Benzin und Diesel: Wie Rohölpreis und Spritpreis zusammenhängen
Frankfurt. Die Ölpreise schwanken seit September stark: Erst steuerte die Rohölsorte Brent die 100-Dollar-Marke an, dann fiel sie wegen Konjunktursorgen unter 85 Dollar, kletterte infolge des Gaza-Kriegs wieder auf 93 Dollar, nur um erneut wegen Nachfragesorgen sogar unter die 80 Dollar zu fallen.
Diese starken Schwankungen kamen an der Zapfsäule allerdings nur abgeschwächt an: So lagen zwischen dem teuersten durchschnittlichen Wochenpreis für Super E10 und dem günstigsten Preis nur sieben Prozent, bei Diesel waren es rund sechs Prozent. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum (September bis 15. November) lagen der höchste und der niedrigste Brent-Preis rund 18 Prozent auseinander.
Das zeigt: Rohöl- und Spritpreise hängen zwar zusammen, bewegen sich aber nicht in gleichem Maße. Bei den Verbrauchern verfestigt sich der Eindruck, dass steigende Ölpreise direkt an der Zapfsäule weitergegeben werden, sinkende Ölpreise allerdings höchstens verzögert.
Der Verdacht: Die Mineralölkonzerne sprechen sich heimlich ab, um ihre Margen zulasten der Autofahrer nach oben zu treiben. Vor allem im vergangenen Sommer, als die Spritpreise schneller stiegen als der Ölpreis, gerieten Ölmultis wie BP, Shell oder Exxon unter Beschuss: Das Bundeskartellamt prüfte die Branche auf mögliche Wettbewerbsverstöße.
Hinweise auf illegale Absprachen konnte es aber bislang nicht finden, auch wenn die meisten Mineralölkonzerne mit ihren Raffinerien sehr hohe Gewinne erwirtschaftet hatten.
Doch wie genau hängen Spritpreise und Rohölpreise überhaupt miteinander zusammen? Diese Faktoren beeinflussen, wie tief Autofahrer beim Tanken in die Tasche greifen müssen.
1. Steuern
Etwa die Hälfte des Spritpreises besteht aus Steuern und Abgaben, wie Daten des ADAC zeigen. Beim Benzin landen etwa 48 Prozent der Tankrechnung beim Staat, bei Diesel sind es rund 39 Prozent. Den größten Teil davon macht die Energiesteuer aus, hinzu kommen der Erdölbevorratungsbeitrag, die Mehrwertsteuer sowie die CO2-Steuer, die 2021 eingeführt wurde.
Änderungen bei Steuern und Abgaben wirken sich also deutlich auf den Benzinpreis aus. Zum kommenden Jahr soll der CO2-Preis deutlich erhöht werden: von 30 auf 40 Euro pro ausgestoßener Tonne Kohlendioxid. „Zum Jahreswechsel wird es dadurch eine Erhöhung der Kraftstoffpreise je Liter um rund drei Cent geben“, teilt der ADAC mit.
2. Transportkosten
Von Mitte November bis Ende Februar fließt sogenannter Winterdiesel aus den Zapfsäulen der deutschen Tankstellen. Denn bei Diesel gibt es ein Problem: Fallen die Temperaturen unter null Grad, bilden sich die ersten Paraffinpartikel, die den Filter und die Einspritzpumpen verstopfen und den Dieselmotor zum Stehen bringen können. Winterdiesel werden deshalb Additive zugemischt, die das verhindern sollen.
Deutschland importiert große Mengen dieses Winterdiesels – aus Indien, USA und bis vergangenes Jahr auch aus Russland. 2019 stammten noch fast 15 Prozent des in Deutschland vertankten Diesels aus Russland, zeigen Daten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).
Doch wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine importiert Deutschland nun keinen Diesel mehr direkt aus Russland. Das wirkt sich auch auf den Dieselpreis an deutschen Tankstellen aus, wie Jürgen Ziegner, Geschäftsführer des Tankstellenverbands ZTG, erklärt. Der russische Diesel sei zum Teil durch die Pipeline nach Deutschland gelangt, das sei deutlich günstiger als ein Transport per Tanker. Und auch die Schiffslieferungen aus russischen Ostseehäfen seien viel schneller und preiswerter als die aus den USA oder gar aus Indien. Der Aufpreis von Diesel auf Rohöl habe 2019 noch 25 Dollar pro Barrel betragen, nun seien es 30 bis 35 Dollar.
