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Morning BriefingWarum der Aktienkurs kein Stimmungsbarometer der Mitarbeiter ist

Teresa Stiens 05.04.2024 - 06:21 Uhr
Handelsblatt Morning Briefing

Die Shareholder-Falle: SAP und seine Mitarbeiter

05.04.2024
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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

für Außenstehende sieht es häufig so aus, als sei der Börsenkurs eines Unternehmens auch so etwas wie das Stimmungsbarometer von Mitarbeitern und Kunden. Steigt die Stimmung, steigen die Kurse. Fällt die Stimmung, fallen die Kurse. Doch so einfach ist es nicht. Das zeigt das Beispiel SAP.

Schaut man sich die Aktie des einzigen deutschen Softwarekonzerns von Weltrang an, könnte man meinen, es herrsche ausgelassene Partystimmung in der Firmenzentrale in Walldorf. Seit Wochen bricht das Unternehmen an der Börse einen Rekord nach dem anderen. Mittlerweile wird es auf mehr als 210 Milliarden Euro geschätzt – und ist damit wertvoller als jedes andere Unternehmen in Deutschland.

Doch Handelsblatt-Technologie-Experte Christof Kerkmann hat eine andere Beobachtung gemacht. Auf dem „Global Employee Meeting“ des Konzerns im März musste sich der Vorstand zahlreichen unangenehmen Fragen stellen: zur Pflicht, zurück ins Büro zu kommen, zum Stellenabbau und der mickrigen Gehaltsrunde. Anders als bei den Aktionären ist die Stimmung bei den Mitarbeitern nicht gerade auf einem Höhenflug.

Der große Handelsblatt-Wochenendreport über SAP sollte aus zwei Gründen auch jene interessieren, die sich bisher noch nicht ausführlich mit dem Unternehmen aus Baden beschäftigt haben.

  • Erstens, weil es sich bei SAP um die wohl letzte verbliebene deutsche Hoffnung auf einen eigenen global erfolgreichen Technologiekonzern handelt. In Zeiten der zunehmenden Abhängigkeit von Amerika und Asien ein wichtiges Asset.
  • Zweitens lässt sich daraus viel lernen über den Zwiespalt zwischen dem Wohlergehen der Mitarbeiter und dem der Aktionäre. Ein Dilemma, das ich in meiner Zeit an der Uni als „Shareholder-Value“- und „Stakeholder-Value“-Ansätze kennengelernt habe.

Momentan tut das SAP-Management alles, um die Profitabilität zu steigern und die Aktionäre zufriedenzustellen. Dazu zählen auch Maßnahmen, die vielen Mitarbeitern sauer aufstoßen: „An den Kantinentischen schwappt viel schlechte Laune rein“, berichtet ein älterer Mitarbeiter. Am besten sei die Stimmung in der Kohorte ab 55 – viele hoffen auf das neue Vorruhestandprogramm.

2019 wurde Christian Klein Vorstandschef. Foto: Bert Bostelmann / bildfolio für Handelsblatt, Imago [M]

Was sagt der Chef zu alledem? Im Interview freut sich SAP-CEO Christian Klein über den guten Aktienkurs, betont aber, dass ihm andere Themen wichtiger seien: „Wie wir mit Innovationen vorankommen, wie der Wandel in die Cloud läuft, wie wir den Kunden helfen.“ Und er sagt auch: „Ich denke nicht, dass ich alle Entscheidungen dem Aktienkurs unterordne“.

Den Abbau von 8000 Stellen rechtfertigt er damit, als Wachstumsunternehmen produktiver werden zu müssen. Er vergleicht sich in seiner Branche nicht mit anderen Konzernen im Dax, sondern mit der internationalen Konkurrenz. Deshalb gibt Klein zu Bedenken: „Ein Investor kann ja genauso Aktien von Oracle, Microsoft oder Salesforce kaufen.“ Bei Kennzahlen wie Cashflow, Marge und Gewinn sei man mit diesen Unternehmen noch nicht auf einer Stufe.

