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PetrochemieÖlkonzerne Adnoc und OMV bilden neuen Chemie-Giganten

Die Araber und Österreicher verwandeln ihre Partnerschaft in ein fusioniertes Unternehmen. Als Nächstes könnte Adnoc in Deutschland zugreifen – womöglich gleich bei zwei Konzernen.Bert Fröndhoff 14.12.2023 - 16:02 Uhr

Düsseldorf. In der Chemieindustrie entsteht ein neuer Großkonzern unter arabischer und österreichischer Führung. Die Ölkonzerne Adnoc aus Abu Dhabi und OMV aus Wien hätten eine Einigung über das Zusammenlegen ihrer Geschäfte mit Massenkunststoffen erzielt, heißt es in Unternehmens- und Finanzkreisen. Eine offizielle Ankündigung könnte noch am Donnerstag folgen.

Beide sind bisher über verschiedene Beteiligungen bereits eng miteinander verbunden und hatten Mitte des Jahres Verhandlungen über eine Fusion der Chemietöchter Borealis (OMV) und Borouge (Adnoc)  angekündigt. Jetzt wollen sie die gemeinsame Expansion starten, die vor allem auf Asien abzielt.

Es entsteht ein neuer Petrochemiekonzern mit einem kombinierten Umsatz von zuletzt rund 17 Milliarden Euro und einem Marktwert von rund 30 Milliarden Dollar. Das Unternehmen soll ein stärkerer Wettbewerber auf dem Markt für Massenkunststoffe wie Polyethylen und Polypropylen werden.

Zu den großen Konkurrenten in diesem auf fossilen Rohstoffen basierenden Segment zählen der saudische Chemieproduzent Sabic, die Chemietöchter führender westlicher und asiatischer Ölkonzerne sowie der amerikanische Hersteller Dow.

OMV und Adnoc werden jeweils gleich viele Anteile an dem Konzern halten. Ob die Börsennotierung von Borouge in den Emiraten erhalten bleibt, war am Nachmittag noch nicht bekannt. Möglicherweise übernimmt der fusionierte Konzern diese. Es werden aber voraussichtlich nur wenige Prozent der Anteile gehandelt.   

Noch kein offizielles Angebot für Covestro

Für Adnoc aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ist es ein großer Schritt beim Aufbau neuer Geschäfte abseits der klassischen Öl- und Gasförderung. Der Konzern will dafür in den nächsten Jahren 150 Milliarden Dollar ausgeben, vorwiegend für Übernahmen im Ausland.

Seit September verhandeln die Araber dazu auch über einen Kauf des deutschen Kunststoffherstellers Covestro. In Finanzkreisen hieß es am Donnerstag, das Interesse von Adnoc an dem Dax-Konzern sei weiterhin hoch. Das Projekt werde unabhängig von OMV verfolgt.

Allerdings seien die Gespräche mit dem Covestro-Management noch immer nicht weit fortgeschritten. Die Verhandlungen könnten jetzt aber  an Dynamik gewinnen, da das Projekt mit OMV festgezurrt sei, hieß es.

Bis zuletzt war Adnoc-CEO Sultan Ahmed Al Jaber mit der UN-Klimakonferenz COP beschäftigt, die in Dubai stattfand und deren Präsidentschaft der Sultan innehatte. Al Jaber ist zugleich Industrieminister der Emirate.

Den Kreisen zufolge will Adnoc 11,6 Milliarden Euro für Covestro zahlen, also rund 60 Euro pro Aktie. Aktuell notiert die Aktie bei 52 Prozent. Es wird erwartet, dass der Preis noch steigt, etwa im Zuge der Prüfung der Geschäftsbücher (Due Diligence). Analysten rechnen mit Werten zwischen 63 und 68 Euro pro Aktie.

Allerdings liege Covestro weiterhin kein konkretes Übernahmeangebot der Araber vor, sagt ein Insider. Wäre dies der Fall, müsste der deutsche Konzern gemäß Publikationspflicht darüber umgehend die Öffentlichkeit informieren. Adnoc habe keine Eile und mache aktuell auch keinen Druck in den Gesprächen, heißt es.

Schon die Verhandlungen mit OMV haben sich ein Dreivierteljahr hingezogen. Eine tiefgehende Due Diligence habe es bei Covestro noch nicht gegeben, hieß es in Finanzkreisen. Das wäre auch erst nach Bekanntgabe einer konkreten Übernahmeofferte möglich.

Adnoc nahstehende Insider dementierten am Donnerstag erneut, dass auch Covestro nach einer erfolgreichen Übernahme in den neu entstehenden Petrochemie-Konzern eingegliedert werden soll. Dieses Gerücht hält sich in der deutschen Chemieindustrie hartnäckig.

Dagegen spricht: Die Produktionsketten sind sehr unterschiedlich. Die Deutschen sind marktführend bei harten und weichen Schäumen (Polyurethan) und in der Spezialchemie etwa bei Beschichtungen tätig.

Allerdings gibt es auch Schnittmengen bei den Kundenindustrien beider Konzerne, wozu etwa Healthcare, Energietechnik und Konsumgüter zählen.  

