Rückversicherung: Wie Swiss Re zum Konkurrenten Munich Re aufschließen will
Zürich. Nach einer Reihe von schwachen Jahren fährt der Rückversicherungsriese Swiss Re wieder einen Milliardengewinn ein: 2023 erwirtschaftete der Konzern einen Nettogewinn von 3,2 Milliarden Dollar, wie das Unternehmen am Freitag mitteilte. Das ist etwas mehr als das selbst ausgegebene Ziel von drei Milliarden Dollar. 2022 hatte sich Swiss Re noch mit einem Gewinn von 472 Millionen Dollar begnügen müssen. Angesichts des Gewinnsprungs erhöht Swiss Re die Dividende um sechs Prozent auf 6,80 Dollar.
Zudem stellt CEO Christian Mumenthaler für das laufende Jahr eine deutliche Steigerung des Ertrags in Aussicht. 2024 soll sich der Nettogewinn auf 3,6 Milliarden Dollar belaufen. „Swiss Re blickt auf ein erfolgreiches Geschäftsjahr 2023 zurück“, sagte Mumenthaler. „Obwohl das Jahr von geopolitischen Turbulenzen und anhaltender wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt war, haben wir alle unsere Finanzziele erreicht.“
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Der Konzern profitiert von deutlich höheren Prämien bei neu abgeschlossenen Versicherungsverträgen. Diese stiegen im Durchschnitt um neun Prozent. Bei Versicherungen von Gebäuden betrug das Prämien-Plus sogar 16 Prozent, für Versicherungen gegen Naturkatastrophen konnte Swiss Re die Prämien um zwölf Prozent steigern. Zudem beweist der Rückversicherungsriese Disziplin bei den Kosten: Während die Erlöse gegenüber dem Vorjahr um knapp vier Milliarden Franken – rund 4,2 Milliarden Euro – stiegen, blieben die Ausgaben nahezu unverändert.
Für CEO Mumenthaler ist der Milliardengewinn ein Befreiungsschlag – und markiert den Beginn einer Aufholjagd. Fünf Jahre lang hatte die Swiss Re unter seiner Führung bei den Gewinnen enttäuscht und damit den Anschluss an den Konkurrenten Munich Re verloren. Die Swiss Re wird aktuell mit knapp 33 Milliarden Franken – rund 34,5 Milliarden Euro – an der Börse bewertet.
Deutsche Konkurrenz ist enteilt
Die Munich Re ist mit einer Marktkapitalisierung von rund 56 Milliarden Euro enteilt. Der Branchenprimus peilt dieses Jahr dank Rückenwind durch anhaltend hohe Preise und steigende Zinsen einen Gewinnanstieg auf fünf Milliarden Euro an. Die kleinere Hannover Rück ist mit knapp 28 Milliarden Euro Börsenwert nah an die Swiss Re herangerückt. Dabei haben die Hannoveraner 2023 einen deutlich kleineren Gewinn von 1,7 Milliarden Euro ausgewiesen.
Hinzu kommt: Die Börsenbewertung der Swiss Re entspricht etwa dem 0,6-Fachen des Buchwerts, wie Vontobel-Analyst Simon Fössmeier vorrechnet. Damit werde der Schweizer Rückversicherungsriese mit einem Abschlag von etwa 30 Prozent gegenüber den beiden deutschen Konkurrenten bewertet – und das, bei einer vergleichbaren Eigenkapitalrendite von zuletzt mehr als 22 Prozent.
Fössmeier sieht den Konzern für eine Aufholjagd gut positioniert. „Swiss Re hat ihre Erlöse in den vergangenen Jahren um 50 Prozent gesteigert, bei einem konstanten Kostenniveau.“ Er bescheinigt dem Konzern, „absolut wettbewerbsfähig“ zu sein. Doch ein starkes Jahr reiche nicht aus, um den Rückstand bei der Bewertung auf die Konkurrenz aufzuholen: „Es braucht Zeit, das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen.“
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Verschreckt haben die Investoren in den vergangenen Jahren hohe Schwankungen beim Gewinn. Munich Re und Hannover Re haben – mit Ausnahme des Coronajahres 2020 – seit 2018 überwiegend leicht steigende Gewinne ausgewiesen. Möglich war dies unter anderem, indem die Rückversicherer beim Abschluss neuer Verträge hohe Rückstellungen für mögliche Verluste gebildet haben.
Zusätzlicher Puffer von 500 Millionen Euro
So heißt es vom Marktführer: „Die Munich Re ist stets bestrebt, die Höhe der Rückstellungen für neu auftretende Schäden am oberen Ende der Schätzspanne anzusetzen, damit später Gewinne aus der Auflösung eines Teils dieser Rückstellungen erzielt werden können.“ Diese Form der Gewinnglättung kommt bei den Munich-Re-Investoren gut an.
Die Swiss Re verfolgt diese Strategie nun ebenfalls. Möglich wird das unter anderem durch die Umstellung vom US-Rechnungslegungsstandard GAAP auf den europäischen Standard IFRS.
Im Gespräch mit dem Handelsblatt erläutert CEO Mumenthaler: „Wir haben einen Pfad eingeschlagen, vorsichtiger zu werden. Es gibt gute Gründe, höhere Reserven zu haben.“ Daran halte er auch im laufenden Jahr fest: „Konkret: Wenn wir 2024 neues Geschäft buchen, werden wir einen zusätzlichen Puffer bei den Reserven von 500 Millionen Dollar aufbauen.“ Es sei offen, ob der Konzern die Rückstellungen benötige oder in den Folgejahren zur Stützung des Gewinns nutzen kann.
Er bestätigt: „Die Reserven können zu einer geringeren Schwankung bei den Gewinnen beitragen.“ Ziel der Maßnahmen sei es, die Kapitalkosten des Unternehmens senken. „Ein größerer Puffer bei den Reserven verschafft uns mehr Manövriermasse, um das Geschäft – in einem vernünftigen Rahmen – dort zu verstärken, wo es nötig ist. Das kommt auch unseren Aktionären entgegen.“
Zudem muss Swiss Re hoffen, dass hohe Schadenzahlungen für Naturkatastrophen ausbleiben – so wie in diesem Jahr. Die Schaden- und Unfall-Rückversicherung trug 1,86 Milliarden Dollar zum Gewinn bei. Anders als im Vorjahr arbeitete die größte Sparte wieder profitabel: Der sogenannte Schaden-Kosten-Satz lag bei 94,8 Prozent. Je tiefer die Kennzahl ist, desto gewinnbringender ist das Geschäft.
Der Gewinnbeitrag der Lebens-Rückversicherung belief sich auf 976 Millionen Dollar. Im Geschäft mit maßgeschneiderten Versicherungslösungen für Großkunden verdiente Swiss Re 678 Millionen Dollar. Mit Material von Reuters.