dabei ist die Chance hoch, dass das Regulierungsorgan in Ihrer Armbanduhr von Nivarox ist. Der Weltmarktanteil beträgt 90 %. Dazu passt Universo, der Weltmarktführer bei Uhrenzeigern, aus Chaux-de-Fonds. Wer bedenkt schon, dass jemand die winzigen Zeiger für Armbanduhren herstellen muss.
Brainlab bietet für die Chirurgie die gleiche Leistung, die bei Ihrer Autofahrt das Navigationssystem erbringt, nämlich ein Positionierungssystem für die Instrumente. Seit 1989 sorgt Brainlab dafür, dass chirurgische Eingriffe im Vorfeld präziser geplant und Operationen exakter durchgeführt werden. Mit über 5 000 installierten Systemen weltweit deckt dieses rasant wachsende Unternehmen 60 % des Weltmarktes ab.
Omicron aus Taunusstein ist Weltmarktführer für Raster-Tunnel- und Raster- Sonden-Mikroskope, die in der Nanotechnologieforschung eingesetzt werden. Im Jahr 1984 von Rainer Aberer gegründet, gehört Omicron heute zur Nanotechnology Tools Division der Oxford Instruments Group, einem Weltmarktführer für Nano-Analysewerkzeuge.

Die deutsche Unternehmenslandschaft ist einzigartig. Hier gibt es mehr Hidden Champions als im ganzen Rest der Welt zusammen. Sie haben die vergangene Krise 2008/2009 mit Bravour gemeistert und stehen auch nun trotz der Schwierigkeiten in der Euro-Krise in aller Regel sehr gut da.

Folgende Zahlen verdeutlichen, warum Hidden Champions für Deutschland so wichtig sind: Zwei Drittel von ihnen sind Weltmarktführer – im Durchschnitt seit 22 Jahren. Ihre Kundennähe ist fünfmal höher als die von Großunternehmen. Sie wachsen um 8,8 Prozent pro Jahr und investieren doppelt so viel in Forschung und Entwicklung – pro 1000 Mitarbeiter halten sie fünfmal so viele Patente wie Konzerne und geben pro Patent nur 20 Prozent dessen aus, was Großunternehmen dafür investieren. Ihre langjährige Umsatzrendite ist mehr als doppelt so hoch wie die des Durchschnitts deutscher Unternehmen.

Champion zu werden ist schwer, zu bleiben erst recht.

Foto: Handelsblatt

Hidden Champions beschäftigen im Schnitt gut 2000 Mitarbeiter. Vor zehn Jahren lag dieser Wert noch bei 1300 – ein Zeichen für den Erfolg. Zusammengerechnet kommt Simon für die Firmen in Deutschland auf einen Umsatz von knapp 900 Milliarden Euro und eine Mitarbeiterzahl von 5,6 Millionen.

Dabei liefert die Geschichte die Antwort auf die Frage, warum es ausgerechnet in Deutschland so viele Hidden Champions gibt: Simon geht bis ans Ende des 19. Jahrhunderts zurück, als Deutschland im Gegensatz zu Frankreich oder Japan kein Nationalstaat, sondern ein Flickenteppich war. Wenn eine bayerische Firma ihre Produkte nach Sachsen liefern wollte, war das internationales Geschäft. Das prägte die Kultur, sich jenseits der Grenze umzuschauen und die Produkte so effizient herzustellen, dass Zölle ausgeglichen werden konnten.

