Gewerkschaften: Verdi-Chef geht mit der Regierung hart ins Gericht
Berlin. Eine Reihe teils konfliktreich geführter Tarifrunden hat der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi im vergangenen Jahr einen kräftigen Mitgliederzuwachs beschert. Zum Jahresende gehörten knapp 1,9 Millionen Mitglieder der Gewerkschaft an – rund 40.100 oder 2,2 Prozent mehr als im Vorjahr.
„Eine vergleichbar positive Mitgliederentwicklung gab es zuletzt Mitte der Achtzigerjahre“, sagte Verdi-Chef Frank Werneke am Mittwochabend vor Journalisten in Berlin. Verdi ist allerdings erst im Jahr 2001 aus dem Zusammenschluss mehrerer Einzelgewerkschaften entstanden. Werneke kommt aus der früheren IG Medien.
Angesichts der hohen Inflation habe man die Beschäftigten motivieren können, für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, sagte der Verdi-Chef. Zum Mitgliederzuwachs beigetragen haben aber auch einige große und teils von heftigen Arbeitskämpfen begleitete Tarifrunden wie bei der Deutschen Post, bei Bund, Kommunen und Ländern oder im Handel.
Die höchsten Steigerungsraten von jeweils mehr als zehn Prozent bei der Mitgliederzahl gab es im Bereich Bildung, Erziehung, Soziales sowie im Groß- und Außenhandel. In der schon seit dem Frühjahr 2023 laufenden Tarifrunde im Handel gibt es immer noch kein Ergebnis.
Bei der Mitgliederwerbung sei es erfreulicherweise gelungen, viele junge Menschen für den Beitritt zu motivieren, erklärte Werneke. In der Altersgruppe der unter 28-Jährigen lag der Mitgliederzuwachs mit 15,8 Prozent weit über dem Durchschnitt. Auch im Osten legte die Gewerkschaft überdurchschnittlich zu.
Trend zu „Hop-on-hop-off“-Mitgliedschaft:
Der Landesbezirk Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen habe mit einem Mitgliederplus von 3,2 Prozent bundesweit Maßstäbe gesetzt, sagte der Verdi-Chef: „Das zeigt, dass allen Unkenrufen zum Trotz gewerkschaftliches Engagement und Solidarität im Osten quicklebendig sind.“ Das sei „die notwendige Antwort auf das Anwachsen antidemokratischer Kräfte“.
Seit ihrer Gründung im Jahr 2001 hat die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft allerdings rund 909.000 Mitglieder verloren. Und der Vorsitzende glaubt auch nicht, dass mit dem kräftigen Mitgliederzuwachs im vergangenen Jahr eine echte Trendwende eingeleitet wurde.
Das liege zum einen daran, dass bald die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge in Rente gehen – viele Mitglieder träten im Ruhestand aus der Gewerkschaft aus. Darüber hinaus gebe es den Trend zu einer „Hop-on-hop-off“-Mitgliedschaft: Beschäftigte treten ein, wenn sie sich Vorteile erhoffen, treten aber wieder aus, wenn das Erhoffte erreicht ist. Dank des Mitgliederzuwachses konnte Verdi auch die Einnahmen gegenüber dem Vorjahr um 21,6 Millionen auf 512 Millionen Euro steigern.
Arbeitszeit soll in den Fokus rücken
Nachdem man sich in den zurückliegenden Tarifrunden angesichts der stark gestiegenen Verbraucherpreise vor allem darauf konzentriert habe, die Kaufkraft der Beschäftigten zu sichern, werde Verdi in den anstehenden Verhandlungen auch wieder andere Akzente setzen, sagte die stellvertretende Vorsitzende Christine Behle.
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So will die Gewerkschaft das Thema Arbeitszeit in den Fokus rücken und dazu von Januar bis März Beschäftigte des öffentlichen Dienstes befragen. Die Ergebnisse der Befragung sollen dann in die Forderungsdiskussion für die nächsten Tarifrunden bei Bund, Kommunen und Ländern im Jahr 2025 einfließen.
„Es mangelt in vielen Branchen an ausreichend Personal, und der Druck auf die Beschäftigten wird immer größer“, sagte Behle. Das führe zu hohen Krankenständen. Egal ob im öffentlichen Dienst oder im Luftverkehr – Entlastung sei dringend geboten.
Deshalb werde man das Thema Arbeitszeit angehen, betonte die Vizevorsitzende. Schon bei der Lufthansa, wo die Tarifverhandlungen am 18. Januar beginnen, wird es neben der Forderung nach 12,5 Prozent mehr Lohn auch um die Arbeitsbedingungen gehen.
Der Verdi-Chef ging mit der Politik der Ampelkoalition hart ins Gericht. Die Stimmung in der Bevölkerung und unter den Mitgliedern sei aufgeladen wegen teils „völlig irrer“ finanzpolitischer Entscheidungen, sagte Werneke. So versuche die Bundesregierung, um jeden Preis die Mittel für die industrielle Transformation in den regulären Haushalt zu pressen. Dabei denke sie sich völlig sachfremde Gegenfinanzierungen aus.
Als Beispiele nannte Werneke die geplante Kürzung der Regionalisierungsmittel für den Schienenpersonenverkehr oder den Griff in die Kasse der Bundesagentur für Arbeit (BA), die ursprünglich als Zuschuss gewährte Mittel in Höhe von mehr als fünf Milliarden Euro nun auf einmal zurückzahlen soll. Verdi sei im Verwaltungsrat der BA vertreten und behalte sich deshalb eine Klage gegen diese Entscheidung vor, betonte Werneke.
Werneke warnte die Koalition auch davor, das angekündigte Klimageld als Ausgleich für den gestiegenen CO2-Preis auf die lange Bank zu schieben. Sonst werde der Unmut der Bürger noch größer. Um mehr Zukunftsinvestitionen zu ermöglichen, setzte sich der Verdi-Chef für eine grundlegende Reform der Schuldenbremse und die Schaffung eines Transformations- und Klimafonds nach dem Vorbild des Bundeswehr-Sondervermögens ein.