Prüfers Kolumne: Pflegekraft, nicht Bohrkraft – Über Geschlechterklischees am Arbeitsmarkt
Gibt es denn noch typische Männerberufe und typische Frauenberufe? Laut dem Kölner Institut der deutschen Wirtschaft sind es gerade die Jobs, die vor allem Frauen und Männern zugeordnet sind, bei denen es am schwierigsten wird, neue Fachkräfte zu rekrutieren.
Zum einen sind das die oft als typische Frauenberufe gesehenen Tätigkeiten aus der Sozialpädagogik, der Erziehung und der Sozialarbeit. Da fehlten jeweils etwa 20.000 Fachkräfte. Aber auch in etlichen typischerweise von Männern gewählten Berufen sieht es mau aus. Zum Beispiel werden 17.000 Bauelektriker dringend gesucht.
Wie kam es eigentlich dazu, dass man bestimmte Berufe eher für Männer oder für Frauen geeignet ansah? Es hat wohl damit zu tun, dass man diesen Tätigkeiten nachsagte, den jeweiligen vermeintlichen positiven Eigenschaften eines Geschlechts gerecht zu werden.
Demnach liegt es den Frauen also mehr, sich um Menschen zu kümmern, egal ob das sehr junge, sehr alte oder sehr schlecht erzogene Menschen sind. Männer hingegen kümmern sich sehr gern um Maschinen und Gerätschaften.
Dass Letzteres etwas mit besonderen männlichen Fertigkeiten zu tun hat, kann bezweifelt werden. In der Fertigung des Fernseher-Produzenten Loewe arbeiteten (zu Zeiten, als dort noch Röhrenfernseher in Kronberg produziert wurden) fast nur Frauen. Nur ein einziger Männerjob war in der Fertigungsstraße vergeben, nämlich am Ende, wenn mit einem Gummihammer-Schlag geprüft werden musste, ob der frisch gebaute Fernseher nicht auseinanderfällt.
Männerberufe: Viel Dreck, wenig Gehalt
Andere Männerberufe waren offenbar solche, bei denen es sehr staubig und grob zuging. Etwa auf der Baustelle. Nun lässt sich feststellen, dass ja gerade das die Männerberufe sind, auf die Männer immer weniger Lust haben. Wer möchte sich denn noch als Bauelektroniker dabei schmutzig machen, Löcher in Betonwände zu bohren und Kabelbäume hindurchzuziehen? Zumal für ein eher schmales Gehalt?
Bei den angeblichen Frauenberufen ist das noch deutlicher. Als Frauenarbeit wird offenbar etwas bezeichnet, das sehr anstrengend und fordernd ist, für das es aber dennoch sehr wenig Geld gibt. Offenbar traut man das Frauen viel eher zu. Man nennt die dann übrigens gern „Kraft“. Pflegekraft, Reinigungskraft. Ein Mann ist nie eine Bohrkraft.
Dann doch lieber vom Roboter pflegen lassen
Interessanterweise findet man es völlig okay, dass viele der früheren Männertätigkeiten, etwa in Gießereien oder Autofabriken, heute von Maschinen und Robotern erledigt werden, den Schrauber von früher gibt es heute ja kaum noch. Bei den Frauenberufen, etwa in der Pflege, wird es hingegen als Katastrophe gesehen, wenn sich Roboter künftig um alte Menschen kümmern.
Nun könnte man ja diese Arbeit, wenn sie so wichtig ist, sehr, sehr gut bezahlen. Dann würden sie vielleicht sogar Männer gern machen. Oder man baut eben sehr, sehr freundliche Roboter. Das würde ich persönlich im Alter einer unzufriedenen, weil unterbezahlten Pflegekraft vorziehen.