Inflation: Preise rauf, Zinsen runter – Für die EZB ist das kein Widerspruch
Frankfurt. Die Inflation geht in Deutschland vorerst nicht weiter zurück. Die Inflationsrate hat sich im April laut einer Schnellschätzung des Statistischen Bundesamts bei 2,2 Prozent und somit knapp oberhalb des EZB-Ziels von zwei Prozent festgesetzt.
Im März war die Inflationsrate auf den niedrigsten Stand seit drei Jahren gesunken. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Volkswirte hatten nun mit einem leichten Anstieg auf 2,3 Prozent gerechnet. Im Mai wird die Rate laut Bundesbank sogar wieder Richtung drei Prozent steigen.
Die Notenbanker der Europäischen Zentralbank (EZB) dürften darin dennoch kein Hindernis für die Zinswende sehen. Sie lassen seit Wochen kaum Zweifel daran, dass sie im Juni das erste Mal die Leitzinsen senken werden. Sie sind dabei auf gewisse Schwankungen in der Entwicklung der Inflation gefasst.
Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der niederländischen Großbank ING, sieht in den neuen Inflationsdaten einen Beleg, wie schwierig es wird, den Zinskurs über Juni hinaus festzulegen. Von einer ersten Zinssenkung in fünf Wochen würden die Entscheidungsträger im EZB-Rat aber wohl nicht abrücken.
„Die letzte Wegstrecke zum Preisziel wird schwer, und das zeigt sich derzeit“, sagte der Chefvolkswirt der Privatbank Hauck Aufhäuser Lampe, Alexander Krüger. So ist die Kerninflationsrate, bei der schwankungsanfällige Preise für Energie und Nahrungsmittel außen vor bleiben, im April von 3,3 Prozent auf 3,0 Prozent gesunken. Experten ziehen daraus unterschiedliche Schlüsse.
Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, sieht nun „den Weg frei für eine Zinssenkung im Juni“. Beobachter hatten allerdings mit einem etwas stärkeren Rückgang der Kerninflation gerechnet. Michael Heise, Chefvolkswirt des Vermögensverwalters HQ Trust, folgert daraus, „dass weiterhin Inflationsdruck gegeben ist“.
Die unterschiedliche Lesart zeugt von den Schwierigkeiten, vor denen die Notenbanker mit Blick auf anstehende Beschlüsse zur Zinswende stehen. EZB-Direktorin Isabel Schnabel sieht die Notenbanker „vor einer ziemlich holprigen letzten Meile“, wie sie vor wenigen Tagen bei einer Konferenz in Frankfurt sagte.
Während die Inflationsrate nach nationaler Rechung (VPI) im April bei 2,2 Prozent stagnierte, ist sie nach EU-weit einheitlicher Rechnung (HVPI) leicht von 2,3 auf 2,4 Prozent gestiegen. Ausschlaggebend sind die gestiegenen Energiekosten: Höhere Ölpreise auf den Weltmärkten schlagen auf die Preise für Benzin und Heizöl durch.
Außerdem ist die zwischenzeitlich auf sieben Prozent abgesenkte Mehrwertsteuer auf Gas und Fernwärme zum 1. April wieder auf 19 Prozent gestiegen.
Laut einer Umfrage des Ifo-Instituts planen zudem mehr Unternehmen, ihre Preise anzuheben. Dies gelte vor allem für Restaurants, Spielwarenläden und Drogerien. Lebensmitteleinzelhändler, Hotelbetreiber und Reiseveranstalter wollen sich hingegen etwas mehr zurückhalten. „In den kommenden Monaten dürfte die Inflation erst einmal nicht weiter zurückgehen“, prognostiziert Ifo-Konjunkturexperte Sascha Möhrle.
