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GeopolitikDeutsche Abhängigkeit von Taiwans Chipbranche bleibt bestehen

Bei einem Krieg um die Insel wären die Auswirkungen für die Lieferketten enorm. Die Bemühungen um eine Diversifizierung der Chipproduktion senken die Risiken mittelfristig nicht.Martin Kölling, Joachim Hofer 12.01.2024 - 15:09 Uhr

Tokio, München. Die Coronapandemie hat gezeigt, welch gravierende Folgen es hat, wenn zu wenig Chips aus Taiwan nach Deutschland kommen. Etwa in der Automobilbranche. Auch wegen der Chipknappheit brach der Absatz des Volkswagen-Konzerns von knapp 11 Millionen Autos im Jahr 2019 auf 8,5 Millionen 2022 ein.

Kein anderes Land ist für die Chipindustrie so wichtig wie die Insel, die von China als abtrünnige Provinz betrachtet wird. Das liegt vor allem an Taiwan Semiconductor Manufacturing Corp (TSMC), dem größten Auftragsfertiger der Branche.

Die kleine Insel mit ihren nur 23,6 Millionen Einwohnern hat fast ein Monopol auf Highend-Chips für Smartphones und neue Anwendungen der Künstlichen Intelligenz. Aber auch für Autos und Werkzeugmaschinen sei TSMC wichtig, sagt Gunther Kegel, Präsident des Branchenverbands ZVEI. „40 Prozent aller Halbleiter weltweit durchlaufen irgendwann eine TSMC-Fabrik.“ Damit sei TSMC „der entscheidende Zulieferer“ für viele Chipfirmen, die ohne eigene Fabriken auskommen.

Seit den Mangelerfahrungen in der Corona-Zeit sähen viele Verantwortliche deshalb mit bangem Blick auf die Insel, sagt Kegel: „Taiwan ist viel stärker als früher in unseren Fokus gerückt und wir beobachten die Entwicklung dort sehr genau.“ Denn die politische Situation der Insel ist brisant. Gerade jetzt, denn am 13. Januar entscheiden die Taiwaner bei den Präsidentschaftswahlen über den künftigen Kurs gegenüber China.

Die regierende Demokratische Fortschrittspartei steht für eine chinakritische Haltung, die beiden Oppositionskandidaten für eine Annäherung an China. Peking betrachtet die Insel als Teil der Volksrepublik China und strebt eine Wiedervereinigung an. Auch eine militärische Rückholung ins Reich der Mitte liegt auf dem Tisch. Nur will eine große Mehrheit der Menschen in der Republik China, wie Taiwan offiziell heißt, ihre erkämpften demokratischen Freiheiten nicht aufgeben.

Ein Krieg hätte dramatische Folgen

Dabei werden die Taiwaner von den USA unterstützt, die der Insel Hilfe gegen Angriffe zugesagt haben. Deshalb wird seit Jahren über die Gefahr eines Krieges spekuliert. Da dann die gesamte Chipproduktion der Insel zum Erliegen käme, wären die Folgen dramatisch. Wie stark Deutschland genau betroffen wäre, sei „schwer zu beziffern“, sagt Axel Limberg, Chef der deutschen Auslandshandelskammer in Taiwan.

In Taiwans Handelsstatistik machen die Halbleiterexporte allerdings nur 1,9 Milliarden US-Dollar aus. „Wir gehen aber konservativ davon aus, dass der genannte Exportwert in diesem Bereich mindestens zwei- bis dreimal so hoch sein dürfte“, sagt Limberg.

Ein Grund dafür sei, dass viele taiwanische Vorprodukte nach China geliefert und dort von deutschen Unternehmen weiterverarbeitet würden. „Genaue Zahlen dazu sind aber nicht zu bekommen, da sich die deutschen Unternehmen zu diesem Thema eher bedeckt halten.“ Hinzu kämen Chips, die über Umwege nach Deutschland geliefert würden.

Warum das globale Wettrennen um Chipwerke kein Derisking bringt

Die Europäische Union und die Bundesregierung haben bereits reagiert und fördern den Aufbau einer europäischen Chipproduktion. Ziel ist es, die Abhängigkeit von Taiwan zu verringern. So will TSMC gemeinsam mit dem deutschen Autozulieferer Bosch und dem Chiphersteller Infineon ein Werk in Dresden bauen.

Am meisten investieren die Taiwaner jedoch in den USA, unterstützt durch hohe Subventionen.

An zweiter Stelle folgt Japan mit zwei Fabriken – Bildsensoren mit relativ groben Strukturgrößen von 12- und 28-Nanometer in einer, Halbleiter im fortschrittlicheren 6-Nanometer-Verfahren in der geplanten zweiten.

Gleichzeitig macht sich Japan daran, eine eigene fortschrittliche Fertigung aufzubauen mit dem Start-up Rapidus. Es soll ab 2027 sogar Chips mit 2-Nanometer-Strukturen herstellen.

Taiwans Anteil an High-End-Chips werde von rund 80 Prozent im Jahr 2022 auf 66 Prozent im Jahr 2027 sinken, prognostiziert das taiwanesische Marktforschungsunternehmen Trendforce. Größter Gewinner des Subventionswettlaufs seien die USA, deren Anteil von nahezu null auf zwölf Prozent steigen könnte, prognostiziert Joanne Chiao, Analystin bei Trendforce.

Auch China baue seine Position bei reifen Chiptechnologien aus. Die chinesischen Auftragsfertiger seien dabei eher bereit, Preisnachlässe zu gewähren. Bei den Kapazitäten der Auftragsfertiger für bereits etablierte Verfahren werde Chinas Marktanteil von 28 Prozent im Jahr 2022 auf 37 Prozent im Jahr 2027 steigen – und damit fast gleichauf mit Taiwans Herstellern liegen.

Das Problem: Im Krisenfall dürften auch Chips aus China den Weltmarkt nicht mehr erreichen. Und ohne diese Chips funktioniert die Technik oft nicht. Denn selbst Smartphones benötigen nicht nur High-End-Chips, sondern auch eine Reihe von Halbleitern mit ausgereifter Technologie.

Industrievertreter raten zum Engagement in Taiwan

Ein Derisking des Chipstandorts Taiwan wird es also kurzfristig nicht geben. Umso wichtiger ist es für Länder wie Deutschland, auf Peking einzuwirken, Taiwan nicht zu attackieren. Kurzfristig geben Experten wie Christopher Sharman, Direktor des China Maritime Studies Institute am US Naval War College, Entwarnung, aber nur kurzfristig: „Ich glaube nicht, dass die Volksrepublik China im Moment so weit ist, aber sie rüstet sich für einen solchen Angriff, einschließlich ihrer ballistischen Raketenkapazitäten.“

Auch ZVEI-Präsident Kegel, Chef des Mannheimer Elektronikherstellers Pepperl & Fuchs, rechnet nicht damit, dass eine Invasion bevorsteht. Kegel: „Die Rhetorik der Chinesen ist oft etwas ungestüm und verunsichert die westlichen Industrienationen.“

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Ebenso könnten die aufstrebenden taiwanischen Elektronikzulieferer der  Autobranche und des Maschinenbaus mehr hochwertige Komponenten aus Deutschland abnehmen. Limberg rät deshalb, sich von der angespannten Situation nicht abschrecken zu lassen. „Wer sein Engagement aufschiebt, verpasst vielleicht die Chance, sich in den Lieferketten der Taiwaner zu verankern.”

Erstpublikation: 12.01.2024, 11:26 Uhr.

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