Handelsblatt Energie-Gipfel: Fünf Maßnahmen, mit denen die Energiewende Tempo aufnimmt
Berlin. Beim Blick auf die Energiewende wächst in der Branche der Optimismus. Auf dem Handelsblatt Energie-Gipfel in Berlin sagte Christian Thiel, Chef des Wärmespeicherspezialisten Energynest, Deutschland befinde sich nicht mehr „im Dornröschenschlaf“. Carsten Bovenschen, Chef des Projektentwicklers Juwi, erklärte: „Ich muss eine Lanze brechen für Minister Habeck und das, was er geschafft hat. Wir sind viel weiter gekommen als in den Jahren vorher.“
Allerdings bleiben die deutschen Klimaziele trotz aller Fortschritte ambitioniert. Bis 2030 sollen beispielsweise nach dem Willen der Bundesregierung mindestens 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien gewonnen werden. Daran gemessen geht vieles noch nicht schnell genug.
Mit Blick auf dieses Problem machten Entscheiderinnen und Entscheider auf dem Energie-Gipfel Vorschläge, wie die Energiewende schneller gelingen kann – und die Vorgaben in den kritischen Bereichen noch rechtzeitig erfüllt werden können.
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1. Koordinierterer Solarausbau
Deutschland hat im Solarbereich im vergangenen Jahr kräftig zugebaut. Innerhalb eines Jahres kam eine Million neuer Solaranlagen ans Netz. Die installierte Leistung legte damit im Vergleich zum Vorjahr um 85 Prozent zu.
Der Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller sagte zudem auf dem Energie-Gipfel: „Wir können beim Solarausbau noch schneller werden.“ Dafür sorgen soll beispielsweise das „Solarpaket 1“, das den Bundestag im Frühjahr passieren und unter anderem Bürokratie abbauen soll.
Allerdings ist immer fraglicher, ob ein schneller Photovoltaikhochlauf uneingeschränkt positiv zu bewerten ist. Es ist daher besonders wichtig, koordiniert vorzugehen, waren sich die Experten einig.
Denn es entstehen nicht nur große, professionelle Solarparks, sondern auch Millionen von Anlagen auf Dächern und kleinen Balkonkraftwerken an Privathäusern.
Das bringt diverse Herausforderungen mit sich – vor allem, wenn es gilt, die zahlreichen Photovoltaikanlagen gewinnbringend ans Stromnetz anzuschließen. Sie speisen an vielen Orten zusätzlichen Strom in ein Stromnetz ein, das bislang nur auf wenige, große Kraftwerke ausgelegt war. Es braucht also neue Leitungen und Transformatoren, um die zusätzliche Einspeisung zu bewältigen.
Wie steht es um die Energiewende in Deutschland?
Diese Netzherausforderung wird noch dadurch verschärft, dass Solaranlagen verstärkt im Sommer und vor allem um die Mittagszeit Strom einspeisen. Der Stromverbrauch von Haushalten ist aber vormittags und abends besonders hoch.
Mit Blick darauf sagte Eon-Chef Leonhard Birnbaum am Mittwoch: „Die Bundesregierung sollte sich die Frage stellen, ob der Ausbau der Erneuerbaren regional gesteuert werden muss und wie eine entsprechende Förderung aussehen könnte, die dies unterstützt.“
2. Neue finanzielle Anreize für mehr Windkraft
Anders als bei Photovoltaik geht der Ausbau von Windkraftanlagen noch nicht schnell genug. Um die Klimaziele zu erreichen, müssen laut Kanzler Olaf Scholz (SPD) jeden Tag vier bis fünf neue Windräder den Betrieb aufnehmen. Im vergangenen Jahr waren es allerdings nur zwei.
Juwi-Chef Bovenschen gab sich diesbezüglich beim Energie-Gipfel allerdings optimistisch. Er sagte: „Die fünf Windräder pro Tag sind ein Durchschnitt bis 2030. Diese Anzahl ist im Augenblick nicht denkbar. Aber es wird eine dynamische Entwicklung geben. Es werden 2029 deutlich mehr als fünf pro Tag sein.“
Die Situation auf dem Windmarkt sei vielversprechend. Die Technologie werde immer besser und ertragreicher. Und es habe 2023 rund 80 Prozent mehr Genehmigungen gegeben als im Vorjahr.
Hier allerdings geht aktuell viel Zeit verloren. Derzeit vergehen zwischen Genehmigung und Inbetriebnahme von Windrädern mehr als 27 Monate, zeigen Zahlen der Fachagentur Wind. Vor einem Jahrzehnt waren es gerade einmal zwölf Monate.
Netzagentur-Chef Müller sagte, er sehe vor allem in Nordrhein-Westfalen und in ostdeutschen Bundesländern eine Beschleunigung, doch gerade im Süden müsse noch einiges aufgeholt werden. Angegangen werden müsse diese Problematik von Ländern und Kommunen, die die Genehmigungsverfahren vor Ort beschleunigen sollten.
