Bildungspolitik: „Manche Bundesländer wollen gar nicht besser werden“
Berlin. Vor wenigen Tagen hat Hamburgs bisheriger Schulsenator Ties Rabe seinen Ministerposten abgegeben, nun rechnet der SPD-Politiker ab. Vor allem die Verbände von Lehrern und Eltern leisteten „enormen Widerstand“ gegen essenzielle Reformen, um das deutsche Schulsystem zu verbessern, sagte er am Montag bei einer OECD-Veranstaltung.
Es sei extrem mühsam, „ein riesiges System zu überzeugen, das mit seiner Kraft jeden Kultusminister abblocken kann“, sagte Rabe, der sein Amt nach 13 Jahren aus gesundheitlichen Gründen abgegeben hat.
Aus den Verbänden seien in seiner Amtszeit „fast nie Anstöße gekommen, die damit zu tun hatten, dass Kinder besser lesen, schreiben und rechnen lernen“.
Rabe kann sich die Klage leisten, denn er hat eine erstaunliche Bilanz vorzuweisen: So sind Hamburgs Viertklässler bei den Lesefähigkeiten seit 2011 im bundesweiten Vergleich vom drittletzten auf den dritten Platz vorgerückt, in Mathe verbesserten sie sich immerhin um sechs Plätze. Einen solchen Aufstieg hat kein anderes Bundesland geschafft.
Maßgeblich für den Hamburger Bildungserfolg sind die Ganztags-Grundschulen, die es in der Hansestadt fast überall gibt – bundesweit kommt der Rechtsanspruch darauf erst 2026. Die Stadt prüft zudem in insgesamt sechs Klassenstufen den Stand der Schülerinnen und Schüler, das ist deutlich mehr als in anderen Ländern und gibt den Schulen Feedback dazu. Zudem wird mehr Gewicht auf die Grundkompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen gelegt als früher.
Ganztag nützt nichts, wenn Kinder nichts lernen
Doch der Weg dahin sei enorm schwer gewesen, berichtet Rabe, der nun wegen eines Burn-outs die Bildungspolitik verlässt. So seien viele Pädagogen der Meinung, man solle die Kinder im Ganztag am Nachmittag „lieber in Ruhe spielen lassen“, statt ihnen mehr beizubringen. Dann aber nutze auch der Ganztag nichts.
Heute sei es so, dass zumindest Kinder mit Defiziten nachmittags Förderkurse besuchen. Das sei auch leicht zu organisieren und stigmatisiere sie nicht, „da ohnehin alle anderen auch da sind“ und bei den Hausaufgaben betreut würden.
Sehr mühsam sei auch gewesen, Lehrkräfte zu überzeugen, „mehr Zeit ihres wertvollen Deutschunterrichtes zu opfern, um die schlechte Rechtschreibung der Kinder zu verbessern“. Denn das sei vielen nebensächlich erschienen: „Ich habe wütende Briefe der Verbände mit dem Slogan ,Diktat kommt von Diktatur’ bekommen“, erzählt der Ex-Senator.
Nach einem halben Jahr ergebnisloser Debatte habe er dann entschieden und den Lehrplan angepasst – fünf Jahre später habe Hamburg sich in Rechtschreibung vom 13. auf den fünften Platz verbessert.
Es gebe aber bis heute Widerstand, nach wie vor nähmen viele Beteiligte das Thema Basiskompetenzen „nicht so ernst“. Das liege auch daran, dass „Lehrkräfte selbst aus bildungsnahen Familien kommen“, meint Rabe. Er habe drei Jahre dafür gebraucht, dass nun alle Grundschüler täglich 20 Minuten lesen üben – „wie uns das die Wissenschaft empfiehlt“.
Elternverbände aus „vornehmen Gegenden“ dominieren
Lehrer- und Elternverbände hätten sich statt für elementare Kenntnisse eher für Unisex-Schultoiletten, Geschlechteransprache oder Schulobstprogramme begeistern können. „Sie ahnen nicht, mit welchen nicht so wichtigen Dingen Schulpolitik überflutet wird“, so Rabe.
Selbst Elternverbände brächten wenig Begeisterung für längere Lernzeiten auf – weil in den Verbänden diejenigen dominierten, deren Kinder kaum Probleme hätten. Natürlich gebe es in Hamburg „vornehme Ecken, wo Kinder schon Ende der ersten Klasse Harry Potter lesen – während sie in anderen Vierteln am Ende der vierten Klasse noch kein Pixi-Buch lesen können“, erzählt er.
Unverständnis äußerte der Ex-Minister, der lange Jahre die Riege der SPD-Kultusminister anführte, auch über den bundesweiten Trend zurück zum neunjährigen Gymnasium. Auch das sei vom Widerstand gegen mehr Lernzeit angetrieben – „weil 34 mal 45 Minuten Unterricht in der Woche angeblich so furchtbar viel sind“.
Rabe: „Einige Bundesländer wollen gar nicht besser werden“
Mittlerweile ließen sich viele andere Bundesländer aus Hamburg beraten. Mitunter kämen seine Fachleute aber frustriert zurück und berichteten: „Das wird da nichts, die wollen gar nicht besser werden. Die sagen, die Kinder sind eben so.“
Namen wollte er nicht nennen. Aus Kreisen der Wissenschaft verlautet jedoch, dass die Lage in Bremen, Berlin und Niedersachsen besonders aussichtslos sei. Das liege nicht immer an der Politik, teilweise sei das System so chaotisch und widerspenstig, dass es auch ambitionierte Politiker ausbremse.
Harte Kritik hat erneut auch OECD-Bildungsdirektor und Pisa-Koordinator Andreas Schleicher geübt. Dass Deutschland im jüngsten Pisa-Test so schlecht wie nie abgeschnitten habe, liege auch an der Art des Unterrichts, sagte er der Zeitung „Die Welt“.
Schüler in Deutschland seien oft gut bei der Reproduktion von erlerntem Wissen, hätten es aber schwer, Wissen kreativ auf neue Themenfelder anzuwenden. Daher sei ein anderes Unterrichtsdesign nötig, das Arbeiten nach alten Lehrplänen funktioniere nicht mehr. Zudem seien Lehrkräfte in Deutschland zwar sehr gut bezahlt – sie liegen OECD-weit an der Spitze –, unterrichteten aber weniger als der Durchschnitt in den Industrieländern.