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Wohnungsbautag„Wir müssen anders bauen – sonst bauen wir bald gar nicht mehr“

Seit 2000 haben sich die Baukosten mehr als verdoppelt. Experten fordern neue Baustandards, um Wohnraum zu schaffen. Minister Habeck verspricht: KfW-Fördermittel sollen weiter aufgestockt werden.Heike Anger, Silke Kersting 11.04.2024 - 17:03 Uhr
Vor allem im Bereich des „sozialen und bezahlbaren Wohnens“ herrscht großer Mangel.  Foto: dpa

Berlin. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat beim Wohnungsbautag am Donnerstag in Berlin weitere Gelder für den Wohnungsbau in Aussicht gestellt. Mit Blick auf das Programm „Klimafreundlicher Neubau“ der staatlichen KfW-Bank sagte Habeck: Man werde „noch mal nachschießen müssen“, damit es zu keinem Förderabriss komme. 

Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) hatte zuvor in ihrer Rede erklärt, das Programm sei im vergangenen Jahr „wie geschnitten Brot“ gelaufen. Auch jetzt werde es gut nachgefragt. Kürzlich hatte sie eingestanden, dass das Geld wohl nicht bis zum Jahresende reichen würde. Bislang sind für das Förderprogramm 762 Millionen Euro in diesem Jahr eingeplant.

Organisiert wurde der Wohnungsbautag vom „Verbändebündnis Wohnungsbau“. In dem Bündnis haben sich Verbände der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft mit dem Mieterbund, der IG Bau sowie mit der Mauerstein-Industrie und dem Baustoff-Fachhandel zusammengeschlossen.

Klare Absage für „Dauersubvention“

Bauministerin Geywitz erteilte einer „Dauersubvention“ der Baubranche eine klare Absage. Es müsse darum gehen, „mit einem Schlag“ Vorschriften zu reduzieren, erklärte die SPD-Politikerin. Das könne mit der Einführung eines „Gebäudetyps E“ geschehen. Dabei steht das  „E“  „für einfaches beziehungsweise experimentelles Bauen“.

Kürzlich hatte der für das Vertragsrecht zuständige Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) im Handelsblatt rechtliche Änderungen für den neuen Gebäudetyp angekündigt. Geywitz versicherte am Donnerstag, diese Änderungen würden „hinreichend schnell“ geschaffen. „Wenn wir anfangen, einzelne Standards zu streichen, dann haben wir noch die nächsten 50 Jahre damit zu tun“, betonte sie. Es müsse einen Bautyp geben, der dem frei finanzierten Wohnungsbau ein Renditemodell böte. 

Axel Gedaschko, Präsident des Spitzenverbands der Wohnungswirtschaft (GdW), mahnte mit Blick auf Neubau ebenfalls: „Wir brauchen bezahlbares Schwarzbrot.“ Er forderte allerdings auch ein Zinsprogramm für den Wohnungsbau mit einem Zinssatz von einem Prozent. Das „könnte die Bautätigkeit enorm ankurbeln“, sagte er.

Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) bei einem Baustellenrundgang. Immerhin sieht sie erste Anzeichen für eine Wiederbelebung der Branche. Foto: dpa

Bei all dem gibt es auch eine gute Nachricht: Die Preise für den Bau von Wohnungen in Deutschland stiegen zuletzt so langsam wie seit rund drei Jahren nicht mehr. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts verteuerte sich der Neubau konventionell gefertigter Wohngebäude im Februar nur noch um 2,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.

Im November 2023, dem vorherigen Berichtsmonat der Statistik, waren die Preise im Vorjahresvergleich noch um 4,3 Prozent gestiegen, im August um 6,4 Prozent, im Mai um 8,8 Prozent.

Doch der Wohnungsbau steckt in einer tiefen Krise. Die Zahlen für fertiggestellten Wohnraum sind eingebrochen, die Baugenehmigungszahlen sind drastisch zurückgegangen. „Die Folgen davon werden die deutsche Wirtschaft insgesamt hart treffen“, warnte das Wohnungsbaubündnis.

Mit einer Sonderförderung sollten Bund und Länder aus Sicht von Verbänden der Bau- und Immobilienbranche die Flaute im Wohnungsbau beheben. Nötig seien unter anderem jährliche Subventionen von 15 Milliarden Euro für 100.000 neue Sozialwohnungen.

