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Morning BriefingTrump und Putin – auf Kuschelkurs mit dem Kriegsverbrecher

Christian Rickens 20.05.2025 - 05:56 Uhr
Handelsblatt Morning Briefing

Telefonat Trump-Putin: Warum Europa misstrauisch bleiben muss

20.05.2025
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Liebe Leserinnen und Leser,

US-Präsident Donald Trump hat nach einem Telefonat mit Wladimir Putin Verhandlungen über eine Waffenruhe in Aussicht gestellt. „Die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine werden unverzüglich aufgenommen“, schrieb Trump auf „Truth Social“ und betonte, er habe den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und europäische Partner entsprechend informiert.

Laut Trump habe der Papst den Vatikan als Verhandlungsort angeboten. Weitere Details nannte der US-Präsident jedoch nicht, etwa dazu, wer genau dort am Tisch sitzen soll.

Am Freitag hatten sich erstmals seit drei Jahren ukrainische und russische Unterhändler in Istanbul zusammengesetzt, um über ein Ende des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine zu verhandeln. Beide Seiten vereinbarten dabei einen Gefangenenaustausch, doch der große Durchbruch gelang nicht – was nach nur einem Verhandlungstag auch ziemlich überraschend gewesen wäre.

Das Telefonat zwischen Trump und Putin dauerte nach Angaben des US-Präsidenten zwei Stunden. Trump betonte, dass die Unterhaltung „sehr gut“ gelaufen sei, „der Ton und der Geist des Gesprächs waren ausgezeichnet“. Auch der russische Präsident äußerte sich im Anschluss positiv über das Gespräch. Russland sei bereit, an einem Memorandum mit der Ukraine zu arbeiten, das einen Waffenstillstand beinhalten würde, sagte Putin weiter.

US-Präsident Donald Trump hat am Montag mit Kremlchef Wladimir Putin telefoniert, um dem Frieden in der Ukraine näher zu kommen. Foto: dpa

Wenn der Führer der westlichen Welt die Gesprächsatmosphäre mit dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher im Kreml derart überschwänglich lobt, kann einem als Europäer schon etwas blümerant zumute werden.

Ich bin sehr dafür, dass die Ukraine und Russland wieder direkt miteinander sprechen – so wie am Freitag in Istanbul. Ob Trump dabei aus westlicher Sicht eine segensreiche Rolle spielt, bezweifle ich jedoch. Dem ehemaligen KGB-Agenten Putin dürfte es mit Leichtigkeit gelingen, den Narzissten Trump zu umgarnen und ihm immer neue Zugeständnisse zu Lasten der Ukraine abzuschmeicheln.

Selenskyj treiben womöglich ähnliche Sorgen um. Er hat nach dem Telefonat zwischen Trump und Putin erneut einen Rückzug aus den von Russland annektierten Gebieten abgelehnt.

Hintergrund: Die russische Seite besteht bei Friedensgesprächen auf einem kompletten Abzug ukrainischer Truppen aus den vier nur zum Teil vom Kreml kontrollierten Gebieten Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson. Diese Position äußert Moskau immer wieder.

EU beschließt heute neue Sanktiönchen

Europa wolle den Druck auf Moskau durch Sanktionen erhöhen, schrieb Bundeskanzler Friedrich Merz am Abend bei „X“ , nachdem Trump die europäischen Partner über sein Telefonat mit Putin unterrichtet hatte. Darauf hätten sich die Europäer mit dem US-Präsidenten verständigt.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (2.v.l.) mit Vertretern der „Koalition der Willigen“, darunter Bundeskanzler Friedrich Merz. Foto: Steffen Kugler/Bundesregierung/d

Deutlich wohler wäre mir, wenn Merz zusätzlich klargestellt hätte, dass auch die europäischen Waffenlieferungen an die Ukraine gesteigert werden, um zu verhindern, dass Russland auf Zeit spielt. Es spricht einiges dafür, dass Putin darauf setzt, in den kommenden Monaten einen Frontdurchbruch in der Ostukraine zu erzielen, um dann unter für sich deutlich günstigeren Bedingungen über die Abtretung der von Russland annektierten ukrainischen Gebiete zu verhandeln.

Russlands Präsident Wladimir Putin Foto: AP

„Europa darf sich nicht beirren lassen“, kommentiert Handelsblatt-Osteuropa-Korrespondentin Mareike Müller. „Mögliche Änderungen der Gesprächskonstellationen dürfen nicht dazu führen, dass der Druck der Verbündeten auf Moskau nachlässt.“

Auch in der Industrie droht in den kommenden Jahren ein deutlicher Verlust von Beschäftigten. Wie sollten Unternehmen darauf reagieren? Foto: Getty Images, Illustration: Ben Mendelson

1,5 Millionen Fachkräfte fehlen bis 2035

Selbst wenn fast 500.000 Menschen jährlich nach Deutschland einwandern, wird die erwerbsfähige Bevölkerung in den kommenden zehn Jahren immer noch um 1,5 Millionen Menschen sinken. Das zeigt eine Berechnung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB), die das Handelsblatt ausgewertet hat.

