Globale Trends: Britische Fintechs wollen mit der Abzocke im internationalen Zahlungsverkehr aufräumen
London. Seit zwei Jahren brüstet sich der britische Finanzminister Jeremy Hunt mit dem Wachstumspotenzial des heimischen Technologiesektors: „Wir sind auf dem Weg, das nächste Silicon Valley zu werden.“ Nach Angaben der Regierung in London ist Großbritannien in Europa der führende Platz für technologische Pioniere: Gemessen am Marktwert ist der Tech-Sektor auf der Insel etwa doppelt so groß wie der deutsche und dreimal größer als in Frankreich.
Die Hitlisten täuschen allerdings über einen strukturellen Mangel hinweg, der viele Zukunftsmacher auf der Insel genauso belastet wie die Tech-Schmieden auf dem europäischen Festland: Der Schritt vom Start-up zum Scale-up, also der Sprung vom erfolgreichen Eintritt auf dem Heimatmarkt zu internationaler Größe, gelingt viel zu selten. Eine Wende könnten jetzt sogenannte „Payment“-Anbieter einleiten, die sich auf internationale Zahlungsabwicklung für Privatkunden und kleinere und mittelständische Unternehmen spezialisiert haben und dort heimliche Gewinne der Geschäftsbanken abschöpfen.
Für die zuletzt belastete Branche wäre das nach einem schwierigen Jahr eine Hoffnung. Nach Berechnungen der Marktanalysten von KPMG sind die Investitionen privater Investoren in Fintechs aus der Region Europa, Mittlerer Osten und Afrika (EMEA) im vergangenen Jahr um 50 Prozent auf 24,5 Milliarden Dollar eingebrochen. Etwa die Hälfte davon wurde in britische Finanzpioniere investiert. Bei sogenannten „Fintechs“ handelt es sich um Finanzdienstleister, die mit digitalen Technologien bisherige Geschäftsmodelle vereinfachen oder ganz neue Bankdienstleistungen kreieren.
Grund für die Skepsis an den Kapitalmärkten ist nicht nur, dass den Fintechs oft eine überzeugende Expansionsstrategie fehlt oder sie dem harten Wettbewerb der US-Konkurrenz nicht gewachsen sind. Finanzaufseher ziehen aus Sorge um die finanzielle Stabilität der Unternehmen oft die Wachstumsbremse.
Bei der deutschen Neobank N26 ist es der von der Bafin verhängte Kundendeckel, beim britischen Konkurrenten Revolut ist es die immer noch fehlende Banklizenz in Großbritannien.
Expansion in die USA scheitert oft
Die 2015 gegründete Neobank Monzo, die in Großbritannien bereits mehr als neun Millionen Kunden hat, unternimmt jetzt ihren zweiten Anlauf, um ihr Geschäft in den USA auszubauen. Dafür haben die Briten mit Conor Walsh nicht nur einen Amerikaner als US-CEO angeheuert, sondern sich auch von privaten Investoren 430 Millionen Dollar besorgt.
Eine US-Banklizenz hat Monzo allerdings ebenso wenig wie der größere Konkurrent Revolut. Der ebenfalls 2015 gegründete Fintech-Allrounder versorgt zwar weltweit rund 30 Millionen Kunden in mehr als 20 Auslandsmärkten mit Finanzdienstleistungen, in den USA dürfen die Briten aber nur Nichtamerikaner bedienen. N26 hat sich schon 2021 gleich ganz aus dem amerikanischen Markt zurückgezogen und konzentriert sich seitdem voll auf Europa.
Sowohl Revolut als auch N26 mussten im vergangenen Jahr deutliche Abstriche bei ihrer Marktbewertung hinnehmen – auch eine Quittung dafür, dass Investoren befürchten, die europäischen Fintechs stoßen bereits an die Grenzen ihres Wachstums, bevor sie zu internationaler Größe gereift sind.
Mehr trauen die Investoren offenbar sogenannten Payment-Unternehmen zu. Dabei handelt es sich um eine besondere Fintech-Spezies, die sich vor allem auf die Abwicklung von internationalen Transaktionen konzentriert. Der Marktwert der an der Londoner Börse notierten Wise Plc, einer Plattform für internationalen Zahlungsverkehr, hat sich innerhalb der vergangenen zwölf Monate auf 9,75 Milliarden Pfund fast verdoppelt. „Die Geschäftsbanken haben bei der Zahlungsabwicklung viel Marktanteile verloren“, sagt Alastair Ryan, Bankanalyst bei der Bank of America in London.
HSBC geht zum Gegenangríff über
Einer der bisherigen Marktführer in diesem Geschäft, die britische Großbank HSBC, geht jetzt zum Gegenangriff über und hat unter dem Namen „Zing“ eine Plattform gegründet, die derzeit mit Kampfpreisen versucht, Marktanteile zurückzugewinnen. Zu der Avantgarde gehört auch das von der spanischen Großbank Santander getragene Fintech Ebury, das bereits über einen Börsengang in London nachdenken soll.
Die Newcomer bringen nicht nur mehr Transparenz in das oft immer noch undurchsichtige Geschäft mit Wechselkursen und Devisen, in dem die traditionellen Banken lange Zeit mit versteckten Gebühren ihre Privat- und Firmenkunden ausgenommen haben. Ihr Geschäftsmodell zwingt sie von Beginn an, über den heimischen Tellerrand hinauszudenken und den Sprung auf die internationale Bühne zu wagen.