Arbeitsmarkt: Gewerkschaft NGG wächst erstmals seit zehn Jahren
Berlin. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) ist im vergangenen Jahr erstmals seit einer Dekade wieder gewachsen. Rund 20.500 Menschen traten neu bei. Zum Jahresende zählte die NGG damit insgesamt 187.679 Mitglieder – 1,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. „Das ist der erste Zuwachs seit zehn Jahren und ein wirklich gutes Ergebnis auch unserer Tarifarbeit“, sagte der NGG-Vorsitzende Guido Zeitler dem Handelsblatt.
Die NGG vertritt die Interessen von Beschäftigten, die im weitesten Sinne mit „Essen und Trinken“ zu tun haben. Beispielsweise im Gastgewerbe und der Systemgastronomie, in der Nahrungsmittel-, Süßwaren-, Getränke- und Tabakindustrie oder im Bäckerhandwerk.
Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hatte kürzlich einen Mitgliederzuwachs verkündet – um 2,2 Prozent auf knapp 1,9 Millionen. Als einen Grund für den Zuwachs nannte Verdi-Chef Frank Werneke die große Zahl der teils sehr konfliktreich geführter Tarifrunden.
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Im Organisationsbereich der NGG ging es im vergangenen Jahr ebenfalls nicht immer friedlich zu, in der Streikbilanz stehen mehr als 400 Arbeitskämpfe. „Eine solche Zahl habe ich in meinen 25 Jahren als hauptamtlicher NGG-Funktionär noch nicht erlebt“, sagte Zeitler.
Gewerkschaftschef hält höhere Löhne für unumgänglich
Die Situation in den von der NGG organisierten Wirtschaftszweigen ist durchaus heterogen. Das von der Coronapandemie stark gebeutelte Gastgewerbe leidet weiter unter Arbeitskräftemangel und jetzt auch noch darunter, dass seit dem 1. Januar auf Speisen in Restaurants und Cafés wieder der volle Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent gilt.
Trotzdem hält Zeitler höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen in der Branche für unumgänglich, weil sonst das „Sterben auf Raten“ im Gastgewerbe weitergehe. In einer Beschäftigtenbefragung der NGG hatte ein Drittel angegeben, den Job im Gastgewerbe nicht mehr lange durchhalten zu können. Bei den Gründen stehen die Bezahlung und die ungünstigen Arbeitszeiten ganz oben.
Besser ist die wirtschaftliche Situation in der Ernährungsindustrie, die laut Zeitler in besonderem Maße von den jüngsten Preissteigerungen profitiert hat. „Deshalb müssen die Unternehmen davon auch etwas an die Beschäftigten abgeben“, sagt der NGG-Chef. Nach seinen Worten ist es der Gewerkschaft gelungen, mit ihren Tarifabschlüssen die hohe Inflation von 5,9 Prozent im vergangenen Jahr weitgehend auszugleichen.
In der Süßwarenindustrie beispielsweise hatten sich die Tarifparteien im Juni verständigt, die Löhne für die rund 60.000 Beschäftigten um 300 bis 350 Euro anzuheben. In den unteren Entgeltgruppen bedeutet das beispielsweise in Nordrhein-Westfalen ein Plus zwischen zwölf und 16 Prozent. Entsprechend verzeichnete die NGG in der Branche mit 15 Prozent einen besonders starken Mitgliederzuwachs.
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Für die in diesem Jahr anstehenden Tarifrunden in Lebensmittelindustrie und -handwerk, in der Getränkewirtschaft, in der Tabakindustrie, im Gastgewerbe und bei McDonald’s und Co. empfiehlt der Gewerkschaftsvorstand den jeweiligen Tarifkommissionen eine Forderung von acht bis zehn Prozent mehr Geld.
In den Betrieben, in denen seine Gewerkschaft Tarifverträge aushandele, sei die Stimmung besser als andernorts, sagt Zeitler: „Demokratie lebt von Beteiligung und der Möglichkeit, dass sich jeder einbringen kann.“
Von den NGG-Mitgliedern stehen rund 82 Prozent aktiv im Erwerbsleben. Besonders kräftig konnte die Gewerkschaft Anhänger unter jungen Beschäftigten gewinnen. Die Zahl der Mitglieder unter 28 Jahren stieg um 8,8 Prozent auf 14.190.
Auch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), die sich im vergangenen Jahr einen von heftigen Arbeitskämpfen begleiteten Tarifkonflikt mit der Deutschen Bahn geliefert hatte, informierte am Mittwoch über ihre Mitgliederentwicklung. 14.298 Menschen traten ein. Trotzdem sank die Mitgliederzahl unter dem Strich um knapp 900 auf 184.500.
Auch die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) schrumpfte weiter. Sie verzeichnete zwar rund 31.800 Eintritte – elf Prozent mehr im Vergleich zum Vorjahr. Einen solchen Zuwachs gab es zuletzt 2011. Doch ging die Gesamtzahl der Mitglieder demografiebedingt um 1,3 Prozent auf rund 573.000 zurück.