Wie sich das Deutschlandticket auf die Inflation auswirkt
Die Ökonomen der Bundesbank rechnen im Mai sogar mit einem Ausschlag nach oben. Das liegt am Deutschlandticket: Damit wurden Fahrten mit Bus und Bahn im Mai 2023 schlagartig günstiger. Zwölf Monate später wird dieser preisdämpfende Effekt nun aus der gängigen Inflationsrate herausfallen, denn die wird auf Jahressicht berechnet. Im Mai könnte die Inflationsrate laut Bundesbank damit „wieder auf einen Wert von etwa drei Prozent zurückspringen“.
In Spanien ist die Inflationsrate im April laut dem dortigen Statistikamt ebenfalls leicht gestiegen auf 3,4 Prozent. Insofern zeichnen sich auch im Euro-Raum insgesamt über den Sommer schwankende Inflationsraten ab. Eine Schnellschätzung für April veröffentlicht das EU-Amt Eurostat diesen Dienstag.
Bislang stellt sich der Rückgang der Inflation von in der Spitze zweistelligen Raten als relativ reibungslos dar, von vereinzelten Ausreißern abgesehen. Unter diesem Eindruck haben sich die Entscheidungsträger im EZB-Rat auf eine erste Zinssenkung in fünf Wochen so gut wie festgelegt. Ihre Debatte hat sich auf den angemessenen Takt für weitere Zinssenkungen verlagert.
Im Kern geht es darum, ob im Juli gleich eine zweite Zinssenkung folgt oder frühestens nach der Sommerpause. Bundesbankchef Joachim Nagel sieht „nicht notwendigerweise eine Serie von Zinssenkungen“. Dagegen bevorzugt Italiens Notenbankchef Fabio Panetta frühzeitiges Handeln und plädiert dafür, „in kleinen, aufeinanderfolgenden Schritten vorzugehen“.
„Die Zinswende im Juni wird immer konkreter“, sagt Robin Winkler, Deutschland-Chefvolkswirt der Deutschen Bank. „Die vorläufigen Inflationsdaten für April dürften der EZB größeres Vertrauen einflößen, dass die Inflation trotz der anziehenden Konjunktur weiterhin abklingt.“
Verhaltener äußert sich Ralph Solveen von der Commerzbank: Entscheidend für die Entwicklung in den kommenden Monaten werde sein, „inwieweit die Unternehmen die höheren Lohnkosten an ihre Kunden weitergeben können“.
EZB hat Tariflöhne im Fokus
Tatsächlich messen die Entscheidungsträger im EZB-Rat der Lohndynamik große Bedeutung bei. Belastbare Daten zum Wachstum der Tariflöhne im ersten Quartal dieses Jahres werden Mitte Mai vorliegen. Sie fließen nach Angaben der Notenbanker maßgeblich in ihren Zinsentscheid am 6. Juni ein.
Anders als die EZB wähnt sich die US-Notenbank Fed längst nicht in der Lage, die Leitzinsen zu senken. Für gewisse Beruhigung sorgt in Reihen der EZB, dass Europas Verbraucher Umfragen zufolge mit zunehmender Gelassenheit auf die Inflation blicken. Sie rechnen laut der jüngsten Erhebung im Mittel damit, dass die Teuerungsrate binnen zwölf Monaten bei 3,0 Prozent liegen wird.
Das ist das niedrigste Niveau seit Dezember 2021. Seinerzeit nahm die Inflation kräftig Fahrt auf. Im Januar hatten die rund 19.000 befragten Konsumenten aus elf Euro-Ländern auf Sicht von zwölf Monaten noch eine Inflationsrate von 3,3 Prozent erwartet.
„Solange es nicht wieder zu neuen geopolitischen Spannungen kommt, welche die internationalen Lieferketten bedrohen, bleibt das Inflationsumfeld entspannt“, sagt Deka-Chefvolkswirt Kater. „Die Geldpolitik muss allerdings weiterhin wachsam bleiben, ob es im Herbst bei weiterhin hohen Lohnzuwächsen nicht zu neuen Inflationsimpulsen kommt.“