Rohstoffe: Darum sind die Kakaopreise so hoch
Zürich, Frankfurt. Peter Feld muss in diesen Tagen viele beruhigende Gespräche führen. Feld ist Chef des Schweizer Konzerns Barry Callebaut, größter Schokoladenproduzent der Welt. Und der wichtigste Rohstoff für Schokolade ist auf dem Weltmarkt zuletzt immer teurer und immer schlechter verfügbar geworden.
Bei der Vorstellung der Halbjahresbilanz von Barry Callebaut am Mittwoch beruhigte Feld Einkaufschefs von Nahrungsmittelkonzernen und Händlern: „Wir sind gut eingedeckt mit Bohnen“, Schokoladenlieferungen an Kunden seien gesichert.
Manchem Wettbewerber geht es Feld zufolge anders: „Das Kakaoangebot ist für einige Marktteilnehmer zum Problem geworden.“ Grund sei der starke Anstieg des Kakaopreises. Kakao verteuerte sich an der Rohstoffbörse ICE seit Anfang des Jahres um rund 142 Prozent und kostet mehr als 10.000 US-Dollar pro Tonne – so viel wie noch nie.
Der Auslöser seien schlechte Ernten in den beiden Hauptanbauländern Ghana und Elfenbeinküste gewesen, erläutert der Barry-Callebaut-Chef. Die Lage habe sich verschärft, weil viele Nahrungsmittelhersteller und Händler in der Hoffnung auf fallende Preise „sehr spät“ geordert hätten. Schließlich seien im großen Stil Hedgefonds eingestiegen und hätten die Preisbewegung nach oben massiv verstärkt.
Feld geht jedoch davon aus, dass die im historischen Maßstab extrem hohen Preise nur von kurzer Dauer sind. Der Barry-Callebaut-Chef ist überzeugt: „Was schnell steigt, fällt auch schnell.“ Sicherheit über die langfristige Versorgungslage gebe es jedoch erst im Sommer. Dann sei die zu erwartende Haupternte in Ghana und der Elfenbeinküste absehbar, die drei Viertel des weltweiten Kakaos produzieren.
Doch nicht jeder am Markt ist so optimistisch wie Feld. Viele Analysten erwarten weiter Rekordpreise. So etwa Anlagestratege Ben Laidler vom Online-Broker eToro, der kurzfristig keine Lösung für die Angebotsknappheit sieht. Die nächste große Ernte sei im Oktober, und selbst wenn die Produzenten auf die höheren Preise reagierten: „Es dauert ungefähr fünf Jahre, bis neue Kakaopflanzen Bohnen bringen.“
Zumal es den Produzenten an der Elfenbeinküste und in Ghana an Anreizen mangele, ihre Produktion zu erhöhen, erklärt Carlos Mera, Analyst für Agrarrohstoffe bei der Rabobank. Vor der Haupternte wird ein fester Preis festgelegt, den die Bauern erhalten. „Das bedeutet, dass sie von den derzeitigen Rekordpreisen nicht profitieren.“
Zumindest daran hat sich mittlerweile etwas geändert: Die Elfenbeinküste und Ghana haben ihre Abnahmepreise für Kakaobohnen um 50 Prozent beziehungsweise 58 Prozent erhöht. Der Preis, den die Kakaobauern nun pro Tonne erhalten, liegt damit jedoch noch immer unterhalb von 2.500 Dollar und somit nur bei rund einem Viertel der Preise, zu denen Kakao-Futures derzeit gehandelt werden.
Verwerfungen am Terminmarkt
Bereits jetzt treffen die hohen Preise Kakaoverarbeiter wie Barry Callebaut hart. Denn das Unternehmen hat den Wert seiner Kakaolager an den Terminmärkten abgesichert. Dort wettet Barry Callebaut mit sogenannten Short-Kontrakten auf fallende Preise, wie Finanzvorstand Peter Vanneste erläutert. Fallen die Preise tatsächlich, steigt der Wert dieser Wertpapiere und kompensiert so Wertverluste der tatsächlichen Lagerbestände.
Doch aktuell wirkt der umgekehrte Effekt: Der Wert der physischen Lagerbestände steigt stark, die Short-Kontrakte verlieren massiv an Wert. Die Banken, die Barry Callebaut bei den Absicherungsgeschäften unterstützen, verlangen vom Unternehmen zusätzliches Kapital zur Absicherung dieser Terminkontrakte.
Diese sogenannten Margincalls sorgten bei Barry Callebaut im vergangenen Jahr für einen Abfluss liquider Mittel in Milliardenhöhe. Das Unternehmen musste eine Anleihe über 600 Millionen Franken ausgeben, um den kurzfristig enorm gestiegenen Finanzierungsbedarf zu decken.
So wie Barry Callebaut geht es vielen Produzenten. Bloomberg zufolge haben physische Käufer, die ihre Kakaobestände mit Short-Positionen abgesichert hatten, die Rally zuletzt weiter beschleunigt. Denn diejenigen Schokoladenproduzenten, die kein Geld mehr aufbringen können, um Margincalls zu bezahlen, müssen ihre Short-Positionen auflösen. Das lässt die Preise weiter steigen.
Neue EU-Vorschrift
Erschwerend kommt eine neue EU-Vorschrift hinzu, wie Rabobank-Analyst Mera erklärt. Künftig müssten alle Lieferketten bis zu den einzelnen Parzellen zurückverfolgt werden können, um sicherzustellen, dass die Produkte nicht aus einem kürzlich abgeholzten Gebiet stammen. „Das ist eine enorme Herausforderung: Die Anbauflächen liegen oft in abgelegenen, hügeligen Gebieten, sodass es schwierig ist, genaue GPS-Koordinaten zu erhalten.“
Größere Unternehmen müssen die neuen Vorgaben ab Ende Dezember umsetzen. Für sie wird es also künftig schwerer werden, Vorräte zu sichern – Grund genug, nun die Lager aufzustocken, trotz hoher Preise.