Anlagestrategien: Greenpeace: Deutsche Fondshäuser vernachlässigen entscheidende Klimaziele
Frankfurt. Bei den vier großen Fondsanbietern in Deutschland klafft zwischen ihren Bekenntnissen zum Klimaschutz und ihrer tatsächlichen Anlagestrategie eine beträchtliche Diskrepanz. Trotz verbindlicher Versprechen zum Klimaschutz investieren allesamt erhebliche Summen in fossile Unternehmen, deren Geschäftspraktiken nicht mit den Anforderungen des Pariser Klimaabkommens vereinbar sind, wie die Umweltorganisation Greenpeace feststellt.
Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen Investments in Kohleunternehmen ohne schnelle Ausstiegspläne sowie in Öl- und Gasunternehmen, die weiterhin den Ausbau ihres fossilen Geschäfts planen. Demnach hat die mit Greenwashing-Vorwürfen konfrontierte Deutsche-Bank-Tochter DWS mit 16,8 Milliarden US-Dollar viermal so viel Kapital in klimakritische Unternehmen investiert wie ihre großen Konkurrenten Allianz Global Investment (AGI), Deka und Union Investment. Dabei managt die DWS, die unter dem Verdacht steht, sich in ihren Anlagestrategien nachhaltiger ausgegeben zu haben, als sie tatsächlich ist, mit 896 Milliarden Euro gerade mal rund doppelt so viel Kundenvermögen wie jeder der Konkurrenten.
Die Deka und Union Investment haben Greenpeace zufolge solche „dreckigen“ Investments im Jahr 2023 sogar erhöht. Die DWS und die Deka haben einen hohen Anteil ihres Kapitals in besonders klimaschädlichen Kohleunternehmen angelegt, die nach einer Analyse der Nicht-Regierungsorganisation Urgewald keine Pläne zum schnellen Ausstieg aus ihrer klimaschädlichen Geschäftspraxis vorweisen.
Greenpeace fordert die vier Fondsgesellschaften daher auf, sicherzustellen, dass ihre vorhandenen Anlagerichtlinien wirksam sind. Außerdem fehle bei den Fondsanbietern eine wirkungsvolle Öl- und Gasrichtlinie, um auch in diesen Sektoren in Einklang mit Klimaschutzzielen zu investieren.
Mauricio Vargas von Greenpeace erkennt bei den Fondshäusern eine „Wasch mich, aber mach mich nicht nass“-Mentalität: Für eine wirksame Nachhaltigkeitsstrategie fehlten etwa rote Linien, die Firmen, in die Fondsmanager investierten, nicht überschreiten dürften, sagt der Finanzexperte gegenüber dem Handelsblatt. Die Fondsanbieter müssten einen Plan offenlegen, wie sie mit Unternehmen verfahren, die sich dem Klimaschutz in den Weg stellten, fordert er.
Bei der Deutsche-Bank-Fondstocher DWS hat Greenpeace im Jahr 2023 festgestellt, dass diese in den untersuchten Fonds nicht nachhaltige Investments um 3,2 Milliarden Dollar verringert hat. Die Umweltschützer haben nach eigener Aussage für die Studie Anlagen in sogenannten Publikumsfonds ausgewertet, die überwiegend für private Anleger aufgelegt werden. Für diese Fonds gibt es im Gegensatz zu Produkten für große Investoren öffentlich verfügbare Informationen.
Zur Einordnung der Anlagen nimmt Greenpeace an, dass es zur Einhaltung der im Pariser Klimaabkommen 2015 festgelegten Ziele keine Investitionen in Öl- und Gasunternehmen geben darf, die Explorationen und Erschließungen neuer Öl- und Gasvorkommen planen. Im Sektor Kohle müssen die Unternehmen, in die investiert wird, demnach spätestens bis 2030 in Industrieländern und 2040 weltweit aus der Kohle ausgestiegen sein. Urgewald hat nach diesen Vorgaben die Segmente untersucht und jeweils eine Liste mit Klimasündern zusammengestellt, die Greenpeace als Grundlage für einen Abgleich dient.
