Interview: „Es ist ein von Artillerie dominierter Krieg, und die Russen haben da viel größere Möglichkeiten als die Ukrainer“
Herr Gady, Sie haben seit Beginn der russischen Invasion die Ukraine regelmäßig besucht, zuletzt im November. Wie erlebten Sie die Stimmung an der Front?
Der Kampfeswille und die Moral unter den Soldaten sind weiterhin relativ hoch. Es gibt aber auch Kritik an der politischen und militärischen Führung. Das ist normal nach der teilweise missglückten Gegenoffensive. Sie hat ihre geografischen Ziele, die Städte Tokmak und Melitopol sowie das Asowsche Meer, nicht erreicht.
Was waren die Gründe?
Die Verzögerung zu Beginn und die vielen Angriffsachsen waren wichtige Faktoren. Aber entscheidend scheint mir, dass die Soldaten in den für die Offensive neugeschaffenen Brigaden ohne Kampferfahrung ins Gefecht geworfen wurden. Sie mussten teilweise Waffensysteme bedienen, die sie nur dürftig kannten. Im Westen wären sie mehrere Jahre ausgebildet worden, hier komprimierte man das auf wenige Monate. Das Resultat war das, was man erwarten durfte.
Wieso funktionierte das nicht besser?
Einen Teil der Schuld tragen die USA und Europa. Wir realisierten viel zu spät, was die Ukraine brauchte, und erhöhten unsere Produktionskapazität bei Artillerie und Flugabwehrsystemen nicht früh genug. Auch hätten wir das Training der einzelnen Einheiten besser abstimmen können. Wir sahen im Feld, dass ein Bataillon in Großbritannien, eines in Deutschland und eines in Polen ausgebildet worden war. Alle kamen mit anderem Wissensstand zurück. So lassen sich keine Einsätze im Großverband koordinieren.