Zafrul Aziz: Wie Malaysia vom Konflikt zwischen China und USA profitiert
Berlin. Zafrul Aziz ist in guter Stimmung, als er zum Interview in einem Hotelzimmer in Berlin empfängt. Der malaysische Handelsminister hat allen Grund dafür: Wirtschaftlich läuft es für das südostasiatische Land gerade rund. Im vergangenen Jahr flossen mehr als 60 Milliarden malaysische Ringgit (rund 11,7 Milliarden Euro) an ausländischen Direktinvestitionen nach Malaysia – und damit ein Vielfaches mehr als in den Jahren zuvor. Nur 2021 lagen die Zuflüsse noch höher.
Die Höhe der Direktinvestitionen in Malaysia ist ziemlich beeindruckend – würden Sie sagen, dass Malaysia von den Spannungen zwischen den USA und China profitiert?
Vielleicht ist das Wort „profitieren“ nicht das richtige. Das ist ja nicht über Nacht passiert. Schon vor der Coronakrise mussten viele Unternehmen ihre Lieferketten angesichts der handelspolitischen Spannungen zwischen China und den USA verlagern. Die Coronakrise hat das noch verstärkt. Ihnen wurde klar, dass nicht nur die Kosteneffizienz der Lieferkette, sondern auch deren Sicherheit und Resilienz wichtig sind. Viele deutsche Unternehmen sind schon seit Jahren in Malaysia, seit Neuestem kommen nun verstärkt auch die kleinen und mittelständischen Unternehmen.
Glauben Sie, dass dieses Wachstum der ausländischen Direktinvestitionen nachhaltig ist?
Wie lange es andauern wird, wissen wir nicht. Uns hat sicher geholfen, dass wir in den richtigen Sektoren stark sind. Der Schlüsselbereich, auf den die meisten multinationalen Unternehmen schauen, ist Technologie, in unserem Fall: Chips. Wir haben einen weltweiten Marktanteil von 13 Prozent bei der Zusammensetzung, dem Halbleiter-Packaging und dem Testen von Halbleitern. Die Unternehmen, die jetzt in Malaysia investieren, sind bereits im Land. Aber es gibt auch ein paar neue Unternehmen, die liefern den bereits etablierten Firmen zu. Sie bringen das gesamte Halbleiter-Ökosystem mit sich.
Nicht nur Malaysia will von der Neuordnung der Lieferketten profitieren, sondern auch Länder wie Singapur, Vietnam und Indonesien ...
Singapur profitiert im Dienstleistungssektor. Wir hingegen setzen weiter auf eine starke Produktionsbasis. Vietnam hat bei Halbleitern aufgeholt. Das Wachstum in einem der Länder hilft über Spill-over-Effekte auch anderen in der Region. Wenn Sie sich die vertikale Lieferkette anschauen, werden manche Teile in Vietnam, andere in Malaysia produziert. Und wenn man sich dann die vorgelagerten Produkte anschaut, hat Indonesien sehr viele Rohstoffe geliefert. Wir versuchen den Handel innerhalb unserer Staatengruppe auszubauen – und stehen zugleich im Wettbewerb mit unseren Nachbarn in Asien.
Wie sieht Malaysias spezifische Strategie als China-Alternative aus?
Wir versuchen klarzumachen, dass unsere Region neutral ist. Wir haben gute Beziehungen zu China und wir haben gute Beziehungen zu den USA. Es gibt immer diese Berichte darüber, dass es Druck auf uns gibt. Aber in Wahrheit gibt es diesen Druck nicht – von keiner Seite. Man weiß nie, vielleicht wird es den eines Tages geben, aber im Moment nicht.
Wie neutral kann ein Land in Zukunft sein, wenn die Friktion zwischen den USA und China sich verstärkt?
Ich glaube ehrlich, dass wir als unabhängiges Land neutral bleiben werden, egal wie sehr sich die Situation verschlechtert. Aber wie die Unternehmen reagieren, ist etwas anderes. Ich bin nicht sicher, ob die USA einmal die Unternehmen bestrafen werden, die aus Malaysia oder der Region heraus Beziehungen zu China haben. Das geschähe ja dann über Zölle und hätte Auswirkungen. Aber diplomatisch sind wir sehr klar in unserer Position.
Denken Sie, die Gefahr besteht, dass solche Restriktionen kommen? Das würde Ihre Halbleiterstrategie direkt beeinflussen.
