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Paris 2024Moskaus Trostpflaster für ausgeschlossene Olympiaathleten

Um seinen Sportlern Alternativen zu großen Wettkämpfen wie den Olympischen Spielen 2024 in Paris zu bieten, organisiert Moskau Events mit russlandnahen Ländern – und folgt damit der politischen Linie.Mareike Müller 22.07.2024 - 18:45 Uhr Artikel anhören
Russische Fans verfolgen ein Fußballspiel der Nationalmannschaft der Frauen gegen Nordkorea Foto: Mareike Müller

Moskau. Das Fußballstadion Moskwitsch am Rand des Moskauer Zentrums ist gut besucht, die Stimmung ausgelassen. Doch spätestens in der zweiten Halbzeit zeichnet sich ab, dass die russische Frauen-Nationalmannschaft das gegnerische Team aus Nordkorea kaum noch einholen kann. Drei junge Männer im russischen Fanblock klatschen sogar für die Gäste – und machen sich bei ihren Landsleuten unbeliebt. Eine Frau dreht sich zu ihnen um, herrscht sie an, sie sollten die Plätze wechseln. Je näher der Abpfiff, desto größer die Anspannung einiger Besucher.

Das Freundschaftsspiel der Nationalmannschaften der russischen und nordkoreanischen Frauenteams Mitte Juli macht deutlich, wie sehr sich Russlands Sportwelt gewandelt hat: Ausgeschlossen von internationalen Wettkämpfen wie den Olympischen Spielen versucht Moskau, eine alternative Sportwelt zu etablieren. Ebenfalls international soll sie sein, sportlich natürlich anspruchsvoll. Aber kann das überhaupt gelingen – oder scheitert schon der Versuch?

Die Entwicklung verläuft parallel zu Russlands außenpolitischer Ausrichtung: Immer stärker isoliert von westlichen Staaten in Politik und Wirtschaft vertieft Moskau nun Partnerschaften mit Ländern Asiens und des Globalen Südens: Staatspräsident Wladimir Putin trifft feierlich auf Staatsoberhäupter aus Indien, China, Vietnam – und lädt die nicht-westlichen Partner direkt auch zum Sport ein.

Eröffnungsfeier der BRICS Games in Kasan Mitte Juni: Präsident Wladimir Putin begrüßt die Gäste. Foto: AP

So hat Russland in diesem Jahr den Vorsitz im BRICS-Staatenbund (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika), im Juni dieses Jahres fanden passend dazu die sogenannten BRICS Games im russischen Kasan statt. Teilnehmen durften Athletinnen und Athleten aus den Mitgliedstaaten. Erstmals fand das Event 2016 statt, Russland trug diesmal die nun sechsten Spiele aus.

Die Olympischen Spiele selbst, in Russland traditionell Garant für hohe Einschaltquoten, werden in diesem Jahr erstmals seit Jahrzehnten nicht übertragen. Das hat für die russische Führung den Vorteil, dass politische Symbole oder Proteste während einer Live-Übertragung gar nicht erst gezeigt werden können: So brach im April 2022 der Sportsender Match-TV die Übertragung des Bundesligaspiels Borussia Dortmund gegen RB Leipzig ab, weil Plakate gegen Russlands Krieg gegen die Ukraine im Stadion zu sehen waren.

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Das Kalkül dahinter reicht aber weit tiefer, ist der Professor für Sportpolitik Jürgen Mittag überzeugt: „Sport stellt für Russland ein wichtiges Vehikel dar, um den Zusammenhalt in der Bevölkerung zu stärken. Und wenn das ausfällt, weil man bei vielen Sachen nicht mehr mitmachen darf, muss dieses Vakuum neu gefüllt werden“, erklärt er.

Nach innen und außen die Stimmung hochhalten

Mittag ist Politikwissenschaftler und Historiker, er forscht an der Deutschen Sporthochschule Köln im Bereich Sportpolitik. „Deshalb reagiert Putin mit der Intensivierung von innerrussischen Wettkämpfen, aber auch mit einer Art internationaler Gegenbewegung“, erklärt er.

Der Sport diene dem Regime einerseits, um nach außen „Stärke und Legitimität des Staates“ zu betonen, so Mittag. Noch wichtiger sei aber die „Innenwirkung“, mit der dieses Narrativ an die eigene Bevölkerung herangetragen werde, so Mittag. Mit den Olympischen Winterspielen 2014 und der Fußball-WM 2018 konnte Putin zwei Großereignisse bereits gezielt nutzen, um den Rückhalt zu stärken. Der Sport sei „in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft ein Vehikel, das die Menschen zusammenbringt“. Das wisse Putin für sich zu nutzen.