Deutschland-Karte

Wo die Hidden Champions sitzen

So denken Erfolgsmenschen
John C. Maxwell ist einer der meistgefragten Coaches für Mitarbeiterführung in den USA. In seinem Buch „So denken Erfolgsmenschen“ gibt er seine Erfahrungen aus 40 Jahren Beobachtung wieder: Erfolgreiche Menschen haben etwas gemeinsam, nämlich ihre Art zu denken. Es folgen die elf wichtigsten Hinweise in aller Kürze.
Denken in großen Zusammenhängen ist eine Grundvoraussetzung. Dafür muss man ständig dazulernen, anderen bewusst zuhören, über den Tellerrand hinausschauen. Das große Ganze zu sehen hilft, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und leichter in Führungspositionen zu kommen. Dafür braucht es Einsichten aus verschiedenen Quellen und die Abkehr von Sicherheitsdenken.
Fokussiertes Denken bündelt Energien und führt Sie auf ein einziges Ziel hin. Zudem betont Maxwell, dass es Ideen ausreichend Zeit gibt, um sich zu entwickeln. Prioritäten setzen, Ablenkungen vermeiden, klare Ziele und Zeit für Reflektion. Hinterfragen Sie Ihre Fortschritte!
Kreatives Denken ist Gold wert, aber nicht zu verwechseln mit originellem Denken, wie man es zum Beispiel von Künstlern kennt. Dazu gehört die Offenheit für neue Ideen und andere Möglichkeiten zur Problemlösung. Kreative Denker bürsten gegen den Strich, verbinden Unverbundenes und haben keine Angst vor dem Scheitern. Dazu gehört auch eine kreative Umgebung.
Jeder Akademiker weiß: Die Unterschiede zwischen Studium und Alltagswelt können immens sein. Bei allem Sinn für das Mögliche: Realistisches Denken verringert Ihr Risiko abzustürzen. Es verleiht Sicherheit und steigert die Glaubwürdigkeit. Also Liebe zur Wahrheit, zwischen Pro und Contra abwägen und fleißig sein bei der Informationsbeschaffung.
Strategisches Denken hilft bei der Planung, steigert die Effizient und verringert Risiken. So wird es Ihnen leichter gelingen, sich auf neue Situationen einzustellen. Zerlegen Sie dafür Sachverhalte in kleine Einheiten, fragen Sie nach dem Warum, und identifizieren Sie die wesentlichen Ziele.
Auch wenn Barack Obamas Umfragewerte derzeit nicht gut sind – das „Yes we can“ des US-Präsidenten bleibt. Chancen sehen, wo andere nur Risiken vermuten: Das möglichkeitsorientierte Denken verleiht Energie und hält vom Aufgeben ab. Also den Ist-Zustand ständig hinterfragen, eine Nummer größer planen und sich von Leistungsträgern inspirieren lassen.
Halten Sie inne, und denken Sie über Ihr Denken nach! Reflektieren verleiht emotionale Integrität und stärkt das Vertrauen. Den Terminkalender ständig überprüfen und die richtigen Fragen stellen. Maxwell gibt hier konkrete Beispiele.
Ein eingefahrener Trott ist selten die effizienteste Arbeitsweise. Hinterfragen Sie das berühmte „Das haben wir schon immer so gemacht“. Übernehmen Sie das gängige Denken nicht automatisch! Akzeptieren Sie andere Meinungen, und stellen Sie Ihre eigene immer wieder infrage.
Mehrere Köpfe denken schneller als einer, und gemeinsam ist man innovativer. Also: Laden Sie die richtigen Leute ein, setzen Sie eine effiziente Tagesordnung an, belohnen Sie engagierte Leute, und setzen Sie auf Kooperation statt Konkurrenz.
Uneigennütziges Denken ist nicht nur gut für andere, sondern gibt einem auch selbst Erfüllung. Manchmal tun Sie sich selbst einen Gefallen, wenn Sie anderen den Vortritt lassen. Setzen Sie sich Situationen aus, in denen andere Sie brauchen. Überprüfen Sie ständig Ihre persönlichen Beweggründe.
Jede Tätigkeit hat ein Ergebnis, auf die sie ausgerichtet sein sollte. Was sich trivial anhört, ist im Alltag kompliziert. Ein Strategieplan, um das gewünschte und klar definierte Ziel zu erreichen, hilft dabei. Schwören Sie Ihre Mitarbeiter auf das Ziel ein.