Etwa 800.000 Wohnungen fehlen

Mittlerweile dürften bundesweit etwa 800.000 Wohnungen fehlen, vor allem im Bereich des „sozialen und bezahlbaren Wohnens“, hieß es weiter. Es mangelt nach Angaben des Bündnisses vor allem an kleinen Wohnungen zu Preisen zwischen sechs und zehn Euro Nettokaltmiete pro Quadratmeter. Es zeige sich aber auch, dass inzwischen „Haushalte mit bis tief in die Mittelschicht reichenden Einkommen kaum noch  bezahlbare Wohnungen“ finden. 

Im Ergebnis, so heißt es weiter, zahle jeder sechste Mieterhaushalt – insgesamt 3,1 Millionen Haushalte – mehr als 40 Prozent des Einkommens allein für die Kaltmiete. Die Hälfte davon müsse sogar 50 Prozent oder mehr für das Wohnen aufbringen. Elf Prozent der Bevölkerung lebten in überbelegten Wohnungen.

Doch die von der Regierung versprochenen 400.000 neuen Wohnungen jährlich scheinen laut Bündnis „gegenwärtig unerreichbar“. Wie im vergangenen Jahr dürften auch im laufenden die Fertigstellungen beim Neubau eher sinken. 

Das Bündnis legte eine Studie des Beratungsunternehmens des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Econ) vor, um die Bedeutung des Wohnungsbaus zu untermauern. Demnach steht die Branche quer durch alle Wirtschaftsbereiche hinter jedem siebten Euro der gesamten Bruttowertschöpfung in Deutschland. Außerdem sei laut Studie jeder siebte Arbeitsplatz mit dem Wohnungsbau verbunden. Die Steuereinnahmen belaufen sich laut Bündnis auf 141 Milliarden Euro – das sind 17 Prozent der gesamten Steuereinnahmen in Deutschland.

Im Umkehrschluss heißen diese Zahlen auch: Wird nicht gebaut, vermindern sich die Steuereinnahmen. Das DIW geht für 2024 von einem Minus von fast fünf Milliarden Euro aus.

Um eine Wende herbeizuführen, forderte Dietmar Walberg, Chef des Bauforschungsinstituts ARGE, dass „alle – und allen voran der Staat – kräftig an den Stellschrauben bei den baulichen Standards drehen“. Viele Normen, Vorgaben und Auflagen seien „schlichtweg überzogen“. Er kritisiert: „Vieles wird mit High-End-Standards gebaut, weil es sonst keine Förderung gibt. Anderes, weil es ökologisch oder mit Blick auf den Wohnkomfort vermeintlich ein Optimum bietet.“

Er fordert ein  „neues Augenmaß“. So sei etwa gehobener Schallschutz „nicht sinnvoll“. Nachdrücklich betont er: „Wir müssen anders bauen. Sonst bauen wir bald gar nicht mehr.“

Rasanter Anstieg der Baukosten

Laut ARGE haben sich seit der Jahrtausendwende die Baukosten im Wohnungsbau pro Quadratmeter um den Faktor 2,5 erhöht. Zu den Preistreibern zählt etwa die Gebäudetechnik, von der Heizung über die Lüftung bis zur Sanitär- und Elektrotechnik. Aber auch das Baumaterial wird stetig teurer. So stiegen etwa die Preise für Zement zuletzt um fast 42 Prozent, für Kalk und gebrannten Gips um knapp 40 Prozent und für Frischbeton um fast 30 Prozent.    

Immerhin gibt es einen Hoffnungsschimmer. So erklärte Ministerin Geywitz beim Wohnungsbautag, es gebe „erste Anzeichen“, dass sich der Wohnungsbau wiederbelebe: Die Inflation gehe zurück, die Bauzinsen fielen. Jetzt müssten die Aufträge wieder steigen. 

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„Es stimmt mich hoffnungsvoll, dass die Hypothekenfinanzierer sagen, sie sehen wieder ein wachsendes Interesse, insbesondere im privaten Bereich, der ja am stärksten von dem Schock betroffen war“, sagte sie. Habeck äußerte sich ähnlich, Bündnisvertreter widersprachen hingegen.

Deutlich wurde etwa GdW-Präsident Gedaschko. Er sagte: „Wir sehen das Licht am Horizont noch nicht.“ Und Dirk Salewski, Präsident des Bundesverbands Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW), wies darauf hin, dass es nach einer Baugenehmigung zwei Jahre dauere, bis das Ergebnis überhaupt zu sehen sei. 

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