Ja, und es würde auch die USA direkt beeinflussen, weil ihre Waren aus Malaysia dann teurer würden. Es wäre also kontraproduktiv, aber man weiß nie. Der ganze Konflikt ist kontraproduktiv.
Premierminister Anwar Ibrahim spricht von einer Chinaphobie im Westen …
In den USA. In Europa nicht so sehr. Tatsächlich sind europäische Unternehmen froh, dass wir neutral sind, denn dann können sie Geschäfte in der Region machen. Und das trifft ehrlich gesagt auch auf US-Unternehmen zu. Aber ja, es könnte Druck geben auf die Unternehmen. Wenn das passiert, belastet es den Welthandel weiter. Wir hatten im vergangenen Jahr mit 0,2 Prozent das langsamste Wachstum des Welthandels in den vergangenen 50 Jahren. Ich glaube daran, dass Handel Wohlstand bringt, der wiederum Frieden bringt. Wir haben einen Krieg im Tech-Sektor – bei Exporten von Grafikprozessoren, bei Halbleiterchips und anderen Technologieteilen. Aber ich glaube, selbst wenn es im schlimmsten Fall Beschränkungen für Unternehmen geben sollte, wären sie sehr selektiv. Es wäre ja unlogisch, europäische oder US-Unternehmen mit Strafen zu belegen, die in die EU und die USA exportieren und eben nicht nach China.
Sie glauben, wenn es Restriktionen oder Zölle gäbe, wären chinesische Unternehmen in Malaysia davon betroffen?
Ja, das könnte passieren. Aber keine europäischen Unternehmen. Im Chip-Krieg ist China noch hinten dran. Deshalb wollen die Amerikaner ja vor allem Exporte nach China unterbinden. Ich glaube, die Unternehmen können für sich selbst kämpfen gegen chinesische Konkurrenz. Mercedes etwa will keine Strafzölle der EU auf chinesische Elektroautos, weil sie Vergeltung auf dem chinesischen Markt fürchten. Und sie sind selbstbewusst, dass sie die chinesische Konkurrenz schlagen. Aber das sehen französische Unternehmen vielleicht auch anders.
Auch Deutschland diskutiert sein Verhältnis zu China. Die USA und China haben eine Historie darin, Beistand zu verlangen. Wie wollen Sie die Äquidistanz aufrechterhalten?
Wissen Sie, Malaysia ist ein kleines Land. Unser Handel beträgt 140 Prozent unserer Wirtschaftsleistung. Die USA und China machen gemeinsam fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung aus. Ein kleines Land wie Malaysia kann sich einem Kampf zwischen diesen beiden Ländern nicht ganz entziehen. Der eine ist unser größter Investor, der andere unser größter Handelspartner. Asean war im vergangenen Jahr Chinas größter Handelspartner und wir sind geografisch sehr nahe.
Nach elf Jahren will die malaysische Regierung wieder Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit der EU aufnehmen. Auf Malaysias Wunsch hin hatten die Verhandlungen seit 2012 geruht …
Wir wollten uns auf das asiatisch-pazifische Freihandelsabkommen CPTPP konzentrieren. Die Standards für Waren und Dienstleistungen, für Beschaffung und so weiter sind sehr hoch, das war nicht leicht damals. Zudem waren wir besorgt, als die EU sagte, sie wolle ein noch besseres Abkommen als CPTPP. Wir hatten Angst, die Wahlen zu verlieren (lacht). Wir wollten der Bevölkerung zunächst zeigen, dass sie netto von CPTPP profitiert. Das können wir jetzt nach zwei Jahren sagen. Wir haben uns das im vergangenen Jahr angeschaut und sind gerade in Verhandlungen mit der EU, die Gespräche wieder zu starten.
Wie einfach werden die Verhandlungen?
Es gibt zwei Herausforderungen: Zum einen müssen wir auf die EU-Entscheidung zur Abholzung schauen. Und die andere ist Palmöl. Aus Gesprächen mit Handelsministern in Deutschland, in Italien und Frankreich hören wir, unser Palmöl-Standard sei recht hoch und sollte den Nachhaltigkeitskriterien der EU genügen. Aber große Unternehmen erreichen diesen Standard leichter. Das Problem sind die kleinen Unternehmen. Sie kritisieren, dass sie dann eventuell keinen Marktzugang haben oder die Compliancekosten zu hoch wären. Sie wollen eine Übergangszeit.
Herr Zafrul, vielen Dank für das Interview.
Die Fragen stellten Nicole Bastian und Dana Heide.