Falsche Schadenmeldungen: Versicherungsbetrug könnte durch KI zunehmen
Frankfurt. Die Versicherungsindustrie sieht im verstärkten Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) große Chancen, warnt aber auch vor Risiken. Einerseits helfen innovative Systeme in der Schadenbearbeitung, die Prozesse zu vereinfachen und zu beschleunigen. Andererseits besteht die Sorge, dass Kriminelle die neuen Möglichkeiten für ihre Zwecke nutzen könnten und fingierte Schadenfälle zunehmen.
Doch auch hier könnten KI-Anwendungen helfen, den Betrügern entgegenzutreten, heißt es bei der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), dem Berufsverband der Versicherungsmathematiker. „Die Technologie kann dann dafür eingesetzt werden, Versicherungsbetrug zu erkennen und einzudämmen“, sagt DAV-Vorständin Daniela Rode.
Erst kürzlich haben die deutschen Versicherer ihre Prognose für Schäden aus Betrugsfällen deutlich nach oben korrigiert. „Wir schätzen den Schaden durch Versicherungsbetrug inzwischen auf mehr als sechs Milliarden Euro pro Jahr“, sagt Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Zuvor taxierten die Versicherer den Schaden auf rund vier bis fünf Milliarden Euro jährlich.
Versicherungsbetrug mit KI: Bilder werden häufig manipuliert
Der Hauptgrund für den Anstieg sind zwar in erster Linie die höheren Schadenkosten infolge der Inflation. Laut GDV ist der Anteil der Verdachtsfälle an allen Schadenmeldungen mit etwa zehn Prozent langfristig unverändert. Er könnte aber durch Künstliche Intelligenz zunehmen. Betrug mittels KI sei eine Gefahr, auf die sich die Versicherer vorbereiten müssten, heißt es beim Branchenverband.
Etwa die Hälfte der dubiosen Schäden entfällt auf die Kraftfahrtversicherung. Täuschungsversuche kommen aber auch häufig in der Privathaftpflicht- und der Hausratversicherung vor. Mit Bildbearbeitungsprogrammen manipulieren Betrüger digitale Fotos und fügen Schäden ein, die in der Form gar nicht entstanden sind.
Dagegen gehen Versicherer ihrerseits mit KI vor. Die Allianz beispielsweise setzt KI-basierte Bild- oder Videoanalysen ein, um inkonsistente Beweise in Fotos und Videos zu erkennen. Ein Beispiel: „Bei uns wurde im Bereich Haftpflichtschaden häufig ein Foto der bei einem Fußballspiel vor einigen Jahren öffentlich zu Bruch gegangenen Brille von Jürgen Klopp eingereicht“, erklärt eine Firmensprecherin. Früher habe nur ein erfahrener Sachbearbeiter die Fälschung erkennen können. Heute übernehme das KI-System den Bildabgleich.
KI-Tools helfen Versicherern dabei, große Datenmengen abzugleichen. Stephen Voss, Mitgründer des Versicherers Neodigital, erklärt, dass sein Unternehmen unter anderem eine Anwendung nutze, die aus von den Versicherten eingereichten Dokumenten die Steueridentifikationsnummer auslese und diese mit vorliegenden IHK-Listen vergleiche. „Wenn die Daten nicht plausibel sind, meldet die KI das automatisch“, sagt Voss.
Dem GDV zufolge unterstützen KI-Lösungen die Versicherer zwar bei der Betrugsabwehr. Oft würden aber immer noch die Mitarbeiter Auffälligkeiten in Schadenfällen erkennen, die eine Software nicht entdeckt. „Wir raten bei einem Unternehmen von unserer Größe aktuell noch von einer komplett dunkel verarbeiteten Schadenregulierung ab“, sagt Voss daher.
Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt der Branchenriese Allianz, bei dem sich laut eigenen Angaben aktuell jeder fünfte aller von der KI angezeigten Fälle in Deutschland tatsächlich als Betrug erweist. Die Treffsicherheit der Mitarbeiter liegt demnach mit jedem zweiten Schaden deutlich höher. Ziel sei es, die KI-basierten Softwares so zu trainieren, dass sie in zwei bis fünf Jahren genauso hohe Trefferquoten haben wie die Mitarbeiter.