Europawahl: Ist Brüssel ein Abstellgleis für gescheiterte Politiker?
Düsseldorf. 10.075 Euro brutto im Monat, das ist ein ansehnliches Einkommen. Vor allem, wenn der Plan lautet, in Brüssel das Berufsleben entspannt ausklingen zu lassen, weil man keine Lust mehr auf die harten Kämpfe in der Bundespolitik hat. Ist denn an diesem Vorurteil gegenüber Bewerberinnen und Bewerbern für einen Sitz im Europaparlament etwas dran?
FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff zum Beispiel kandidierte im Jahr 2000 erfolglos für den Landtag in Nordrhein-Westfalen. Anschließend machte er Karriere als Europaabgeordneter von 2004 bis 2017. Und der frühere CDU-Ministerpräsident David McAllister verlor die Wahl 2013 in Niedersachsen knapp, anschließend ging er ins Europaparlament.
Das Handelsblatt hat analysiert, ob sich diese anekdotischen Klischees tatsächlich mit Daten untermauern lassen.
Sind bei der Europawahl Kandidatinnen und Kandidaten älter als bei Bundestagswahl?
Nein, im Gegenteil.
Die Kandidatinnen und Kandidaten, die bei der Europawahl antreten, sind im Schnitt deutlich jünger als jene bei der Bundestagswahl.
Besonders groß ist die Differenz bei der SPD. Während sie bei der Bundestagswahl die durchschnittlich drittältesten Bewerberinnen und Bewerber ins Rennen schickte, sind es bei der Europawahl die jüngsten.
Das neu gegründete Bündnis Sahra Wagenknecht stellt mit einem Durchschnittsalter von 55,6 Jahren die ältesten Bewerberinnen und Bewerber auf. Was zudem auch auffällt: Bei vielen Parteien treten fast ausgeglichen Männer und Frauen an.
Das widerspricht dem Klischee von Brüssel als Endstation für seniorige, männliche Polithaudegen, wie es der Spruch „Hast du einen Opa, schick' ihn nach Europa“ insinuiert. Bei der Bundestagswahl 2021 war der Frauenanteil unter den Kandidierenden deutlich geringer als bei der diesjährigen Europawahl.
Sind Kandidatinnen und Kandidaten bei der Europawahl ebenso kompetent wie jene für die Bundestagswahl?
Tendenziell lautet die Antwort: Ja.
Zum einen ist es natürlich überhaupt die Frage, wie man Kompetenz feststellt, vor allem wenn im Datensatz neben Alter, Name und Geschlecht nur der Beruf zu finden ist. Und wer könnte beurteilen, wie politikkompetent zum Beispiel ein Krankenpfleger im Vergleich zu einer Universitätsprofessorin ist?
Da aber ein Parlament Gesetze beschließt, lässt sich die Prämisse setzen, dass Juristen und Juristinnen oder Angehörige artverwandter Berufsgruppen einen gewissen Anteil der Sitze einnehmen sollten. Und es mangelt bei der Europawahl definitiv nicht an Bewerberinnen und Bewerbern aus diesen Berufsbereichen.
Interessant ist, wie es um die anderen Berufe bestellt ist, vor allem im Vergleich zur Bundestagswahl. So zeigt sich, dass sich für die Union am 9. Juni prozentual mehr Personen aus der Gesundheitsbranche und aus sozialen Berufen zur Wahl stellen als bei der Bundestagswahl 2021. Die AfD dagegen setzt vergleichsweise verstärkt auf Kaufmänner und Kauffrauen.
Die SPD hat derweil deutlich mehr Azubis und Studierende im Feld der Kandidaten und Kandidatinnen, die Grünen setzen dieses Mal mehr auf Menschen mit abgeschlossenem Studium in den Geistes- und Wirtschaftswissenschaften.
Überraschungen in Bezug auf die Berufe finden sich bei den Parteien, die in den Umfragen eher hinten liegen. Die FDP setzt relativ stark auf Menschen, die noch in der Ausbildung sind, die Linke eher auf Personen mit Expertise in Recht und Verwaltung.
Das Bündnis Sahra Wagenknecht fällt auch hier heraus. Es ist die einzige Partei der hier verglichenen, bei der Expertinnen und Experten aus dem Bereich Jura und Verwaltung nicht dominieren. Die größte Gruppe unter den Kandidierenden sind dort Geistes- und Wirtschaftswissenschaftler.
Gibt es einen Karrierebonus bei der Europawahl?
Jein.
Wie beschrieben, sind die nun Kandidierenden nicht älter als jene, die 2021 bei der Bundestagswahl antraten. Auch deutet nichts auf mangelnde Kompetenzen hin.
Dennoch gibt es den Trend bei einigen Parteien, dass ein vorderer Listenplatz erheblich mit höherem Alter korreliert. Deutlich wird das, wenn man zum Beispiel das Durchschnittsalter der ersten zehn Listenplätze mit dem Durchschnittsalter der dahinter folgenden Listenplätze vergleicht.
Bei der SPD sind die Kandidatinnen und Kandidaten auf den ersten zehn Plätzen im Schnitt mehr als zehn Jahre älter als die auf den folgenden Plätzen. Bei Union, FDP und BSW sind es deutlich mehr als fünf Jahre. Tendenziell haben also Ältere eine höhere Chance, ins Europaparlament zu ziehen. Allerdings war das bei der Bundestagswahl 2021 nicht viel anders.
Entsprechend kann man in diesem Trend einen Alters- beziehungsweise Karrierebonus sehen. Vielleicht ist es aber auch eine logische strategische Ausrichtung, grundsätzlich sicherstellen zu wollen, dass erfahrene Kandidatinnen und Kandidaten ins Parlament kommen – in Brüssel oder Berlin.