Fed-Chef Jerome Powell will sich weder auf den Zeitpunkt noch die Anzahl der Zinssenkungen festlegen. Foto: dpa

Die US-Notenbank Fed scheint derzeit so etwas wie die Wende von der Wende zu vollziehen: eine 360-Grad-Wende sozusagen. Wer in Mathematik aufgepasst hat, weiß, was das bedeutet: Es geht so weiter wie bisher. Eigentlich hatte Fed-Chef Jerome Powell schon für März eine Kurskorrektur zu seiner bisherigen Politik angedeutet und die Hoffnung verbreitet, die Zinsen könnten bald wieder sinken. Doch das ist längst vom Tisch.

Dann waren Analysten stattdessen davon ausgegangen, dass die Fed ihren Leitzins im Juni erstmals wieder nach unten anpassen würde – doch auch das ist mittlerweile nicht mehr sicher. Denn die Teuerungsrate hat zwar auf die hohen Zinsen reagiert und ist wie erhofft gesunken, zuletzt stagnierte die Inflation aber bei knapp drei Prozent.

Außerdem läuft es in den USA wirtschaftlich einfach zu gut, um den Leitzins senken zu können. Denn eine boomende Wirtschaft gepaart mit billigem Geld könnte an der Börse zu ungewollten Blasen führen. Ein Risiko, das die Fed momentan nicht eingehen will.

Digitalminister Volker Wissing (l.) und Justizminister Marco Buschmann Foto: Imago Images

Kolleginnen und Kollegen aus Berlin und Düsseldorf haben ein Lehrstück dazu aufgeschrieben, wie uneins sich die Regierung darüber ist, was unter legitimer Interessenvertretung der Wirtschaft zu verstehen ist. Hintergrund ist Deutschlands Zustimmung zur EU-Regulierung Künstlicher Intelligenz in Brüssel im März. Digitalminister Volker Wissing (FDP) hatte sich gegen die KI-Verordnung engagiert – obwohl sein Ministerium eigentlich gar nicht zuständig war.

Interessanterweise tat er das auch gegen die Position des ebenfalls liberal geführten Justizministeriums. Politisch eher eine Seltenheit. Dabei geht es wohl vor allem darum, wer aus der Politik wann mit der Wirtschaft worüber gesprochen hat. Während das Digitalministerium mehrfach mit dem US-Konzern Microsoft sprach, setzte man sich etwa im Wirtschaftsministerium mehr mit dem deutschen KI-Unternehmen Aleph Alpha auseinander.

Einen Beleg für den Einfluss der Unternehmen auf die Position der Ministerien gibt es nicht. Aber: Microsoft hatte hinter den Kulissen vor den Risiken des EU-Gesetzes gewarnt, weil der Konzern das KI-Sprachmodell von OpenAI durch die Regeln eingeschränkt sah, heißt es in Regierungskreisen. Aus meiner eigenen Zeit als Hauptstadt-Korrespondentin kann ich nur bestätigen, dass die Frage welcher Politiker sich intensiv mit wessen Perspektive auseinandersetzt, höchst relevant aber nicht immer transparent ist.

Zum Abschluss möchte ich Sie noch auf einen Kniff hinweisen, den das Start-up Electrochaea entwickelt hat, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Das Unternehmen aus München setzt sehr viele, dafür aber mikroskopisch kleine Mitarbeiter ein: Urbakterien, die für das Start-up Biogas produzieren. So soll eine neue Energiespeichermethode vorangebracht werden, bei der Wasserstoff in Methan umgewandelt wird. Wie genau das funktioniert, können Sie im Firmenporträt meiner Kollegin Nell Rubröder nachlesen.

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Ich halte das für eine hervorragende Lösung. Die Urbakterien werden wohl kaum für eine Vier-Tage-Woche streiken oder überlegen, einen Betriebsrat zu gründen. Außerdem bringen sie sehr viel Erfahrung mit: Sie machten diese Arbeit schon, als es noch keine Tiere oder Pflanzen auf der Erde gab.

Ich wünsche Ihnen einen guten Tag mit viel Durchhaltevermögen.

Herzliche Grüße
Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt

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