DWS und Deka investieren viel in Kohlefirmen
Demnach investiert die DWS trotz der Reduktion des Anteils nicht nachhaltiger Anlagen im Jahr 2023 noch 7,5 Milliarden Dollar in Kohleförderer und -stromerzeuger, die keine Pläne für einen raschen Ausstieg vorwiesen. Öl- und Gasunternehmen mit Expansionsplänen finden sich demnach mit 12,5 Milliarden Dollar in den Fonds. Einige Unternehmen sind in beiden Sparten aktiv.
Die Verringerung der DWS-Investments wertet Greenpeace indes eher als portfoliostrategisch, nicht als klimapolitisch. Denn der Fondsanbieter sei nicht konsequent aus den umstrittensten Sektoren wie Kohle ausgestiegen, sondern vor allem aus US-amerikanischen Schieferöl- und -gasförderern, nachdem diese von der Energieknappheit infolge des Ukrainekriegs profitiert hätten, sagt Vargas. Das konterkariere die Klimaversprechen der DWS und passe nicht zu der im April 2023 veröffentlichten Anlagerichtlinie, die einen Ausschluss dieser Kohleunternehmen in Aussicht stellte.
Bei der DWS kann man die von Greenpeace aufgeführten Zahlen nicht nachvollziehen, heißt es dort auf Anfrage. Entsprechend der Kohle-Richtlinie des Hauses seien Beteiligungen an Unternehmen deutlich reduziert worden. Auch erwarte die DWS von den Industrieländer-Firmen in Portfolios einen vollständigen Kohleausstieg bis 2030 und hätte sie aufgefordert, ihre Übergangspläne für den Ausstieg zu veröffentlichen. In bestimmten Portfolios etwa für Großinvestoren habe die DWS allerdings keine alleinige Kontrolle über die Anlagepolitik. Zudem gelte die Richtlinie nicht in indexnachbildenden ETF. Dort arbeite die DWS aber mit Indexanbietern zusammen, etwa um Kohle-Förderer auszuschließen.
Greenpeace: Deka und Union Investment haben kritische Anlagen zuletzt erhöht
Auch die Deka investiert nach Auswertung von Greenpeace mit gut zwei Milliarden Dollar stark in klimaschädliche Kohleunternehmen und untergrabe damit ihre Klimaversprechen. Zudem habe die Sparkassenfondstochter ihre klimaschädlichen Anlagen 2023 um 370 Millionen Dollar erhöht. Gut drei Milliarden Dollar in Öl- und Gasunternehmen mit Expansionsplänen hat Greenpeace eigenen Angaben zufolge identifiziert. Die Deka äußerte sich dazu nicht.
Union Investment hat ihre Investitionen in Kohle-, Öl- und Gasunternehmen Greenpeace zufolge ebenfalls um 260 Millionen Dollar erhöht auf insgesamt 5,7 Milliarden Dollar. Henrik Pontzen, Nachhaltigkeitschef von Union Investment, äußert sich nicht zu den Zahlen. Er betont, dass wesentliche Treibhausgasemittenten im Portfolio auf ihre Ziele zur Reduktion der Emissionen überprüft würden. Unternehmen, die die Anforderungen nicht erfüllen und zu wenig bereit zur Veränderung seien, würden Schritt für Schritt ausgeschlossen. Union arbeite zudem an einer Richtlinie zum Umgang mit Investitionen in Öl und Gas, deren Ziel der schrittweise Ausstieg aus fossilen Energien sei.
Die AGI reduzierte Greenpeace zufolge ihre Investitionen dagegen um 600 Millionen Dollar, hält aber demnach noch gut vier Milliarden Dollar in umstrittenen Kohle-, Öl- und Gasfirmen. AGI betont in dem Zusammenhang die unternehmensweite Ausschlusspolitik zu Kohle: Das Haus investiere nicht in Förderer, die mehr als 30 Prozent ihres jährlichen Umsatzes mit dem Abbau von Kohle erzielten, und nicht in Versorger, deren Stromerzeugung zu mehr als 30 Prozent auf Kohle basiere. Bei Nachhaltigkeitsfonds seien die Regeln strenger. Da der Öl- und Gassektor aber weiterhin eine dominierende Rolle bei der Deckung des Energiebedarfs der Weltwirtschaft spiele, investiere AGI und versuche, dort auf Maßnahmen hinzuwirken, die ökologische Risiken verringerten.