So gibt es überall in Deutschland kleine Cluster, in denen sich in naher Umgebung mehrere sehr erfolgreiche Firmen angesiedelt haben. Mal handelt es sich um Industriecluster: Schneidewaren in Solingen, Wälzlager in Schweinfurt oder Schließtechnik in Velbert. Daneben existieren Unternehmenscluster, wo sich Hidden Champions in Nachbarschaft konzentrieren.

Dabei weisen  ihre Produkte gar keine Ähnlichkeit auf: Windhagen im Westerwald oder das hessische Haiger – die Unternehmen haben keine technologischen oder wettbewerblichen Berührungspunkte, aber „offenbar herrscht in der Region ein Geist, der der Entstehung von Hidden Champions förderlich ist“, wie Simon schreibt.

Geschäftserfolge

Zufriedenheit bezüglich ausgewählter Aspekte

in Prozent


Ein weiterer Grund für den Erfolg ist die geografische Lage Deutschlands – zum einen für das Geschäft mit europäischen Nachbarn, aber auch global. Schließlich ist die Mittellage-Position ein wesentlicher Vorteil gegenüber Asien und Amerika.

Was die Absatzmärkte der Zukunft angeht, sieht Simon große Chancen vor allem in Indien, wohin sich die Gewichtung weg von China immer mehr hin verschiebe. Langfristig hofft Simon auf den afrikanischen Markt. Zölle und das „Schonen“ von nationalen Champions durch Subventionen – wie es zum Beispiel in Frankreich üblich ist – lehnt Simon strikt ab. Die Risiken einer Umkehr der Globalisierung  seien immens.

Enge Märkte

Größe der Weltmärkte der Hidden Champions

in %


An dieser Stelle wirkt die ansonsten vortreffliche Analyse von Hermann Simon ein wenig angreifbar. Der Autor geht allzu stark davon aus, dass die Globalisierung „gerade erst begonnen hat“. Er unterschätzt die möglichen Folgen eines rapide steigenden Ölpreises. Der könnte die Logistikkosten derart in die Höhe treiben, dass so mancher Experte sogar das Risiko eines langfristig eher sinkenden Welthandels sieht.

Grundsätzlich betont der Autor beim Thema Internationalisierung die typische Arbeitsteilung zwischen Stammhaus und der Tochtergesellschaft im Ausland: Kernkompetenzen und Produktion kritischer Teile verbleiben im Stammhaus, während kostenempfindliche und einfache Teile vor Ort hergestellt werden.

Neben den geschichtlichen und geografischen Gründen für den Erfolg der deutschen Hidden Champions zeichnen sich die Firmen aber vor allem durch ihre ureigene Leistung aus. Hermann Simon geht die verschiedenen Facetten in seinem Buch im Detail durch: Der Kern des Erfolges liegt in der Spezialisierung. Konzentration ist eine wesentliche Voraussetzung – wobei sich das auf verschiedene Inhalte beziehen kann: Produkt, Kunden, Kompetenzen, Preis oder auch der Zugang zu Rohstoffen.

Das Cover des Buches

Foto: Handelsblatt

Hidden Champions zeichnen sich zudem durch ihre Fähigkeit der Refokussierung aus. Sprich: auch mal einen Geschäftszweig aufgeben. Ein besonders deutliches Beispiel ist Griesson-de Beukelaer. Der Ursprung des führenden Gebäckherstellers Europas liegt im Lebkuchengeschäft. Dennoch wurde es wegen unzureichender Profitabilität aufgegeben. Zu der Strategie gehört eben auch zu wissen, was man nicht will.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, durch Fertigungstiefe Einzigartigkeit zu schaffen und diese auch zu verteidigen. So produzieren Firmen oft nicht nur einzigartige Produkte, sondern stellen auch die dafür notwendigen Maschinen selbst her. Nichts schützt besser gegen Nachahmung oder Know-how-Abfluss. Die Wertschöpfungstiefe der Hidden Champions liegt bei 42 Prozent, der Durchschnitt der deutschen Industrie bei 30 Prozent.