Bei der Verschiffung von Kraftstoffen könnten zudem unvorhergesehene Störungen auftreten, sagt Ziegner. Im vergangenen Jahr hätte der Rhein zeitweise so wenig Wasser geführt, dass Tankschiffe, die durch Süddeutschland fuhren, nur zu 30 bis 40 Prozent beladen werden konnten. Das habe den Preis an den Tankstellen in Süddeutschland bis zu 20 Cent pro Liter nach oben getrieben.
Auch aktuell sind Abschnitte des Rheins in Süddeutschland für Schiffstransporte gesperrt, Grund dafür ist Hochwasser, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet.
Zeitgleich nimmt die Menge an deutschem Winterdiesel ab, die am Drehkreuz Amsterdam–Rotterdam–Antwerpen angeboten wird, und die Prämien für sofortige Lieferungen steigen stark, wie der Preisinformationsdienst Argus Media berichtet. Der Dieselmarkt dürfte also angespannt bleiben.
3. Raffineriekapazitäten
Benzin und Diesel werden in Raffinerien aus Rohöl weiterverarbeitet. Doch in den vergangenen Jahren wurden Raffineriekapazitäten in vielen Ländern abgebaut. In der Coronakrise beschleunigte sich dieser Trend sogar. „Die bisherigen Eigentümer der Raffinerien haben teilweise während der Pandemie weniger investiert“, so ZTG-Geschäftsführer Ziegner. Zudem würden viele Raffinerien aufgrund der lahmenden Konjunktur nicht mit voller Kapazität arbeiten.
Mit Blick auf den Benzinpreis bedeutet das: Je knapper die Raffineriekapazitäten sind, desto teurer wird das Tanken.
Die Auslastungsraten der europäischen Raffinerien lagen im Oktober unter 80 Prozent, wie die UBS-Analysten Anna Kishmariya und Henri Patricot in einem Bericht schreiben. Bis Ende des Jahres rechnen sie zwar mit einer Erholung der europäischen Auslastungsraten auf ein etwa mittleres 80-Prozent-Niveau. Doch das würde nicht ausreichen, um Entspannung in den engen Markt für Winterdiesel zu bringen.
4. Währungskurs
Öl wird auf dem Weltmarkt gehandelt und somit in Dollar. Daher wirkt sich auch der Wechselkurs zwischen Euro und Dollar auf die europäischen Spritpreise aus, wie der ADAC erklärt: „Generell gilt, je stärker der Euro, desto besser.“ Denn: „Je mehr US-Dollar man für seinen Euro bekommt, umso mehr Öl bekommt man auch für seinen Euro bei gleichbleibendem Ölpreis.“
Als der Ölpreis Anfang Oktober schwächelte, war auch der Euro im Vergleich zum Dollar eher schwächer – der Rabatt auf dem Rohölweltmarkt kam daher nicht vollständig im Euro-Raum an. Zuletzt ist der Euro-Kurs aber wieder deutlich gestiegen.
5. Raffineriemargen
Zieht man vom Diesel- oder Benzinpreis den Rohölpreis, Währungskosten und alle Steuern und Abgaben ab, erhält man unterm Strich die Bruttomarge, die Raffinerien erwirtschaften. Diese Bruttomarge steigt, wenn niedrigere Rohölpreise nicht direkt an den Kunden weitergegeben werden. Laut ADAC ist das bei Ottokraftstoffen von Frühjahr bis Herbst der Fall gewesen.
Das zeigt auch das Vergleichsportal Benzinpreis.de. Demnach lagen die Roherträge der Anbieter im Januar noch bei rund 14 Prozent des Endpreises. Zwischen Mai und August stiegen sie jedoch auf über 18 Prozent an, im November liegen sie auf einem Niveau von knapp 16 Prozent. Bei Diesel liegen die Bruttomargen in diesem Jahr zwischen 21 und 25 Prozent.
Werden die Margen für die Raffinerien größer, kann das also auch den Benzinpreis nach oben treiben.
Die Tankstellen selbst hätten die zuletzt gesunkenen Ölpreise allerdings vollständig an die Kunden weitergegeben, betont ein Sprecher des Wirtschaftsverbands Fuels und Energie, der unter anderem die Markentankstellen vertritt.