Beim Fußballspiel gegen Nordkorea zeigt sich das unter anderem in Form von nationalistischen Gesängen, die eine Gruppe männlicher Fans im Stadion grölt. „Nur Russen und nur der Sieg“, lautet eine ihrer Parolen frei übersetzt. Dabei nutzen sie einen Begriff, der eine ethnische Gruppe beschreibt und nicht die Staatsbürgerschaft. „Alsu ist Tatarin, das macht überhaupt keinen Sinn“, sagt eine junge Zuschauerin genervt zu ihrer Begleitung. Alsu Abdullina, die zuletzt für Chelsea spielte, ist eine der beliebtesten Spielerinnen im russischen Team.

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Der Sport und die Unterstützung dafür folgen dementsprechend nicht nur außenpolitischen, sondern auch innenpolitischen Entwicklungen, beobachtet Mittag: „Als zum Beispiel 2018 die Präsidentschaftswahl anstand, haben die Vorbereitungen auf die WM mit Sicherheit auch dazu gedient, die eigene Legitimation zu stärken.“

Experte: Sportlich keine echte Alternative

Die Athleten, die nicht an Olympia teilnehmen werden, weil das Internationale Olympische Komitee (IOC) sie nicht zugelassen hat oder sie nicht bereit sind, unter neutraler Flagge zu starten, entschädigt der russische Staat finanziell – möglicherweise als Anreiz, die Option des IOC gar nicht erst zu erwägen.

Die 15 Einzelsportler, die dennoch starten wollen – darunter der Tennisspieler und US-Open-Sieger von 2021, Daniil Medwedew –, werden in Russland daher als „Verräter“, „Truppe von Obdachlosen“ oder „ausländische Agenten“ beschimpft, teilweise auch von offizieller Seite. Kritik an ihrer Teilnahme kommt aber auch von westlichen Nichtregierungsorganisationen und aus der Ukraine. Dennoch dürften für sie die von Russland ausgerichteten Großereignisse kaum eine Alternative zu den Olympischen Spielen darstellen.

Dass Russlands sportpolitische Pläne nicht so einfach umzusetzen sind, zeigt ein weiteres geplantes Großereignis, das kurzerhand verschoben wurde: Die sogenannten Welt-Freundschafts-Spiele („World Friendship Games“) hätten in Russland im September stattfinden sollen, nur kurz nach den Olympischen Spielen in Paris. Wie auch die BRICS-Spiele sind diese keine eigene Erfindung Moskaus, sondern eine Neuauflage eines Turniers, das 1984 von verschiedenen sozialistischen Staaten als Boykottveranstaltung gegen die Olympischen Spiele in Los Angeles initiiert wurde. Anfang des Monats verlegte Russland das Revival aber kurzerhand ins kommende Jahr, um unter anderem eine möglichst große Zahl von Athleten dafür zu gewinnen.

Daniil Medwedew beim Halbfinale in Wimbledon: Der russische Tennisspieler will an den Olympischen Spielen in Paris teilnehmen und wird in Russland dafür stark kritisiert. Foto: Jordan Pettitt/PA Wire/dpa

Bei den Friendship Games handelt es sich laut Mittag im Vergleich zu den BRICS-Spielen um „ein wirklich aufwendiges Großereignis“, an dem bis zu 5000 Sportlerinnen und Sportler teilnehmen könnten –  das würde in etwa der Hälfte der Teilnehmerzahl bei Olympia entsprechen. Darin erkennt der Wissenschaftler „den Anspruch, eine Art Konkurrenz- oder Alternativprojekt auf die Beine zu stellen“.

Die erfolgreiche Umsetzung werde aber schwierig: „Angesichts der Traditionslinien und der Ausmaße von Olympischen Spielen wird es aber wohl nicht gelingen, ein zweites Olympia auf die Beine zu stellen.“

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Spätestens mit dem dritten Tor für Nordkorea ist das Spiel im Moskauer Stadion entschieden, so deutlich sind die Spielerinnen ihren russischen Gegnerinnen überlegen. Die Möglichkeit für eine Revanche für das 0:3 stand da schon fest: Drei Tage später traten die beiden Mannschaften noch einmal gegeneinander an – und gingen 0:0 auseinander.

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