Märkte-Insight : Kein Hurra-Optimismus – die freudlose Rally an den Börsen
Eigentlich gibt es für die Investoren an den großen westlichen Aktienbörsen keinen Grund zum Jammern. In den USA sind der Leitindex Dow Jones und der breiter angelegte S&P 500 seit Jahresbeginn auf Rekordkurs, und der heimische Dax hat auch gerade erst eine Bestmarke aufgestellt.
Aber obwohl das neue Börsenjahr nach einem kurzen Zwischentief schnell wieder an Schwung gewonnen hat, herrscht bei den Profianlegern kein Hurra-Optimismus, und das ist sehr gut so.
Die Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment zeigt, dass das Stimmungsbild der Investoren derzeit neutral ist. Für die sehr gemischte Laune gibt es gute Gründe. Einer der wichtigsten: In den USA treibt die Rally eine sehr überschaubare Zahl an Aktien an, allen voran die „glorreichen Sieben“, also große Technologiewerte wie Microsoft, Alphabet oder Nvidia. Deren Kursgewinne sind maßgeblich für die Index-Höchststände.
Rallys, die auf einer derart schmalen Basis beruhen, sind häufig fragil, zeigt die Börsenhistorie. Die quantitativen Analysten von JP Morgan fühlen sich bereits an das Platzen der Dotcom-Blase Anfang des Jahrtausends erinnert, als die Euphorie über die erste Generation von Internetaktien abrupt in Enttäuschung umschlug.
Die Folge war eine tiefe und lange Vertrauenskrise an den Börsen, die in Deutschland sogar das Aus für ein ganzes Börsensegment bedeutete, den „Neuen Markt“. Für einige kurze Jahre sah es so aus, als könnte sich dieser Markt für Wachstumsaktien zu einer lokalen Alternative zur US-Tech-Börse Nasdaq entwickeln.
An den europäischen Börsen spielt die Euphorie rund um das Modethema Künstliche Intelligenz längst keine so große Rolle wie in den USA. Allein schon, weil es hier keine „glorreichen Sieben“ gibt.
Hinter den robusten Börsen in Europa steht vor allem die Hoffnung auf schnelle und deutliche Zinssenkungen durch die Europäische Zentralbank (EZB), auch wenn sich die Notenbanker rund um Christine Lagarde alle Mühe geben, den Zinsoptimismus zu dämpfen.
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Das Zinsargument ist zumindest zweischneidig, denn der einzige Grund, der die EZB wirklich schon im Frühjahr zum Handeln zwingen könnte, wäre eine deutlich höhere Rezessionsgefahr als bislang befürchtet. Dann würden die Leitzinsen zwar schneller sinken, aber eben verbunden mit einer ziemlich negativen Überraschung für die Investoren.
Zinssenkungsfantasie in den USA bremsen
In den USA haben die Notenbanker ebenfalls alle Hände voll zu tun, die Zinssenkungsfantasie auf ein vernünftiges Maß zu dämpfen. Wie bei den Technologiewerten lohnt sich auch bei der Geldpolitik ein Blick in die Vergangenheit, um die Euphorie zu bremsen. In den 1970er-Jahren befand sich die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) in einer ganz ähnlichen Ausgangssituation wie heute. Als Folge des Ölpreisschocks war die Inflation auf historische Höchststände geklettert.
Die Fed erhöhte die Zinsen zunächst deutlich, doch dann folgte ein Zickzackkurs. Als die höheren Leitsätze auf den Arbeitsmarkt durchschlugen, reagierten die Notenbanker mit Zinssenkungen. Deutlich zu früh, wie man heute weiß, denn die USA rutschten in eine Stagflation – also eine lähmende Mischung aus hoher Inflation und wirtschaftlicher Stagnation.
Die Wende kam erst mit Paul Volcker, der 1979 die Fed-Führung übernahm. Volcker musste die Zinsen auf mehr als 20 Prozent anheben, um die Inflation in den Griff zu bekommen – die Folge waren zwei tiefe Rezessionen. Die Vergangenheit muss sich nicht wiederholen. Aber sie ist ein mahnendes Beispiel. Spätestens, wenn Strategen Theorien aufstellen, warum heute alles anders ist als damals, und die Rally deshalb ungebremst weiterlaufen kann, gilt an den Märkten die höchste Alarmstufe.