1. Startseite
  2. Arts und Style
  3. Kunstmarkt
  4. Roy Lichtenstein zum 100. Geburtstag: Als Sprechblasen die Malerei eroberten

Roy Lichtenstein zum 100. GeburtstagAls Sprechblasen die Malerei eroberten

Die Roy-Lichtenstein-Retrospektive in Wien erinnert an die Geburt der Pop-Art. Es lohnt sich, noch einmal einen genaueren Blick auf Gesamtwerk und Arbeitsmethoden des amerikanischen Künstlers zu werfen. Christian Herchenröder 22.04.2024 - 14:06 Uhr

Wien. Die Meinung, dass über die Kunst von Roy Lichtenstein schon alles gesagt ist, muss revidiert werden. Dem mit Andy Warhol und Jasper Johns wichtigsten Vertreter der amerikanischen Pop-Art widmet die Wiener Albertina zu seinem 100. Geburtstag eine Retrospektive, die das breite Spektrum seines Gesamtwerks und seiner Arbeitsmethoden erfasst.

Die Schau entstand in Zusammenarbeit mit der Roy Lichtenstein Foundation, die der Albertina zu diesem Anlass Tapisserien, Skulpturen und Papierarbeiten des New Yorker Künstlers schenkte. Diese 14 Werke sind ebenfalls ausgestellt.

Die Ausstellung beginnt mit einem Postkartenmotiv: dem 1967 entstandenen Gemälde „Apollo-Tempel“, der Banalisierung eines kunsthistorischen Monuments. Sie endet mit Papierarbeiten, die ein Musterbeispiel für die skrupulöse Arbeitsweise des Künstlers sind. Er konzipierte auch manche Grafiken in diffizilen, mit Collage verbundenen Arbeitsgängen.

Der 1923 geborene Künstler arbeitete bis Ende der 1950er-Jahre im Stil des abstrakten Expressionismus, der mit den Protagonisten Jackson Pollock und Willem de Kooning die amerikanische Kunst beherrschte. In der ersten Hälfte der Sechzigerjahre entstehen die Werke, die seinen Beitrag zur Geburt der Pop-Art dokumentieren.

In dem 1961 datierten Gemälde „Popeye“ wirkt die aufgeblasene Comicszene noch expressiv. Dagegen nehmen Bilder, die in den Jahren 1963 und 1964 entstanden, die Ästhetik der industriellen Drucktechnik in kühler Zweidimensionalität auf. Sie bilden eine starke Gruppe innerhalb der Ausstellung.

Das Nichtmalerische wird zum malerischen Rohmaterial. Mit Schablone aufgesetzte Rasterpunkte, die Gesichter und Landschaften füllen, starke schwarze Schatten und Konturen, Sprechblasen und weiße Leerstellen sind von nun an Lichtensteins Markenzeichen. Aus den Massenmedien – Reklamebildern, Zeitungen, Comicstrips, Trickfilmen – wählt er seine Bildmotive aus, die er mithilfe eines Projektors vergrößert.

Auf die Signalwirkung kommt es an

Bilder eines sich küssenden Paars, „Kiss III“ von 1962, einer hoffnungslos Weinenden, „Hopeless“ von 1963, oder einer problematischen Nahbeziehung, „Tension“ von 1964, sind keine Satire auf Gefühlsklischees in Comics der Fünfzigerjahre. Die kommerzielle Anmutung der Vorlage wird durch saubere Ausschnitte, Großbild, vereinfachte Komposition so neutralisiert, dass nicht mehr der Inhalt, sondern die Signalwirkung der Form zählt, alles Ablenkende ausgelöscht wird.

„In Wirklichkeit bewundere ich die Dinge, die ich scheinbar parodiert habe“, sagt Lichtenstein und wehrt sich damit gegen Kritiker, die ihm selbstzufriedene Bescheidung vorwerfen. Er meint damit nicht nur emotionale Comicszenen, in denen die Bildstruktur wichtiger als der Inhalt ist. Seine Aussage betrifft genauso die isolierten Objekte der Reklamewelt, die er in Großbildern zu Ikonen des Unpersönlichen macht. Außerdem bezieht sie sich auf die extrem auf Punkt und Linie reduzierten Landschaften, von denen „Yellow Sky“ von 1966 die farbintensivste ist.