Arbeitsmarkt-Experten sehen zwei Hebel, damit in zehn Jahren genauso viel – oder sogar mehr – gearbeitet werden kann als heute: eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Menschen. Frauen gehen oft in Teilzeit, sobald sie Mutter werden, und kehren dann nie wieder zur vollen Stundenzahl zurück. Viele ältere Menschen wiederum gehen entweder vor dem gesetzlichen Ruhestandsalter in Rente oder würden auch nach Renteneintritt gerne noch arbeiten.

Gerade hier seien viele Firmen noch weit hinterher, bemängelt Anna Lüttgen von der Personalberatung Hays: Sie seien gut darin, Abfindungspakete für arrivierte Mitarbeiter zu schnüren. Aber die wenigsten Unternehmen hätten Programme, um ältere Beschäftigte länger zu halten oder aus der Rente zurückzuholen.

Ich persönlich bin ja immer ein wenig skeptisch, wenn ich höre, dass wir alle wieder mehr arbeiten müssten. Mir ist eine Gesellschaft sympathischer, in der die Menschen so viel oder so wenig arbeiten wie sie möchten und es sich finanziell erlauben können.

Daher setze ich eher darauf, dass wir in den kommenden zehn Jahren einen gewaltigen Automatisierungsschub durch Künstliche Intelligenz erleben werden, der uns von vielen Routinetätigkeiten entlastet und unsere Arbeitsproduktivität kräftig steigert.

Fondsmanager Kaldemorgen tritt ab

Seit knapp eineinhalb Jahrzehnten steuert der Kapitalmarktexperte Klaus Kaldemorgen den DWS-Fonds „Concept Kaldemorgen“ – und damit Anlagen im Wert von aktuell mehr als 14 Milliarden Euro. Damit dürfte bald Schluss sein. Er werde in naher Zukunft als verantwortlicher Fondsmanager aussteigen, sagte Kaldemorgen dem Handelsblatt im Doppelinterview mit Co-Fondsmanager Christoph Schmidt.

Klaus Kaldemorgen (links) und Christoph Schmidt. Foto: Getty Images, DWS, Bloomberg

Den genauen Zeitpunkt seines Rückzugs ließ der 71-jährige Kaldemorgen offen.

Wann genau und in welcher Konstellation wir das in Zukunft machen, ist noch nicht entschieden.

Seine Meinungsstärke in Sachen Finanzmärkte hat Kaldemorgen nicht eingebüßt. Der jüngsten Erholung der Aktienkurse nach Trumps Zoll-Schock (siehe unsere Grafik) misstraut er zutiefst. „Wir haben nicht erwartet, dass die Märkte bei den Verhandlungen mit China einen so großen Vertrauensvorschuss geben“, sagt Kaldemorgen im Handelsblatt-Interview.

Es existiert noch kein endgültiger Deal, alles ist unter Vorbehalt und temporär.

Da sollte man laut Kaldemorgen „weiterhin auf der vorsichtigen Seite sein“.

Großbritannien rückt näher an die EU

Großbritanniens Premier Keir Starmer mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: Engere Zusammenarbeit. Foto: AFP

Angesichts des Ukrainekriegs waren Großbritannien und die EU bereits enger zusammengerückt – nun ist diese verstärkte Kooperation auch in ein neues Abkommen gegossen. Es umfasst mehr Zusammenarbeit insbesondere in den Bereichen Verteidigung, Energie, Emissionshandel und Lebensmittelimporte.

Dabei verhandelten ganz im Stil der alten Brexit-Konsultationen Chefunterhändler noch bis spät in die Nacht. Erst meldeten die Briten am Sonntag euphorisch einen Durchbruch, dann folgte prompt die Korrektur durch EU-Diplomaten: Bei der Fischerei seien noch Fragen offen, und nichts sei vereinbart, solange nicht alles vereinbart sei.

Am Ende wurde man sich doch noch einig. Und womöglich war der Streit um die Fischereirechte auch nur eine liebevoll-nostalgische Geste, damit sich alle Beteiligten noch einmal daran erinnern können, wie viele Nächte man früher wegen Kabeljau- und anderer Quoten durchverhandelt hat. Damals, als die Briten noch EU-Mitglied waren.

Ich wünsche Ihnen einen schuppenfreien Dienstag.

Herzliche Grüße,

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Christian Rickens

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