Kommentar: Biontech wird zurückschalten müssen

Biontech war in den Jahren der Pandemie das Wirtschaftswunder-Unternehmen des Landes. Der Mainzer Pharmahersteller entwickelte nicht nur in rekordverdächtiger Geschwindigkeit einen wirksamen Impfstoff gegen das Coronavirus und leistete damit einen großen Beitrag zur Überwindung der Pandemie.
Das Unternehmen setzte auch Maßstäbe, was den Absatz und die Börsenentwicklung angeht. Die Aktie stieg vom Ausgabekurs 2019 bis August 2021 um weit mehr als 2000 Prozent. Das sind Entwicklungen, die man allenfalls von Unternehmen im Silicon Valley gewohnt ist. Von ihrem Allzeithoch im August 2021 ist die Aktie mittlerweile aber über 70 Prozent entfernt.
Denn auch für Biontech gilt: Wenn ein Unternehmen nur ein Produkt auf dem Markt hat und immer weniger Leute dieses Produkt haben wollen, dann hat das Unternehmen ein Problem.
So geht es Biontech, seit die Coronapandemie vorbei und der gemeinsam mit dem US-Pharmaunternehmen Pfizer entwickelte Impfstoff Comirnaty immer weniger gefragt ist.
Bis neue Medikamente von Biontech auf den Markt kommen, dauert es noch. 2026 will Biontech die erste Marktzulassung für ein Krebsmittel erreichen. Bis dahin verschlingen Forschung und Entwicklung nur Unsummen an Geld.
Immerhin: Durch den unverhofften Erfolg des Coronaimpfstoffs ist das 2008 gegründete Unternehmen in einer deutlich besseren finanziellen Situation als andere Biotech-Firmen, die bis zu ihrem ersten geplanten Medikament praktisch gar keine Umsätze erzeugen.
Dennoch steht Biontech immer stärker unter Druck: Schon im vergangenen Jahr musste das Unternehmen seinen Umsatzausblick von fünf auf vier Milliarden Euro verringern – tat dies aber erst im November.
Auch dieses Jahr scheint Biontech mit seinem Ausblick noch nicht auf dem Boden der Tatsachen angekommen zu sein: Zwischen 2,5 und 3,1 Milliarden Euro sollen 2024 umgesetzt werden. 90 Prozent davon in den letzten Monaten des Jahres.
Schaut man auf die vergangenen Jahre, scheint das unrealistisch, auch wenn die Zahlen nicht eins zu eins vergleichbar sind: 2023 machte Biontech im zweiten Halbjahr etwas mehr als 60 Prozent seines Umsatzes, 2022 waren es nicht einmal 45 Prozent.
Die Umsätze im ersten Quartal machten gut ein Drittel des Gesamtumsatzes aus – in diesem Jahr ist es mit 187,6 Millionen Euro weniger als ein Zehntel des avisierten Ausblicks. Es ist also wahrscheinlich, dass Biontech auch in diesem Jahr seinen Umsatzausblick wieder herunterschrauben muss.
Die Kandidaten in der Entwicklung sind stark und erfolgversprechend. Das sind sie auch, wenn der Coronaumsatz weiter sinkt. Biontech hat sich durch den Coronaimpfstoff eine Menge Vertrauen aufgebaut. Das sollte das Unternehmen nicht durch zu ambitionierte Ausblicke verspielen.