Preise: US-Inflation steigt auf 3,5 Prozent – Aktienkurse brechen ein
New York, Düsseldorf. US-Investoren müssen sich auf neue Turbulenzen einstellen. Überraschend hohe Inflationsdaten vom Mittwoch deuten auf eine Strategieänderung der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hin, die zu großen Anpassungen an den Märkten führen könnte.
Die US-Inflation stieg im März auf 3,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, teilte das Arbeitsministerium mit. Befragte Volkswirte hatten im Mittel mit 3,4 Prozent gerechnet. Die Kerninflation – ohne die stark schwankenden Preise für Lebensmittel und Energie – lag mit 3,8 Prozent ebenfalls leicht über den Erwartungen.
Die Renditen auf Staatsanleihen zogen deutlich an. Die Rendite der wichtigen Anleihe mit zehnjähriger Laufzeit sprang kurzzeitig über die Marke von 4,5 Prozent, das war der höchste Stand seit November.
Die Geldpolitiker hatten zuletzt drei Zinssenkungen in diesem Jahr in Aussicht gestellt, die erste hätte schon im Juni kommen können. Das scheint nun vom Tisch.
Investoren rechnen nun nur noch mit zwei Zinsschritten in diesem Jahr, zeigen Daten der Terminbörse CME. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Zinswende im Juni beginnt, fiel auf 21 Prozent. Vor der Bekanntgabe der Zahlen lag sie noch bei 58 Prozent. Das wahrscheinlichste Szenario ist nun, dass die Zinsen im September zum ersten Mal sinken werden.
„Anleger müssen umdenken“
„Die Fed und die Anleger müssen umdenken“, betonte Joe Davis, Chefökonom des Fondsanbieters Vanguard, im US-Börsensender CNBC. „Sie müssen erkennen, dass die Zinsen für längere Zeit auf einem höheren Niveau bleiben müssen, um die Inflation in den Griff zu bekommen.“
Fed-Chef Jerome Powell hatte die jüngsten Inflationsanstiege zunächst noch als Einmaleffekte betrachtet, doch davon müsse er sich verabschieden, so Davis. Im Februar lagen die Verbraucherpreise noch 3,2 Prozent höher als im Vorjahresmonat, nach 3,1 Prozent im Januar. Ihren zwischenzeitlichen Tiefpunkt erreichte die Teuerung im Juni 2023 mit einem Wert von drei Prozent, danach lag sie stets über dieser Marke. Erklärtes Ziel der US-Notenbank Fed ist, die Inflation auf zwei Prozent zu drücken.
Ein Portfoliomanager in New York rechnet mit einer deutlichen Anpassung an den Aktienmärkten. Er geht davon aus, dass die anhaltend hohe Inflation und die ausbleibenden Zinssenkungen zu einer Korrektur an den Aktienmärkten führen könnten. Er rechnet damit, dass die Kurse um mehr als zehn Prozent im Vergleich zum jüngsten Allzeithoch einbrechen können. Die Aktienkurse waren in diesem Jahr deutlich angezogen und hatten zuletzt immer wieder Höchststände erreicht.
Kosten für Wohnen und Energie steigen deutlich
Besonders stark stiegen im März die Wohnkosten sowie der Preis für Benzin. Beides fällt bei der Berechnung der Inflation stark ins Gewicht. „Die Inflation im Dienstleistungssektor, insbesondere die Kosten für das Wohnen, verhindert einmal mehr, dass sich der Desinflationsprozess in den Vereinigten Staaten fortsetzt“, betonte Dirk Chlench, Ökonom der Landesbank Baden-Württemberg. Auch Preise für Autoversicherungen lagen deutlich höher.
Die Preise für Öl und andere Rohstoffe waren in den vergangenen Wochen ebenfalls deutlich gestiegen. Jeff Currie, Rohstoffstratege der Private-Equity-Firma Carlyle, geht davon aus, dass die Rohstoffpreise noch eine Weile steigen könnten – was die Fed zusätzlich unter Druck bringt. Eric Norland, Chefökonom der CME, geht davon aus, dass die Inflationsrate in den kommenden Monaten wieder die Marke von vier Prozent überschreiten könnte.
