Fachkräftemangel: Deutsche Unternehmen werden zu Bildungsinstituten
Frankfurt, Washington, Stuttgart, New York. Diese Erfahrung hat sich bei den Verantwortlichen von ZF aus Friedrichshafen tief ins Gedächtnis eingebrannt. Vor zehn Jahren errichtete der zweitgrößte deutsche Autozulieferer in Gray Court im US-Bundesstaat South Carolina ein neues Getriebewerk. Obwohl der Stiftungskonzern dort frühzeitig ein Schulungszentrum (Boot Camp) für die neuen Beschäftigten errichtete, haperte es mächtig beim Hochfahren der Produktion.
Mehr als hundert erfahrene Mitarbeiter aus dem größten deutschen Getriebewerk Saarbrücken mussten zeitweise nach South Carolina jetten. Die Starthilfe dauerte über Monate mit entsprechenden Mehrkosten. Jetzt, wo die Erweiterung des Werks für eine halbe Milliarde Dollar ansteht, soll sich so etwas nicht wiederholen.
Eigene Bildungseinrichtungen und die Zusammenarbeit mit Institutionen sollen das verhindern. „Es gibt viel Wettbewerb um Talente in der Region Upstate in South Carolina“, sagt ein ZF-Sprecher: „Wir haben uns in den vergangenen zehn Jahren vor allem darauf konzentriert, unsere eigenen Talente weiterzubilden, zu halten und zu fördern.“
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Unter anderem engagiert sich ZF im lokalen Schulsystem, bietet Praktika an Highschools und Lehrstellen an Universitäten an. Auch ein internes Lehrlingsprogramm für aufstiegswillige Leistungsträger zählt zum Programm, ebenso ein sogenannter Teacher Link, um lokale Lehrer während der Sommermonate zu beschäftigen und sie zu Botschaftern für ZF an ihren jeweiligen Schulen zu machen.
ZF ist kein Einzelfall, weiß Fabian Brandt von der Beratungsfirma Oliver Wyman. Weil es in den USA keine Berufsausbildung analog zu der in Deutschland gebe, „müssen deutsche Firmen überproportional viel Aufwand in die Ausbildung ihrer Leute stecken, damit sie fähig sind, die gleiche Qualität wie in Deutschland zu liefern“.
BMW hat eigenes Ausbildungsprogramm
So hat BMW beispielsweise im Oktober 2022 in Spartanburg (South Carolina) eine 20 Millionen Dollar teure und 68.000 Quadratmeter große Schulungseinrichtung eröffnet. Sie bietet technische Schulungen für Fabrikarbeiter und Fortbildungen für Führungskräfte. Mit BMW Scholars hat der Konzern zudem ein eigenes Ausbildungsprogramm aufgelegt – die US-Version der deutschen dualen Berufsausbildung.
Schon an der Schule suchen BMW-Recruiter nach potenziellen Mitarbeitern. „Wir bilden diese jungen Menschen aus, unterstützen sie bei der Finanzierung ihrer Ausbildung und vermitteln ihnen die fortgeschrittenen technischen Fähigkeiten, die BMW für die Zukunft braucht“, beschreibt ein Sprecher das Vorgehen.
Ähnlich geht Wettbewerber Mercedes vor. „Neben gezieltem Recruiting von Fachexperten setzen wir auf eine bedarfsorientierte und zukunftsgerichtete Aus- und Weiterbildung sowie Umschulungen unserer Beschäftigten“, sagt eine Sprecherin. So unterhält Mercedes-Benz Vans Partnerschaften mit lokalen Universitäten und Berufsschulen, um den nötigen Nachschub zu sichern. Die Mitarbeiter in spe arbeiten neben dem Unterricht in Teilzeit in der Mercedes-Werkstatt, um schon früh praktische Erfahrungen zu sammeln. Auch das sind Anleihen aus dem deutschen Ausbildungssystem.
Mercedes macht Intensivtraining für alle Beschäftigten
Auch die bestehenden Beschäftigten werden regelmäßig weitergebildet. Das 2022 eingeführte „Mercedes Production System“ genannte Intensivtraining richtet sich an alle Mitarbeiter aus der Produktion, aber auch aus dem Management. Fast alle Beschäftigten haben es laut Konzernangaben inzwischen durchlaufen.
VW arbeitet in Chattanooga (Tennessee) mit dem Schulbezirk und dem Chattanooga Community College zusammen, um ausreichend Arbeitskräfte-Nachwuchs zu bekommen. So nimmt die „Mechatronic Akademy“ Highschool-Schüler in die technische Ausbildung auf. Das Ganze wird mit der VW-Ausbildung verbunden. „Diese Talentpipeline, die wir in Chattanooga geschaffen haben, hat sich als sehr erfolgreich erwiesen, wenn es darum geht, die technischen Spezifikationen zu erfüllen, die viele Arbeitsplätze in unserem Werk erfordern“, heißt es bei VW in den USA.
Solche dualen Ausbildungsprogramme bietet auch das Spezialchemie-Unternehmen Evonik an. In den Bundesstaaten Indiana, Alabama und Pennsylvania wurden Ausbildungsgänge eingerichtet, die sich an der deutschen Lehre orientieren. Dabei arbeitet das Unternehmen mit lokalen Colleges zusammen, die sich am ehesten mit deutschen Fachhochschulen vergleichen lassen.
BASF arbeitet mit Miniaturmodellen
BASF arbeitet im texanischen Freeport mit dem Brazosport Community College zusammen. Dort lernen etwa angehende Anlagentechniker an einem maßstabsgerechten Mini-Nachbau, wie man Ventile öffnet und schließt und den optimalen Fluss erreicht.
Der Stuttgarter Anlagenbauer Exyte, der für Kunden wie Intel, Infineon oder TSMC Halbleiterwerke errichtet, will in den USA bis Ende des Jahres mehrere hundert Stellen schaffen. „Dort wo Exyte eigene Büros hat, beziehungsweise wo wir Projekte umsetzen, kooperieren wir auch mit lokalen Universitäten und engagieren uns in der Nachwuchsförderung“, sagt Vorstandschef Wolfgang Büchele: „Es darf uns nicht passieren, dass der technische Fortschritt wegen Personalmangel ausfällt.“
Erstpublikation: 19.04.2024, 20:06 Uhr