Die Behörde versucht, über finanzielle Anreize den Ausbau der Windenergie zu beschleunigen. Neue Windräder erfordern mehr Netzanschlüsse – dadurch steigen die Netzentgelte in den Regionen, in denen Wind stark ausgebaut wird, obwohl ganz Deutschland mit diesem Strom versorgt wird. Müller will daher das System reformieren und die Entgelte gerechter verteilen. Ein entsprechender Vorstoß könnte Anfang 2025 in Kraft treten.
3. Freileitungen statt Erdkabel für günstigeren Netzausbau
Grundsätzlich ist der Stromnetzausbau eines der zentralen Themen der Energiewende. Erneuerbarer Strom kommt vor allem aus den windreichen Regionen im Norden Deutschlands. Die größten Stromverbraucher, allen voran große Industriebetriebe, sitzen aber im Süden und Westen.
14.000 Kilometer Hochspannungsleitungen müssen deshalb in den nächsten Jahren gebaut werden. Für ungefähr die Hälfte ist die Bundesnetzagentur verantwortlich, weil diese Netze überregional verlaufen. Davon sind aber gerade mal 1300 Kilometer genehmigt worden.
Die Behörde hat zuletzt die Genehmigungsverfahren beschleunigt, sodass nach eigenen Angaben ein Drittel bis zur Hälfte der Zeit gespart werden kann. Auch Stefan Kapferer, Chef des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz, erwartet in den kommenden Monaten eine rasche Zunahme der genehmigten Netze. „Dann reden wir aber nicht mehr über ein Genehmigungsproblem, sondern über die Frage, ob wir genügend Kabel, Bagger oder Bauarbeiter haben.“
Ein Problem aus Kapferers Sicht: die hohen Investitionskosten für die vorgeschriebenen Erdkabel in den kommenden Jahren. „Die Kostenentwicklung ist die größte Komponente für die Akzeptanz der Energiewende“, sagte er.
Der 50Hertz-Chef schlug vor, die Stromtrassen nicht wie geplant unter der Erde, sondern mittels Freilandleitungen zu verlegen. Hier sieht er Einsparpotenziale von mindestens zehn Prozent.
4. Wasserstoffimporte bis 2040 vorausplanen
Für die kommenden Jahre zeichnet sich eine hohe Nachfrage nach Wasserstoff ab. Viele energieintensive Betriebe setzen darauf, um ihre Emissionen zu reduzieren.
Doch für eine stabile Versorgung ist noch lange nicht gesorgt. Anne-Laure de Chammard, Vorständin beim Dax-Konzern Siemens Energy, mahnte daher auf dem Energie-Gipfel, es sei Zeit, vom Reden ins Handeln zu kommen. Problematisch sei, dass viele Projekte nicht zustande kämen. „Wir brauchen eine klare staatliche Unterstützung, klare Signale und einen viel schnelleren Rechtsrahmen“, sagte die Managerin.
Katherina Reiche, Chefin von Westenergie, kritisierte die häufig sehr kleinteilige Förderung. Zudem seien die Genehmigungszeiten für Projekte zu lang. Reiche forderte zudem, bei der Planung einer Strategie für künftige Wasserstoffimporte nach Deutschland nicht nur auf 2030 zu blicken, sondern bis 2040 zu denken.
Christian Küchen, Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbands Kraftstoffe und Energie (en2x), sprach von derzeit ausbleibenden Investitionsentscheidungen. Er forderte unter anderem einen verlässlichen CO2-Preis für eine langfristige Planbarkeit.
Auch er sprach sich für eine pragmatischere Herangehensweise aus. „Wir müssen manchmal auch 80 Prozent akzeptieren, wenn 100 Prozent heute noch nicht gehen.“
5. Elektrifizierung und Abwärmenutzung für mehr Energieeffizienz
Energie effizienter zu nutzen ist erklärtes Ziel der Weltgemeinschaft. Diese hatte sich bei der Klimakonferenz in Dubai im Dezember auf eine Verdopplung der Energieeffizienz bis 2030 im Vergleich zu 2019 verständigt.
Das allerdings ist leichter gesagt als getan. Sylvia Baumheier, Head of NRW Infrastructure bei Covestro, sagte beim Energie-Gipfel, man habe alle Energieeffizienzmaßnahmen, die sich schnell rechneten, längst ergriffen.
Energynest-Chef Thiel sieht Potenzial vor allem in zwei Bereichen: Die deutsche Industrie erzeuge etwa 80 Terawattstunden an Abwärme – damit ließen sich in der Theorie sieben Mal so viele Wohnungen heizen, wie Hamburg habe.
Außerdem seien erst drei Prozent der industriellen, wärmebasierten Prozesse elektrifiziert. Laut dem Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung sei es aber auf Basis der heute zur Verfügung stehenden Technologie möglich, fast 80 Prozent auf Strom umzustellen.