Geldpolitik: EZB lässt kaum Zweifel an Zinssenkung im Juni
Frankfurt. Die Europäische Zentralbank (EZB) hält Kurs auf den Start der Zinswende im Juni – eine Garantie dafür abgeben will sie allerdings nach wie vor nicht. „Wir legen uns nicht im Voraus auf einen bestimmten Zinspfad fest“, betonte EZB-Chefin Christine Lagarde nach dem Zinsentscheid am Donnerstag.
Das Zinsniveau im Euro-Raum haben die Währungshüter bei ihrer jüngsten Sitzung erwartungsgemäß ein weiteres Mal nicht angetastet. Der Leitzins, zu dem sich Banken Geld bei der EZB leihen, bleibt bei 4,5 Prozent. Der Einlagenzins, den Banken für Einlagen bei der Notenbank erhalten, beträgt weiterhin 4,0 Prozent.
An den Märkten sorgten der Zinsentscheid und die anschließenden Äußerungen Lagardes für uneinheitliche Reaktionen. Der deutsche Leitindex Dax machte nach dem Beschluss seine Tagesverluste nahezu wett. Im Anschluss an die Pressekonferenz ging es dann jedoch deutlich abwärts, der Dax erreichte sein Tagestief unter 17.900 Punkten.
Die Kurse deutscher Staatsanleihen zogen zeitweise etwas an und gaben dann wieder nach. Der Euro-Kurs schwankte leicht, aber mit positiver Tendenz gegenüber dem Dollar.
Die Euro-Währungshüter sehen sich nach eigenem Bekunden bestärkt, dass die Inflation weiter zurückgeht. Erstmals sprechen sie selbst von einer möglichen Senkung, wenn auch in stark verklausulierter Form. Eine Zinssenkung sei demnach „angemessen“, wenn Inflationsaussichten, die zugrunde liegende Inflationsdynamik und der Effekt der Zinserhöhungen das Vertrauen stärken, dass die Inflation weiter in Richtung Zwei-Prozent-Ziel sinkt.
Manche Beobachter hatten spekuliert, dass der EZB-Rat weitergehen könnte, indem er verbal eine Zinssenkung de facto vorwegnimmt. Das ist nicht eingetreten, weil Lagarde sich alle Mühe gab, eine Vorfestlegung zu verhindern. Dennoch deuten Ökonomen und Marktstrategen Lagardes Aussagen überwiegend als Bestätigung einer ersten Zinssenkung im Juni.
EZB-Rat bleit Marschroute treu
Besonders deutlich äußerte das Robert Greil, Chefstratege von Merck Finck: „Heute hat die EZB eine Brücke zur wohl ersten Leitzinssenkung im Juni gebaut“, erklärte er.
Nach verbreiteter Lesart bleibt der EZB-Rat seiner Marschroute treu, sich verbal Schritt für Schritt der Zinswende zu nähern. „Die EZB hat ihre Signale für eine erste Zinssenkung im Juni unerwartet deutlich verschärft“, sagte Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. „Es muss schon viel passieren, damit sie ihre Zinsen im Juni nicht senkt.“
Etwas zurückhaltender fällt die erste Reaktion von Mark Wall aus, Ökonom der Deutschen Bank. „Niemand sollte von einer Zinssenkung im Juni überrascht sein“, meint Wall. Er frage sich indes, ob die anhaltende Vorsicht wegen der von heimischen Faktoren getriebenen Inflation zwei Zinssenkungen nacheinander verhindert.
EZB-Präsidentin Lagarde sagte, manche der 26 Mitglieder im Rat der Notenbank hätten sich bereits jetzt für eine Zinssenkung starkgemacht. Letztlich seien aber alle mit der offiziellen Linie einverstanden: Demnach wollen die Notenbanker noch sicherer sein, dass die Inflation auf das EZB-Ziel von zwei Prozent sinkt.
Lagarde betonte, im Laufe des Jahres sei mit einem gewissen Auf und Ab der Inflationsraten um das jetzige Niveau zu rechnen. Bis Mitte 2025, so die Prognose der Notenbank, werde die Teuerungsrate auf den Zielwert von zwei Prozent sinken.
Die Inflationsrate im Euro-Raum hat sich zuletzt dem Ziel der EZB von 2,0 Prozent angenähert. Im März waren die Verbraucherpreise einer ersten Schätzung zufolge noch um 2,4 Prozent gestiegen. Auch die Kerninflationsrate ohne die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Lebensmittel war rückläufig, von 3,1 auf 2,9 Prozent.
Ein neuer Unsicherheitsfaktor sind die Ölpreise. Sie sind in den vergangenen Wochen um fast zehn Prozent gestiegen. Das Thema sei „sehr wichtig“, sagte Lagarde. Man habe in der Vergangenheit gelernt, dass Energiepreisschocks einen „signifikanten Einfluss“ hätten. „Wir beobachten diese Entwicklungen sehr aufmerksam“, erklärte sie.