Der Leitzins liegt aktuell in einer Spanne von 5,25 bis 5,5 Prozent. Der nächste Zinsentscheid ist für den 1. Mai geplant.
Fed uneins über weitere Strategie
„Die Zinssenkung im Juni fällt wohl aus“, heißt es bei den Ökonomen der Commerzbank. Harvard-Ökonom Larry Summers brachte neulich auch die Möglichkeit ins Spiel, dass die Fed die Zinsen sogar wieder anheben könnte, um die Inflation in den Griff zu bekommen. Anfang des Jahres waren Investoren mehrheitlich noch von sechs bis sieben Zinssenkungen in diesem Jahr ausgegangen.
Nicht nur unter Investoren und Ökonomen ist eine Debatte über den weiteren Kurs der Fed entbrannt. Auch die Notenbanker selbst waren im Vorfeld der Inflationsdaten ungewöhnlich uneins über ihre weitere Zinsstrategie. Neel Kashkari, Chef der regionalen Fed in Minneapolis, hält auch einen Verzicht auf Zinssenkungen für den Rest des Jahres für möglich, sollte sich die Inflationsrate weiter seitwärts bewegen, erklärte er vergangene Woche.
Raphael Bostic, Chef der regionalen Notenbank in Atlanta, hält eine Zinssenkung in diesem Jahr für ausreichend, wenn die Wirtschaft weiter stark wachse. Der Zinsschritt sei dann im vierten Quartal angemessen. Bostic warnte zudem, dass die Inflation deutlich länger auf einem hohen Niveau bleiben könnte. Das Zwei-Prozent-Ziel, das die Fed anstrebt, „könnten wir erst 2026 erreichen“, sagte Bostic dem Sender CNBC.
Andere Geldpolitiker halten das für übertrieben. Mary Daly von der Fed in San Francisco geht von drei Zinsschritten in diesem Jahr aus. Fed-Chef Powell wollte sich nicht weiter festlegen. Er hatte in den vergangenen Monaten jedoch immer wieder betont, dass er eine zweite Welle der Inflation verhindern und daher die Zinsen nicht zu früh wieder lockern will.
Hohe Zinsen lösten Krise bei Regionalbanken aus
Diese unterschiedlichen Signale seien Gift für die Stimmung am Markt und erhöhten die Unsicherheit, monierte der unabhängige Kapitalmarktexperte Kumal Sri-Kumar. Die Fed hat in den vergangenen Monaten ihren Kurs immer wieder korrigieren müssen, da die Inflation stärker war als gedacht und die US-Wirtschaft robuster als viele Ökonomen angekommen haben. Arbeitsmarktdaten, die vergangenen Freitag veröffentlicht wurden, fielen ebenfalls deutlich besser aus als erwartet.
Je länger die Leitzinsen auf einem hohen Niveau bleiben, „desto größer ist auch das Rezessionsrisiko“, gab Sri-Kumar zu bedenken. Auch das müssten Anleger einpreisen. Die hohen Zinsen hatten im vergangenen Jahr bereits die Krise bei den US-Regionalbanken mit ausgelöst.
In diesem Jahr zeigten sich Anzeichen von Stress im Markt von Gewerbeimmobilien, die sich seit der Pandemie noch nicht wieder erholt haben. Daten der Ratingagentur Moody’s zeigen einen Rekord bei Büro-Leerständen im ersten Quartal. Sinkende Zinsen würden das Problem zwar nicht lösen, so Sri-Kumar. Doch sie würden Immobilienbesitzer und Unternehmen insgesamt helfen, sich zu günstigeren Konditionen zu refinanzieren.
Jamie Dimon, CEO von Amerikas größter Bank JP Morgan Chase, hatte bereits am Montag vor einer steigenden Rezessionsgefahr gewarnt. Er hält deutlich steigende Zinsen für möglich, die bei „acht Prozent und mehr“ liegen könnten, schrieb Dimon in seinem Brief an die Aktionäre. Der Wandel zu einer nachhaltigeren Wirtschaft, steigende Militärausgaben und die Umstrukturierung der Lieferketten – „wirkt alles inflationär“, so Dimon. Das hätten Investoren bislang zu wenig berücksichtigt.