Nachhaltige Immobilien: So rechnen sich begrünte Gebäude für Unternehmen
Freiburg. Eine solche Oase ist noch ungewohnt in Gewerbegebieten. Die Spaleck Gruppe hat an ihrem Stammsitz in Bocholt das Dach einer Industriehalle begrünt. Der Mittelständler, der sich selbst „grüner Maschinenbauer“ nennt, will damit zeigen, „dass oft schon mit einfachen Mitteln viel möglich ist“, sagt Geschäftsführer Carsten Sühling. Seit 2021 kooperiert die Firma mit dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu). „Als Familienunternehmen in fünfter Generation ist Nachhaltigkeit in allen Belangen für uns von jeher überlebenswichtig“, sagt Sühling.
Die Wirtschaft habe „einen großen Hebel“ und könne „im Bereich des Umweltschutzes und der Nachhaltigkeit vieles besser machen“, sagt Sühling. Die Dachbegrünung sei auf vielfache Weise nützlich. „Sie dämmt im Winter und dient im Sommer als Hitzeschutz, sie trägt so als natürliche Klimaanlage zu Energieeinsparungen bei“, sagt er. Zudem würden bei Starkregen die Abflussspitzen verringert.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass die Lebensdauer des Daches steigt. Das liegt auch daran, dass es einer geringeren UV-Strahlung ausgesetzt ist. „Abhängig von der Begrünung werden 40 bis 80 Prozent der Sonneneinstrahlung reflektiert und im Blattwerk absorbiert“, hat der Bundesverband Gebäude-Grün (BuGG) ermittelt. Auch die verringerten Temperaturschwankungen kommen der Lebensdauer der Dachhaut zugute – schließlich kann die Temperatur eines reinen Bitumendachs im Sommer laut BuGG innerhalb eines Tages um bis zu 50 Grad schwanken. Mit einer Dachbegrünung könne dieser Wert auf zehn Grad sinken.
Viele finanzielle Vorteile
Mit der natürlichen Oberfläche liegt die Spaleck Gruppe im Trend. „Es werden immer mehr Industriedächer begrünt“, sagt BuGG-Präsident Gunter Mann. Auch Verwaltungsgebäude oder Büroimmobilien werden auf grün getrimmt. Es geht neben dem Umweltschutz auch um finanzielle Vorteile. So sinkt der Wärmeverlust im Winter laut BuGG um drei bis zehn Prozent, wenn ein klassisches Kiesdach durch ein Gründach mit zehn bis 15 Zentimeter Aufbauhöhe ersetzt wird.
Zudem ergeben sich Einsparungen durch die Regenwassernutzung und vor allem auch durch die sommerliche Kühlung. Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP) kommt gar zu dem Schluss, dass die Verbesserung des städtischen Mikroklimas der größere positive Effekt ist – denn auch die Umgebung profitiert, wenn sich Dachflächen nicht extrem aufheizen.
Manchmal sind es rein betriebliche Gründe, die Unternehmer aufs Gründach bringen – so geschehen beim Transport- und Logistikunternehmen Kroop in Neu Wulmstorf. „In der Bauplanungsphase ging es bei uns darum, die maximal mögliche Einspeisemenge für Regenwasser in die öffentliche Kanalisation einzuhalten“, erläutert Geschäftsführer Axel Horstmann.
Um die zulässigen Spitzen nicht zu überschreiten, wurde eine Wasserrückhaltung auf dem Grundstück nötig. „Anstelle von unterirdischen Speichermedien haben wir uns für die Ausnutzung der Dachfläche zusammen mit Speicher- und Versickerungsmöglichkeiten rund um die Halle entschieden“, sagt Horstmann.
Das sei dann zwar „etwas teurer“ geworden, doch damit erziele man nun weitere Vorteile, wie die bessere Isolierung des Hallendachs und den Schutz der Dachhaut bei Wartungen und Dacharbeiten. Hinzu komme der ästhetische Aspekt, denn das begrünte Hallendach ist vom Bürogebäude des Unternehmens aus sichtbar. Gleichwohl will der Geschäftsführer auch nichts beschönigen. „Alles in allem war die Umsetzung herausfordernd und ging nicht ohne Probleme über die Bühne.“ Aber das jetzige Ergebnis könne „sich sehen lassen“.
