Sentiment: Dax-Umfrage zeigt Ende der fallenden Kurse an – zumindest vorläufig
Düsseldorf. Am deutschen Aktienmarkt ist der Leitindex Dax drei Wochen in Folge gefallen. Das ist die erste Verlustserie dieser Art seit Herbst vergangenen Jahres – damals fielen die Kurse im September und Oktober sogar sechs Wochen lang.
Diesmal könnte die Serie früher enden, sagt Marktexperte Stephan Heibel vom Analysehaus AnimusX: „Es ist durchaus möglich, dass wir in den kommenden Tagen eine ordentliche Gegenbewegung an den Aktienmärkten erleben.“
Er leitet das aus dem Ergebnis der Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment ab. Dabei befragt das Handelsblatt jeden Freitag mehr als 8000 Anlegerinnen und Anleger zu ihrer aktuellen Markteinschätzung. Die Antworten ergänzt Heibel um weitere Indikatoren und leitet daraus die aktuelle Marktstimmung (Sentiment) ab.
Hinter der Sentiment-Theorie steht folgende Annahme: Wenn viele Anleger optimistisch sind, haben sie bereits investiert. Dann bleiben nur wenige übrig, die noch kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben können. Sind viele pessimistisch, haben sie mehrheitlich nicht investiert. Dann sind nur wenige übrig, die verkaufen können und damit die Kurse drücken.
Unter Anlegern herrschen „Angst und Panik“
Das Ergebnis der aktuellen Umfrage zeigt, dass die Stimmung sehr schlecht ist. Heibel spricht von „Angst und Panik“, die herrschten. Dementsprechend viele Anleger dürften also bereits verkauft haben.
Das Sentiment ist dadurch von minus 1,2 auf minus 6,1 Punkte eingebrochen. Das ist der niedrigste Stand seit Ende Oktober, als der Dax nach vorherigen Kursverlusten seinen Tiefpunkt erreichte.
Die schlechte Stimmung ist nicht das Einzige, was die Situation heute mit der im Herbst verbindet. Auch damals waren die Sorgen vor einem Krieg im Nahen Osten groß, ebenso die Sorgen bezüglich der Auswirkung der hohen Zinsen in den USA. Im Herbst war der Anpassungsprozess am Markt schnell abgeschlossen.
Aktuell verorten fast zwei Drittel der Umfrageteilnehmer den Dax in einem Abwärtstrend und erwarten damit weiter fallende Kurse – deutlich mehr als in der Vorwoche.
Der Stimmungseinbruch kommt auch dadurch zustande, dass sich die Erwartungen vieler Befragter in der abgelaufenen Börsenwoche nicht erfüllten. Ihr Anteil stieg von 29 auf 37 Prozent.
Dadurch ist die „Selbstgefälligkeit“ von plus 1,2 auf minus 1,0 Punkte gefallen. Auch das ist der niedrigste Wert seit Ende Oktober.
Für den Dax ist das ein gutes Zeichen, sagt Heibel: „Die Anleger, für die die Aktienmärkte in den vergangenen Monaten heiß gelaufen waren, die also für die Zukunft keine weiter steigenden Kurse mehr erwartet hatten, scheinen nun wieder neutral gestimmt zu sein.“
Dazu passt, dass die Erwartungen an die Dax-Entwicklung in drei Monaten gestiegen sind. 20 Prozent erwarten nun steigende Kurse – vor einer Woche waren es nur sieben Prozent. Dadurch ist der zugehörige Wert im Dax-Sentiment von minus 2,8 auf minus 0,4 Punkte gestiegen. Das ist der beste Wert seit Anfang Februar.
Parallel sehen offensichtlich immer weniger Investoren die Notwendigkeit, sich abzusichern. Das geht aus dem Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart hervor, an der Privatanleger handeln: Demnach kaufen sie aktuell genauso viele Call-Optionsscheine, mit denen sie auf steigende Kurse setzen, wie Put-Optionsscheine, die bei fallenden Kursen an Wert gewinnen.
Nicht so recht passen will dazu die geringe Kaufbereitschaft. Sie hat sich mit minus 0,6 Punkten nur leicht verbessert (Vorwoche minus 1,2 Punkte).
Heibel erklärt sich das mit der unsicheren Lage im Nahen Osten: „Zu undurchsichtig ist die Situation, als dass Anleger jetzt schon wieder Investitionspläne machen würden.“
Die gesamte Lage wertet er aber als durchaus konstruktiv: „Bislang handelt es sich bei der Korrektur um genau das, was viele Anleger sich wünschen: kurz und schmerzlos.“ Seit dem am 2. April erreichten Rekordhoch hat der Dax in der Spitze 5,1 Prozent an Wert verloren.
„Daher ist die Verunsicherung unter den Anlegern auch noch sehr gering. Gleichzeitig ist die Erwartung an die künftige Börsenentwicklung neutral“, ergänzt Heibel.
Von daher sei es durchaus möglich, dass der Dax vorerst seinen Tiefstand erreicht hat. „Zumindest kurzfristig scheint sich nun erst einmal der Abwärtsdruck abzumildern“, sagt Heibel.
Daran könnte sich seiner Einschätzung nach eine Gegenbewegung in Form von steigenden Kursen anschließen. Allerdings sieht Heibel einen Haken: „Ob eine eventuelle Gegenbewegung dann zur Fortsetzung der Rally führt oder aber nur eine Zwischenerholung ist, können wir leider erst später beurteilen.“
Die Lage in den USA ist ähnlich
An den US-Börsen ist die Situation ähnlich. Auch hier hat sich die Marktstimmung deutlich abgekühlt. „Zumindest kurzfristig stehen damit die Zeichen auf Erholung“, sagt Heibel.
So werden die US-Fondsmanager vorsichtiger und haben ihre Investitionsquote auf 63 Prozent gesenkt. Vor einer Woche waren es noch 20 Prozentpunkte mehr.
Gleichzeitig schrumpft der Abstand zwischen optimistischen Anlegern, im Börsenjargon „Bullen“ genannt, und den pessimistischen „Bären“. „38 Prozent Bullen stehen 34 Prozent Bären gegenüber. Damit ist das Übergewicht der Bullen der vergangenen Wochen fast ausradiert“, sagt Heibel.
Gleichzeitig zeigt der technische „Angst-und-Gier-Index“ des marktbreiten US-Index S&P 500 mit einem Wert von 32 Punkten moderate Angst an. Das ist das erste Mal seit sechs Monaten der Fall. Im vergangenen Herbst stabilisierten sich die Kurse, als der Index knapp unter dem jetzigen Niveau lag.