Wortspiele: Warum eigentlich haben Friseure oft die absurdesten Namen?
Düsseldorf. Marc Drießen ist grundsätzlich ein fröhlicher Mensch. Doch eine Sache kann den CEO und Mitgründer von Evolv Asset Management aus der Fassung bringen: Wortspiele von Friseuren. Er sammelt in einer Mischung aus Masochismus und heimlicher Begeisterung Bilder von Friseurläden mit Wortspielen im Namen. Genauer gesagt, er lässt sammeln.
„Vor gut drei Jahren hat das begonnen, inzwischen bekomme ich regelmäßig neue zugesandt.“ „Hairgott“, „HAAR ZWEI OOH!“, „HAIR-Reinspaziert“ sind drei der jüngeren Beispiele, die Drießens Fotoalbum auf Facebook zieren.
Drießen ist mit seinem Hobby nicht allein. Der promovierte Linguist Fabrian Bross, der ansonsten wissenschaftliche Publikationen wie „Zur Wahrnehmung des generischen Maskulinums in Erstgliedern von Komposita und maskuliner Epizöna“ verfasst, sammelt unter Kreativefriseurnamen ebenfalls Einreichungen und ist Autor des bilderlastigen Buchs „Friseurnamen from hell“.
Wie viele er inzwischen gesammelt hat, weiß er nicht: „Ich habe wirklich den Überblick verloren! Anfangs habe ich nur zufällig dann und wann einen Friseur fotografiert, wenn ich ihn gesehen habe. Dann habe ich eine Zeitlang recherchiert, bevor ich in eine andere Stadt gefahren bin, und habe intensiv gesammelt.“
Obwohl sie aus Sicht von Bross aus der Hölle stammen, erfreuen sich Sprachspiele bei Friseuren fortwährend großer Beliebtheit. Schon 2019 errechnete der „Spiegel“ aus Daten von Openstreetmap, dass rund acht Prozent der Friseure einen mehr oder minder kreativen Namen wählten. Die Suche nach einer echten Erklärung ist schwer.
Von 19 angeschriebenen Salons meldete sich auf Anfrage des Handelsblatts keiner zurück. Gut, dass es Großhändler gibt. Noah Wild ist Geschäftsführer von „Wild Beauty“ und verkauft Friseurbedarf. Der Name Wild Beauty geht eigentlich auf seinen Vater Reinhold Wild zurück, aber er passt auch auf Noah Wild. „Friseure sind Kreativ- und Herzensmenschen; sie leben und lieben schönes Haar und transportieren dies dabei gerade auch gerne über ihren Salonnamen“, sagt Noah Wild.
Sie sollten es oft lieber lassen, meint Sybille Kircher von der Agentur Nomen aus Düsseldorf, die Unternehmen bei der Namensgebung berät und für Toyota den Namen Yaris und für Bosch Ixo entwickelte. „Es sind oft Namen, die sich leicht durch den Kakao ziehen lassen“, sagt Kircher. Auch sie mutmaßt, dass die Beschäftigung in einer kreativen Branche die Betreiber von „Kamm In“ oder „Cutedrale“ dazu ermuntert, sich etwas einfallen zu lassen.
Witzig mit der Sprache – auch witzig mit der Schere?
Wenn sich Friseure nicht einfach den Namen von woanders mopsen. Bestimmte Friseur-Wortspiele sind mehrmals in Deutschland zu finden, das Alleinstellungsmerkmal gilt in der Regel nur für die eigene Stadt.
Kircher sieht allerdings ein anderes Problem: „Die Namen sind oft ein wenig klein gedacht. Wer sich mit Haaren beschäftigt und dann noch ein Sprachspiel mit dem Wort Haar oder Hair nimmt, ist eigentlich zu nah an dem Job dran.“
Im schlimmsten Fall hielten sie Menschen davon ab, die Dienstleistung im Friseursalon zu buchen. Aus Angst, dass das Nachhair mit Schere und Farbe ähnlich überambitioniert wie das Wortspiel aussehen könnte.
Assetmanager Drießen jedenfalls könnte sich nicht vorstellen, einen Herrenschnitt bei Wortakrobaten zu ordern: „Das ist für mich oft nicht wirklich witzig, und manche Namen sind mir gar unangenehm.“
Die Sorge vor einem besonders ambitionierten Schnitt bei „Hin und Hair“ oder „HerzSchnittMacher“ scheint nicht unberechtigt. „Zum Friseurhandwerk gehört immer auch der Wettbewerb um die größte, beste und ja: auch verrückteste Kreativität“, sagt Noah Wild.
Namens-Beraterin Kircher sieht in der Wahl für „Crehaartiv“ oder „Haarmonie“ auch eine versäumte Chance. „Es geht ja nicht nur um Haare, es geht ja um die Kompetenz des Haareschneidens“, sagt Kircher. Ein Wortspiel wie „cHAARisma“ stelle nicht ausreichend in den Vordergrund, was die eigene Leistung sei, „zum Beispiel besonders sicherer Umgang mit Pflegeprodukten“.
Bislang, so Kircher, sei es nicht vorgekommen, dass ein einzelner Friseurbetrieb bei ihrer Agentur um Hilfe gebeten habe. Sinnvoll könne es aber auch für kleine Betriebe sein, sich Unterstützung zu holen. Schließlich bestünde der Unternehmensname in der Regel so lange wie das Unternehmen selbst.
Kein Wortspiel, ein guter Kunde
Friseurnamensammler Drießen hegt eine Vermutung, warum es selten Bäcker oder gar Metzger sind, die Wortspiele verwenden, aber häufig Friseure: „Die Worte Haar und Hair eignen sich für klangliche Wortspiele. Ich muss dann oft lachen, aber aus einem anderen Grund, als es gedacht war.“
Wenn es ums Geschäft ginge, würde der Immobilienexperte seine private Obsession mit Friseurnamen außen vor lassen. Ein Ladenlokal würde er auch an einen Friseur mit schrillem Namen vermieten. „Ich habe da ja keine bessere Meinung zu haben, nur weil sich ein Friseur zum Beispiel ,Hair Jordan' nennen will.“
Drießens eigener Friseur unweit des Jungfernstiegs hat es jedenfalls nicht in seine Friseurnamen-Sammlung geschafft. Er nennt sich schlicht nach seinem Vornamen. Aimé. Aber vielleicht ist es auch langfristig besser, um Kunden zu sammeln.