Auf den Vorwurf des Unpersönlichen reagiert der Künstler so: „Ich möchte, dass meine Arbeiten geplant oder unpersönlich wirken, aber ich glaube nicht, dass ich deshalb selbst auch unpersönlich bin.“ Indem Lichtenstein das Action-Painting auf eine sachliche Pinselspur in den „Big Paintings“ von 1965 reduziert, distanziert er sich von der Überbewertung des Malerischen in der Ära bis 1960. Sie wirkt aber in ihrer schwungvollen Vereinfachung wie ein Aushängeschild von Lichtensteins Malerei selbst.

Ab 1966 beschäftigt sich Lichtenstein intensiv mit der Stilrichtung des Art déco, was in einer monumentalen Tapisserie von 1967 kulminiert. Stilelemente verbinden sich in dem Großformat „Modern Painting“ von 1967 zu einem Substrat dieser Epoche. Lichtensteins Sammelleidenschaft für das Art-déco-Kunstgewerbe ist kein Geheimnis.

Ein Stillleben nach Picasso und vom Punktraster dominierte Heuhaufen nach Monet zeugen in der Ausstellung von einer Anverwandlung, die die malerische Vorlage neutralisiert und in der die Bildstruktur wichtiger als der Inhalt ist.

Ausstellung

Kiki Kogelnik, das ausgegrenzte Marketingtalent

In Riesenformaten der Neunzigerjahre wie dem gespiegelten Interieur der Albertina von 1992 oder der von tanzenden Akten beherrschten Strandszene der Fondation Beyeler wird das Monumentale zur Last. Hier verausgabt sich Form in Überwältigungsstrategie, die die elementare Reduktion des Motivs aus den Augen verliert.

Ein großes Aha-Erlebnis der Ausstellung sind die Skulpturen, die hier exemplarisch vertreten sind. Mehrere von ihnen kamen als Geschenk der Roy Lichtenstein Foundation in die Sammlung der Albertina.

Die Pinselstrichskulpturen, der Meerjungfraubrunnen und der auf einem Blitz balancierende Chapeau sind Paradestücke eines plastischen Werks, das die Zweidimensionalität des Bildes in Werke aus bemaltem Holz oder Bronze hebt. Die Skulpturen sind zwar aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten, können aber ihre frontale Hauptwirkung nicht verleugnen. In ihnen lebt das Signalhafte der Bilder fort.

Höchstpreise auf dem Kunstmarkt

Eine Ausstellung dieses Kalibers wirft auch die Frage nach dem Markt des betreffenden Künstlers auf. Dass Roy Lichtenstein einer der teuersten Künstler des 20. Jahrhunderts ist, zeigte der Rekordpreis von 95,4 Millionen Dollar für das Porträt „Nurse“, den Christie’s im November 2015 erzielte. Das Porträt der erschreckten Krankenschwester hatte im Mai 1995 bei Sotheby’s „nur“ 1,7 Millionen Dollar eingespielt.

Als teuerstes Bild wird in den Annalen das Gemälde „Masterpiece“ von 1962 geführt: die Darstellung eines Paars, das ein Bild betrachtet. Sie wurde 2017 in einem Privatverkauf von dem amerikanischen Megasammler Steve Cohen für publizierte 165 Millionen Dollar erworben.

Die Grafik Lichtensteins, die in der Wiener Schau nur marginal erscheint, ist ein unerschöpflicher Marktfaktor. Das expansive, meist in Auflagen von 40 bis 200 Exemplaren gedruckte grafische Werk erfuhr 2023 bei Sotheby’s einen Preisgipfel für einen Siebdruck nach Monet. „Waterlily Pond with Reflections“ spielte 1,8 Millionen Dollar ein.

Verwandte Themen
USA

Der „Akt mit blauem Haar“ aus den begehrten „Nude Series“ ist mit 2023 bei Sotheby’s erlösten 762.000 Dollar das teuerste Einzelblatt. Hier zeigt sich, dass das grafische Spätwerk eine stärkere Marktposition hat als die späte Malerei des Pop-Giganten. In der Gattung Malerei sind die charismatischen Bilder der Sechzigerjahre die teuersten.

„Roy Lichtenstein. Zum 100. Geburtstag“: bis 14. Juli in der Albertina, Wien. Katalog, Prestel Verlag, 34,90 Euro; im Handel 45 Euro

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt