Großbritannien: Warum britische Offshore-Lizenzen so unbeliebt sind
London. Die jährliche Auktion von Lizenzen für Offshore-Windräder in der britischen Nordsee droht erneut mit einem Debakel zu enden. Die britische Regierung verfolge bei der im Sommer anstehenden Lizenzvergabe unrealistische Annahmen, warnt der deutsche Energiekonzern RWE.
„Wir brauchen entschlossene Maßnahmen der Regierung, um sicherzustellen, dass Großbritannien einer der attraktivsten Orte für Investitionen in saubere Energie bleibt“, fordert Tom Glover, RWE-Chef in Großbritannien.
Beim derzeitigen Ansatz würden die Kosten, die von den Verbrauchern für jedes Megawatt an erneuerbaren Energien gezahlt werden müssten, deutlich überschätzt. Die Prognosen für die künftigen Marktpreise, die bei der Auktion verwendet würden, seien im Vergleich zu den vorherrschenden Markteinschätzungen sehr niedrig. Das, so der RWE-Manager weiter, könne dazu führen, dass „nicht so viel erneuerbare Energien eingesetzt werden, wie wirtschaftlich möglich ist“.
Im vergangenen September scheiterte die jährliche Windkraft-Auktion im Königreich, nachdem nicht ein einziger Windkraftbetreiber ein Angebot für neue Offshore-Windparks in der Nordsee abgegeben hatte. Damals beklagte die Industrie, dass die Regierung in London die steigenden Kosten für die Windkraftbetreiber bei der Festlegung der staatlichen Obergrenze für die Großhandelspreise für die Anbieter von Windenergie nicht ausreichend berücksichtigt habe.
Die britische Regierung hat sich gesetzlich dazu verpflichtet, das Königreich bis 2050 klimaneutral zu machen. Dabei plant sie einen stetig wachsenden Beitrag der Offshore-Windenergie fest ein, der von aktuell etwa 14 Gigawatt auf 50 Gigawatt bis 2030 steigen soll. „Offshore-Windenergie ist ein zentraler Bestandteil unserer Bestrebungen, die Stromversorgung zu dekarbonisieren“, sagt Graham Stuart, Staatssekretär im britischen Energieministerium.
Stolperstein auf dem Weg zur Klimaneutralität
RWE sieht das Königreich ebenfalls an einem entscheidenden Meilenstein auf dem Weg zur Klimaneutralität: „Für Großbritannien wird 2024 ein entscheidendes Jahr sein, um im Rennen um das Net-Zero-Ziel die Nase vorn zu haben“, betonte ein Konzernsprecher. RWE und die gesamte Energiebranche seien dabei, Tausende von Megawatt an Offshore-Windkraftanlagen zu errichten, die den Grundstein für eine kohlenstoffarme Stromerzeugung in Großbritannien legen sollten.
Ende 2023 übernahm RWE drei Windpark-Projekte mit jeweils 1,4 Gigawatt vor der Ostküste Englands von Vattenfall und zahlte dafür 1,1 Milliarden Euro. Insgesamt entwickelt der Essener Konzern in der Region neun Windparks mit einer Kapazität von 9,8 Gigawatt. Darüber hinaus befinden sich Anlagen mit 5,3 GW im Betrieb oder im Bau. Für den Konzern ist es deshalb wichtig, bei der Auktion im Sommer zum Zuge zu kommen – zumindest, wenn die Garantiepreise mindestens die Kosten decken.
Warum 2023 ein verlorenes Jahr für den Klimaschutz war – und was sich 2024 tun muss
Das britische Energie- und Klimaschutzministerium hat zwar die Preisobergrenze für Strom aus staatlich subventionierten Windkraftanlagen nach der misslungenen Auktion im Jahr 2023 erhöht, nach Meinung der Industrie sind die Großhandelspreise jedoch immer noch zu niedrig angesetzt. Ein Sprecher des Energie- und Klimaschutzministeriums hält dagegen, die Regierung habe den Höchstpreis in der bevorstehenden Auktion um 66 Prozent angehoben.
Das britische Förderprogramm basiert auf sogenannten „Contracts for Difference“. Die Differenzverträge sehen vor, dass die Verbraucher mit ihren Energierechnungen die Lücke füllen, sollte der Marktpreis für Strom aus erneuerbaren Energien unter den zuvor staatlich garantierten Preis für die Erzeuger sinken. So bekommen Stromerzeuger und Verbraucher finanzielle Sicherheit. Setzt die Regierung allerdings wie im vergangenen Jahr den Garantiepreis zu niedrig an, verschreckt sie damit Investoren. Die genauen Eckdaten der Auktion sollen im März veröffentlich werden.
Vattenfall zieht sich zurück
Durch die Förderung der Windkraft werde die Abhängigkeit von Gas bei der Stromerzeugung weiter verringert, der Wettbewerb gefördert und sichergestellt, „dass die Steuerzahler einen fairen Preis für ihren Strom zahlen“, betonte der Regierungssprecher. Das Förderprogramm habe zu einem beträchtlichen Wachstum des britischen Sektors für erneuerbare Energien geführt, zu dem inzwischen die fünf größten Offshore-Windparks der Welt gehörten und „der 40 Prozent unseres Stroms liefert, während es 2010 noch sieben Prozent waren“.
Nicht alle Betreiber sehen das so. Im Juli 2023 stoppte der schwedische Energiekonzern Vattenfall einen britischen Windpark mit einer Leistung von 1,4 Gigawatt. Die Entwicklung sei nicht mehr rentabel, nachdem die Kosten für die Technologie um 40 Prozent gestiegen seien. Der Windpark ist einer der größten in der Nordsee und hätte 1,5 Millionen britische Haushalte mit Strom versorgen sollen.