Lagarde ging auf Nachfrage auch auf die Inflationsdaten in den USA ein. Dort war am Mittwoch bekannt geworden, dass die Verbraucherpreise im März um 3,5 Prozent gestiegen sind. Es ist der dritte Anstieg in Folge, und er fällt deutlicher aus als erwartet. Eine Zinssenkung durch die US-Notenbank Fed im Juni gilt deshalb als sehr unwahrscheinlich.
Lagarde sagte: „Was im Euro-Raum geschieht, wird nicht das Spiegelbild dessen sein, was in den USA geschieht, denn wir haben es mit zwei verschiedenen Dingen zu tun.“ Die Treiber der Inflation in den USA seien andere als in der Euro-Zone gewesen. Deshalb könne man daraus keine Rückschlüsse für die Geldpolitik der EZB ziehen.
Gleichwohl sagte Lagarde: Alles, was in den USA passiere, werde in die Projektionen der EZB zu Wachstum und Inflation einfließen. Das schließe die Entwicklung des Wechselkurses ein. Beobachter rechnen nun verstärkt damit, dass der Euro gegenüber dem US-Dollar abwerten wird. Das könnte Importpreise für europäische Unternehmen nach oben treiben.
Lage für Fed wird komplizierter
Während die EZB grundsätzlich auf Kurs Richtung geldpolitischer Lockerung bleibt, ist die Entwicklung in den USA sehr viel komplizierter. Mohamed El-Erian, Präsident des Queens College in Cambridge und früherer Chef der Allianz-Tochter Pimco, sagt: Langsameres Wachstum und ein schnellerer Rückgang der Inflation könnten die EZB dazu veranlassen, so häufig wie die Fed, wenn nicht häufiger die Zinsen zu senken, „was noch vor wenigen Monaten unvorstellbar war“.
Einzelne Ökonomen wie etwa Torsten Slok von der US-Beteiligungsgesellschaft Apollo zweifeln gar daran, dass die US-Notenbank Fed in diesem Jahr überhaupt noch die Zinsen senken kann. Er glaubt, dass die Stärke der US-Wirtschaft ungebrochen ist und den Preisdruck aufrechterhalten wird.
Der neuerliche Anstieg der US-Inflation scheint dies zu bestätigen. Dabei ist die Interpretation der US-Daten umstritten. Robin Brooks, Experte der Denkfabrik Brookings und früherer Chefökonom der internationalen Bankenorganisation IIF, kommentierte die neuen Zahlen auf dem Kurznachrichtendienst X (vormals Twitter) mit der Bemerkung: „Da ist nichts zu sehen.“ Er rechnet weiter mit einem deutlichen Rückgang im April.
Ex-US-Finanzminister Larry Summers äußerte dagegen sogar: „Man muss ernsthaft in Erwägung ziehen, dass der nächste Zinsschritt eher nach oben als nach unten geht.“
Insgesamt hat sich die Perspektive verschoben. Während zuvor Märkte und Experten eher von drei Zinssenkungen der Fed um jeweils einen Viertelprozentpunkt in diesem Jahr ab Juni ausgingen, deutet sich jetzt eine Perspektive von zwei Schritten ab September an.
Experten erwarten Abwertung des Euros
Damit könnte es, ausgelöst durch eine zunehmende Zinsdifferenz, zu einem Auseinanderklaffen der Trends in Europa und den USA kommen. Die Volkswirte der Allianz halten ein solches Szenario für realistisch, schränken jedoch ein: „Das sollte die wirtschaftliche Entwicklung im Euro-Raum nicht schwerwiegend beeinträchtigen.“
Sie erwarten über zwei Jahre hinweg eine Abwertung des Euros um rund vier Prozent – und folgern: „Das sollte die Inflation nur geringfügig beeinflussen, aber der in Schwierigkeiten steckenden Exportindustrie der Region helfen.“
Hintergrund: Wenn der Euro zum Dollar abwertet, können europäische Unternehmen ihre Waren auf den Weltmärkten günstiger absetzen. Ihre Produkte werden konkurrenzfähiger – das treibt ihre Umsätze.
In den USA macht nicht zuletzt das Lohnwachstum der Notenbank Sorgen. Denn das ist unvermindert stark. Überhaupt präsentiert sich der US-Arbeitsmarkt in starker Verfassung. Dieser Eindruck hat sich mit dem jüngsten Bericht vor knapp einer Woche erhärtet.
Im Euro-Raum macht EZB-Chefin Lagarde hingegen Anzeichen für nachlassendes Lohnwachstum aus. Auch insgesamt entspanne sich die Lage an Europas Arbeitsmärkten leicht. Der EZB-Rat macht das daran fest, dass Unternehmen nicht mehr so viele freie Stellen zu besetzen haben.
Bis zum nächsten Zinsentscheid im Juni werden den Euro-Notenbankern Daten zur Entwicklung der Tariflöhne im ersten Quartal 2024 vorliegen. Außerdem folgen noch zwei weitere monatliche Inflationsdaten. Diesen Informationen kommt eine zentrale Bedeutung auf dem Weg zur Zinswende zu.
Erstpublikation: 11.04.2024, 14:15 Uhr.