Deutschlands beste Steuerberater und Wirtschaftsprüfer 2024: Wie Steuerkanzleien KI-Technologien für sich nutzen
Köln. Es könnte ein richtungsweisender Schritt für die Branche sein. Ende 2023 stellten der Kölner Steuer-Fachverlag Otto Schmidt und der Softwareentwickler Taxy.io ein generatives KI-Sprachtool speziell für die Steuerberatung vor. Es soll in der Lage sein, schriftliche Abhandlungen und Zusammenfassungen zu steuerlichen Themen zu verfassen. Anders als frei zugängliche Tools wie ChatGPT, die bei komplexen, branchenspezifischen Fragen schnell an Grenzen stoßen, greift die Anwendung auf Fachwissen des Verlags zurück – und liefert direkt genaue Quellenangaben.
Fachlich falsche Antworten sollen dadurch möglichst ausgeschlossen und Steuerberater bei zeitaufwendigen Recherchen unterstützt werden. Die Beratung basiere „auf wissenschaftlich geprüfter Fachliteratur und modernster Technologie“, wirbt der Verlag. „Rechtssicherheit und Aktualität sind damit garantiert.“
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Lösungen wie diese treiben den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Steuerkanzleien voran. Laut einer Umfrage zur Studie „Beste Steuerberater 2024“ von SWI Finance setzen drei Viertel der Kanzleien KI-Tools bereits ein. Allerdings ist KI-Einsatz offenbar noch vor allem eine Frage der Größe. In Kanzleien mit über 100 Beschäftigten beispielsweise lassen sich etwa 95 Prozent von KI unterstützen. In Büros mit weniger als fünf Mitarbeitern sind es hingegen etwa 64 Prozent.
Mancher Mandant bremst noch
„Die Kanzleien sind in Sachen Digitalisierung überwiegend gut bis sehr gut aufgestellt“, sagt Christoph Schmidt, Leiter des von ihm 2023 gegründeten Instituts für digitale Transformation im Steuerrecht an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg. Die größeren Kanzleien hätten schlichtweg mehr Kapazitäten, sich neben dem Alltagsgeschäft mit digitalen Methoden zu beschäftigen und entsprechend Know-how aufzubauen. Auch die zu betreuende Branche spiele eine Rolle, sagt der Ludwigsburger Professor. „Einige Mandanten bestehen noch immer darauf, Ausdrucke auf Papier zu erhalten.“
Gerade im Vergleich zu den Finanzbehörden sei die Steuerberatung aber deutlich fortschrittlicher, was digitale Hilfsmittel angehe, sagt Schmidt. „In den Kanzleien können Neuerungen unkompliziert und ohne nennenswerte bürokratische Hemmnisse ausprobiert und in den Regelbetrieb überführt werden.“
Das Wälzen von Ordnern ist in den meisten Büros bereits Geschichte. Laut der SWI-Umfrage arbeiten etwa 80 Prozent der Kanzleien weitgehend papierlos – 2023 waren es noch 74 Prozent. Und fast 84 Prozent haben bereits eine digitale Schnittstelle mit ihren Mandanten etabliert.
Der Fachkräftemangel in der Branche verschärft den Druck, sich digital aufzustellen. Wie schon in den Vorjahren sahen die Kanzleien die Rekrutierung neuer Arbeitskräfte als größte Herausforderung an – 89 Prozent nannten diesen Punkt. „Es geht darum, sich für junge Talente interessant zu machen, die mit den neuesten Technologien arbeiten möchten“, sagt Schmidt.
Gleichzeitig könnten digitale Tools dazu beitragen, Prozesse zu optimieren, etwa dann, wenn ein Team einen Fall gemeinsam in einer digitalen Akte bearbeite. „Und wer weniger Zeit mit dem Ausdrucken und Sortieren von Belegen verbringt, kann sich stärker der eigentlichen Beratung widmen“, sagt Schmidt. KI biete große Potenziale für mehr Effizienz und weniger Arbeitsbelastung. In Zukunft könne diese etwa Steuererklärungen oder Einspruchsschreiben auf bestimmte Signalwörter durchsuchen und automatisch dem richtigen Bearbeiter zuordnen – und in einem nächsten Schritt sogar Entscheidungsvorschläge generieren, wie mit einem Fall umzugehen sei.
Das menschliche Urteilsvermögen bleibt dabei für Schmidt entscheidend. Schließlich gebe es im Steuerrecht selten eine absolute Wahrheit – oft müsse man zwischen verschiedenen Lösungsmöglichkeiten abwägen. Ähnliches ließ die Bundessteuerberaterkammer in einer Videoreihe verlauten. Es gehe nicht darum, dass die KI Menschen überflüssig mache, sagte Hartmut Schwab, Präsident der Steuerberaterkammer München. Die Kreativität menschlichen Denkens sowie der Faktencheck seien unersetzbar. Dennoch sei die Veränderung nützlich. „Es wird eine Verschiebung weg vom Fleißanteil der täglichen Arbeit hin zum Wissensanteil erfolgen.“ Kanzleien könne Technologieeinsatz dabei helfen, ihr eigentliches Potenzial besser auszuschöpfen.