Ein besonderer Gewinn für Kroop ergibt sich durch die Kombination des Gründachs mit Photovoltaik, denn die Kühlung der Dachfläche verhilft den Modulen sogar zu Mehrerträgen. Das hat schlicht physikalische Gründe. Klassische Solarzellen büßen bei Erwärmung an Effizienz ein. Der BuGG rechnet aufgrund der Kenndaten heutiger Solartechnik mit einer um vier bis fünf Prozent erhöhten Leistung durch Gründächer, verglichen mit Photovoltaik auf einem nackten Bitumendach. „In der Kombination Photovoltaik und Gründach lassen sich Klimaschutz und Klimawandelanpassung ideal verbinden“, sagt BuGG-Präsident Mann.
Dabei hat Mann beobachtet, dass Umweltschutzmotive seltener den Impuls für das gewerbliche Gründach geben. Vielmehr seien oft die Bauauflagen der Auslöser. Wo es solche nicht gibt, bleiben – allen positiven Erfahrungen zum Trotz – die Begrünungen auf großen Flachdächern noch selten.
Statische Bedenken dürften für manch Unternehmen ein Hemmnis sein. Doch laut BuGG sind diese oft unbegründet. Nach Angaben des Verbands kommen extensive Begrünungen im wassergesättigten Zustand mit Vegetation in der Regel auf 80 bis 170 Kilogramm Dachlast pro Quadratmeter.
Ein Dach, auf dem vorher schon Kies als Schutzbelag vorhanden war, verfüge über eine ausreichende Lastreserve für eine Extensivbegrünung. Eine Kiesschicht von fünf bis sechs Zentimetern entspreche schließlich bereits einer Last von 120 Kilogramm pro Quadratmeter. Sogenannte „Leichtdachbegrünungen“ könnten sogar mit nur 50 Kilogramm Dachlast pro Quadratmeter auskommen.
Regelmäßige Pflege ist wichtig
Extensive Dachbegrünungen gelten als pflegeleicht. Die Vegetation besteht zumeist aus Gräsern, Kräutern, Moosen und Pflanzen der Gattung Sedum, auch Fetthennen genannt. Dafür reicht eine Aufbaudicke von sechs bis 20 Zentimetern aus mineralischem Substrat mit sehr geringem Humusanteil. Zwei Pflege- und Wartungsgänge pro Jahr sind empfehlenswert, vor allem auch um unerwünschten Bewuchs zu entfernen, speziell von solchen Gehölzen, die irgendwann die Dachhaut beschädigen können.
Angesichts des erwiesenen Nutzens von Gründächern für die Betriebe nehmen sich auch Wirtschaftsverbände des Themas an. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein zum Beispiel weist ihre Mitglieder auf die Attraktivität dieses Konzepts hin. Neben geringeren Kosten für Energie und Abwasserentsorgung verweist die IHK darauf, dass Unternehmen die Begrünung als ökologische Kompensationsmaßnahme anrechnen lassen können. Denn es wird neben dem Kühleffekt auch Feinstaub aus der Luft gefiltert.
Hinzu komme ein positiver Beitrag zum Natur- und Artenschutz. Denn Gründächer bieten Insekten oder Vögeln einen Lebensraum. Dadurch könne „die Biodiversität gesteigert werden, was wiederum auch für diverse Nachhaltigkeits-Zertifizierungen angerechnet werden kann“, teilt die IHK mit.
Doch es gibt auch Fälle, in denen die Errichtung eines Gründachs nicht so einfach ist. Vorsicht sei geboten bei Holzkonstruktionen, heißt es am Fraunhofer IBP. „Die Begrünung führt zu einer deutlich reduzierten Erwärmung, und damit verbunden ist eine schlechte sommerliche Trocknung der Holzflachdächer“, sagt Daniel Zirkelbach, Forscher am IBP. Dies führe häufig zu Schäden, wenn die Konstruktion nicht sorgfältig geplant und ausgeführt wurde.
Guter CO2-Speicher
Auch dem Klimaschutz dienen die Dächer. Denn sie nehmen CO2 aus der Atmosphäre auf. Nach drei Jahren erziele die Dachvegetation eine CO2-Aufnahme von 0,8 bis 0,9 Kilogramm pro Quadratmeter, rechnet der BuGG vor. Moose könnten in einem Jahr sogar 2,2 Kilogramm pro Quadratmeter aufnehmen und erreichen damit denselben Wert wie Intensivgrünland.
Die Spaleck Gruppe in Bocholt hat den Klimanutzen ihrer Dachbegrünung bereits durchgerechnet. Die Vegetation auf 365 Quadratmetern binde jährlich mehr als 400 Kilogramm an CO2. Doch auch der Naturschutz ist Geschäftsführer Sühling wichtig. Man schaffe für „zahlreiche Insekten und Tiere eine Lebensgrundlage“.