Araber prüfen Gebot auch für Wintershall

In Deutschland ist Covestro nicht das einzige Unternehmen, für das sich Adnoc interessiert. Laut Finanzkreisen prüfen die Araber auch ein Gebot zur Übernahme der BASF-Tochter Wintershall. BASF will sich von seinem Anteil über 72 Prozent an dem Öl- und Gasförderer trennen.

Der Rest liegt bei der Beteiligungsfirma Letter One des russischen Investors Mikhail Fridman. Der russische Oligarch hat wegen der Sanktionen aber aktuell keine Exekutivrechte mehr an Letter One.

Dennoch macht die Konstellation eine Abgabe von Wintershall komplex. BASF hatte lange Zeit einen Börsengang favorisiert, mittlerweile rückt der Verkauf an einen strategischen Investor in den Fokus.

Neben Adnoc seien auch europäische Ölkonzerne interessiert, etwa die britische Harbour Energy. Equinor aus Norwegen wird ebenfalls als möglicher Käufer genannt. Wintershall könnte auf eine Gesamtbewertung von zehn Milliarden Euro kommen.

Das ist genau die Größenordnung für einzelne Übernahmen, die Adnoc anpeilt. Die Strategie des Staatskonzerns aus Abu Dhabi hat drei Stoßrichtungen: Adnoc will stärker auf der nächsten Veredelungsstufe des Rohstoffs Öl präsent sein, also in der Chemie.

Zugleich wollen sich die Araber den Zugang zu moderner Chemietechnik für Recycling- und Kreislaufwirtschaft sichern, also einer Produktion mit erneuerbaren Rohstoffen. Und das soll mit dem Aufbau eines globalen Chemie-Netzes einhergehen.

Diesen Anspruch erfüllen nahezu allen genannten möglichen Übernahmeziele von Adnoc. Covestro ist einer der technologischen Marktführer beim Einsatz von CO2 und anderen erneuerbaren Rohstoffen sowie im Kunststoff-Recycling. Der Leverkusener Konzern will langfristig komplett weg vom Öl als Rohstoff.

Araber bleiben an OMV beteiligt

Wintershall wiederum wandelt sich vom reinen Öl- und Gasförderer ebenfalls in Richtung Greentech. Dazu investiert der Konzern in Technologie zur Abscheidung und unterirdischen Speicherung von CO2, Carbon Capture and Storage genannt. Die Kasseler wollen zudem das Zukunftsgeschäft mit Wasserstoff aufbauen und haben damit eine große Schnittstelle zu Adnoc.

Über zukunftsträchtige Technologie etwa beim Recycling wird auch der nun entstehende Chemiekonzern von Adnoc und OMV verfügen. Das bringt vor allem die OMV-Chemietochter Borealis mit, an der Adnoc bereits seit mehreren Jahren gut ein Viertel der Anteile hält.

Borealis kam zuletzt auf einen Umsatz von rund zehn Milliarden Euro. Darin ist das Düngemittelgeschäft nicht eingerechnet, das die Wiener an den tschechischen Konzern Agrofert verkauft haben. Borealis verfügt über einige große Standorte in Europa und auch in Deutschland.

Im bayerischen Burghausen betreiben die Österreicher zwei Produktionsanlagen für Polypropylen. Dieser Kunststoff wird für Nahrungsmittelverpackungen, Haushaltsmittel sowie Anwendungen in der Medizin und Hygiene verwendet.

Zum anderen besteht der fusionierte Konzern aus dem in den Emiraten ansässigen Petrochemieanbieter Borouge, der einen Umsatz von zuletzt umgerechnet sieben Milliarden Euro mitbringt.

Auch diese Firma ist bisher ein Joint Venture, bei dem Adnoc mit 56 Prozent die Mehrheit und OMV einen Anteil von 36 Prozent hat. Die restlichen acht Prozent werden seit dem vergangenen Jahr an der Börse in Abu Dhabi gehandelt.

Mit dem Zusammenschluss lösen OMV und Adnoc also ein kompliziertes Beteiligungsgeflecht auf und treten nun als gleichberechtigte Eigentümer in neuer Struktur gegenüber.

Unberührt bleibt der Anteil, den Adnoc direkt an OMV hält: Die Araber besitzen knapp ein Viertel an dem börsennotierten Wiener Konzern, weitere 31,5 Prozent gehören dem österreichischen Staat.

Borealis investiert in Kunststoff-Recycling

Borealis ist für OMV ein wichtiges Vehikel für die Transformation in den kommenden Jahren. Denn OMV will langfristig weg vom Geschäft mit fossilen Rohstoffen und setzt auf den Ausbau erneuerbarer Alternativen. Borealis ist nach mehreren Zukäufen mittlerweile einer der größten Kunststoff-Recycler in Europa mit Anlagen in Belgien, Deutschland und dem Stammwerk Schwechat bei Wien.

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Profitieren soll Borealis künftig von der Präsenz und dem Netzwerk, das Borouge im asiatischen Raum bereits hat. In Asien und vor allem in China wird in den kommenden Jahren das größte Wachstum für Chemikalien und Kunststoffe erwartet.

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