Fokussierung macht den Markt klein – größer wird er entsprechend durch Internationalisierung. Die Firmen vermarkten sich mit großer Konsequenz global. Das erfordert langfristiges Denken und große Ausdauer. Die deutschen Vertreter profitieren davon, dass sie den Weg ins Ausland sehr früh angetreten haben. Kundennähe, innovative Produkte und Wettbewerbsvorteile sind die Basis. Die zwei Säulen für die Marktführerschaft sind Fokussierung und die globale Vermarktung.

Die Fokussierung beinhaltet auf der anderen Seite Risiken. Vor allem besteht eine große Abhängigkeit vom jeweiligen Markt, wenn eine Firma alle Eier in denselben Korb legt. Zweitens werden hochpreisige Nischen oftmals nach einer gewissen Zeit von Standardprodukten angegriffen – die zumindest die Preise kaputt machen. Und zum Dritten kann das oft geringe Marktvolumen in der Nische zu überhöhten Kosten führen, so dass die Wettbewerbsfähigkeit verloren gehen kann.

Dennoch besteht für einige Firmen die Kunst darin, nicht um jeden Preis weiter zu wachsen. Einige bleiben bei einer bestimmten Größe und haben gerade so ihre Zukunft gesichert. Typischerweise sind diese Unternehmen handwerklich geprägt und man findet sie in Märkten mit zyklischer Nachfrage. Ein Beispiel ist Klais: Seit zehn Jahren arbeiten genau 65 Mitarbeiter für die global agierende Orgelbaufirma. Seit 1882 gibt es nur geringe Schwankungen.

Zu den Vorteilen der Fokussierung und des internationalen Vertriebs kommen Punkte wie die weit überdurchschnittlich enge Bindung zu den Kunden. Zwar sind Hidden Champions „keine Marketingprofis“, wie Simon schreibt, aber drei Viertel von ihnen praktizieren Direktvertrieb. Ihre Kunden sind recht anspruchsvoll und haben oftmals schlechte Erfahrungen bei Konkurrenten gemacht, mit denen sie nicht seit so vielen Jahren zusammenarbeiten.

Außerdem zeichnen sich Hidden Champions durch ihre überdurchschnittliche Innovationskraft aus. Dabei gilt hier das Prinzip: Köpfe und Kompetenzen gehen vor Budget. Kontinuität ist den Firmen wichtig. Zudem werden Kunden als Ideenquelle wahrgenommen – sie liefern wertvollen Input für Weiterentwicklungen. Ein weiterer Wettbewerbsvorteil der Hidden Champions ist im Übrigen die vergleichsweise hohe Quote von Frauen in Führungspositionen. 

Gefeit vor (Fast-)Pleiten sind Hidden Champions trotz ihrer Zähigkeit in Krisenzeiten nicht. Das gilt vor allem für zyklische Branchen, also wenn der Kauf der Produkte vergleichsweise leicht aufgeschoben werden kann. Bekannte Beispiele sind Schmitz Cargobull: Bei Europas Marktführer für Sattelauflieger brach der Umsatz 2009 um ganze 66 Prozent ein. Auch Deutz, Trumpf oder Kuka hatten in dieser Phase große Probleme. Richtige Pleiten legten Flowtex, Germina oder Goebel hin.

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Hermann Simon nennt diese Beispiele nicht ohne Grund, denn er legt großen Wert auf die Feststellung, dass Hidden Champions „keine Wunderunternehmen“ sind. Aber unterm Strich dienen sie in hohem Maße als Vorbild. Und zumindest hätten sie es verdient, in der Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit zu bekommen, die sie verdienen.

 

Bibliografie:
Hermann Simon
Hidden Champions – Aufbruch nach Globalia. Die Erfolgsstrategien unbekannter Weltmarktführer
Campus Verlag, Frankfurt 2012
447 Seiten

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