Musterdepot: Wie sich ein Diversitäts-Vorbild neu erfinden muss
Frankfurt. Die Kursbewegungen an den internationalen Finanzmärkten waren in den vergangenen Wochen primär von den Ergebnissen der großen Unternehmen geprägt. Für das vierte Quartal 2023 hat die Mehrheit der bedeutenden US-Konzerne die Zahlen bereits vorgelegt.
Die eher geringen Erwartungen der Marktteilnehmer wurden dabei mehrheitlich übertroffen. So auch beim amerikanischen Beauty-Konzern Estée Lauder. Die Aktie legte nach Bekanntgabe eines Restrukturierungsplans und eines tendenziell positiven Ausblicks deutlich zu.
Das kam überraschend, denn Estée Lauder entwickelte sich zuletzt sehr schwach, litt unter der geringen Reisetätigkeit in China sowie den daraus resultierenden hohen Lagerbeständen. Bekannte Investoren, darunter auch der Brite Terry Smith, trennten sich kürzlich von der Aktie.
Im Gegensatz zum französischen Konkurrenten L’Oréal, der in den letzten Jahren stark auf den Onlinehandel in China setzte, belastete dieser wichtige Markt Estée Lauder: Die Nettoverkäufe in Asien gingen in den vergangenen zwei Jahren von 1,8 Milliarden US-Dollar auf 1,6 Milliarden Dollar zurück. Die jüngst veröffentlichten Zahlen veranlassen mich jedoch, das Kosmetikunternehmen in das Musterportfolio Nachhaltigkeit aufzunehmen.
Welche Gründe sprechen dafür? Zum Haus Estée Lauder gehören neben der gleichnamigen Marke auch Produkte von Clinique, MÄC, Jo Malone, Bobby Brown und viele weitere. Ein starkes Portfolio. Auf den Bereich Hautpflege entfällt rund die Hälfte der Umsätze, die andere verteilt sich auf Make-up und Haarpflege.
Estée Lauder ist weltweit aktiv, entsprechend verteilen sich die Umsätze zu etwa einem Drittel auf die Regionen USA, Europa und Asien. Nach Aussage des Managements kommt die Reduktion der Lagerbestände in Asien gut voran und sollte im dritten Quartal die gewünschten Niveaus erreichen.
Das beliebteste Produkt von Estée Lauder ist ein Nacht-Serum, das sich weltweit jede Minute etwa 22-mal verkauft und rund 100 Euro je Flacon kostet. Deshalb erwarten wir, dass der Bereich Beauty in den nächsten Jahren rund acht Prozent wachsen wird. Wir sind damit etwas vorsichtiger als das Management, das in der jüngsten Stellungnahme von zweistelligen Zuwächsen in der zweiten Jahreshälfte ausgeht.
In der Kosmetikbranche sind die Margen hoch, so auch bei Estée Lauder. Deshalb wird mir oft die Frage gestellt, welche Aspekte bei diesen Unternehmen eigentlich nachhaltig sind.
Engagement in sozialen Bereichen
Zusammen mit L’Oréal sind damit nun zwei Werte aus dem Bereich Beauty im Musterportfolio. Für sich genommen sind Cremes, Lippenstifte oder Haarshampoos weder besonders nützlich noch besonders schädlich für Mensch und Natur (im Gegensatz zu Medikamenten gegen Krebs oder Tabakwaren). Es ist aber wichtig, wie die Produkte hergestellt werden, wie viele Rohstoffe und Verpackungen verwendet werden oder wie gut der Umgang mit Mitarbeitern und Zulieferern ist.
Der französische Konzern L’Oréal achtet vor allem darauf, umweltfreundlich zu produzieren. Das Unternehmen versucht, schonend mit der knappen Ressource Wasser umzugehen sowie auf umweltfreundliche und wiederverwertbare Verpackungen zu setzen. Bei Estée Lauder fällt hingegen auf, dass sich das Management insbesondere den Themen Gender und Inklusion widmet.
Die beiden sozialen Aspekte sind in den USA von hoher Bedeutung. Aber auch die Vereinten Nationen fordern in ihren Nachhaltigkeitszielen die Verringerung von Ungleichheiten sowie die Gleichstellung der Geschlechter. Estée Lauder setzt hier Maßstäbe.
Die Aktivitäten von Estée Lauder, um sowohl Frauen zu fördern als auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedener Kulturen zu integrieren, sind umfassend. Weibliche Angestellte machen seit Jahren mehr als 80 Prozent der Belegschaft aus. Der Anteil von Frauen in führenden Positionen wurde in den vergangenen Jahren auf nahezu 60 Prozent angehoben. Die Engagements in diesem Bereich brachten dem Unternehmen Auszeichnungen ein, etwa jene als „Best Place to Work for LGBTQ+ Equality“. „People of Colour“ und Weiße sind im Konzern ausgewogen repräsentiert.
Nummer zwei hinter L’Oréal
Das Unternehmen wurde 1946 in New York von Josephine Esther Mentzer und ihrem Ehemann Joseph Lauder gegründet. Heute beschäftigt der Konzern mehr als 60.000 Mitarbeiter und liegt mit einer Marktkapitalisierung von rund 50 Milliarden Dollar deutlich hinter der Nummer eins, L’Oréal, mit umgerechnet 257 Milliarden Dollar, allerdings vor Beiersdorf mit der Marke Nivea (umgerechnet 37 Milliarden Dollar).
Das Bekenntnis von Estée Lauder zur sozialen Verantwortung drückt sich auch in der 1992 ins Leben gerufenen Stiftung zur Forschung gegen Brustkrebs aus. Für Fabrizio Freda, den Vorstandschef des Konzerns, gilt es nun, den von den Aktionären begrüßten Restrukturierungsplan umzusetzen. Der Balanceakt aus sozialer Verantwortung und den Ansprüchen der Investoren wird nicht einfach sein.