Solaranlagen: Chinas Solarindustrie schreibt Milliardenverluste
Peking. Chinas Solarkonzerne leiden unter dem ruinösen Preiskampf auf dem Markt für erneuerbare Energien und reagieren mit einer Reihe von Gewinnwarnungen. Longi Green Energy, bis vor Kurzem noch Weltmarktführer, prognostiziert für die ersten sechs Monate einen Verlust von umgerechnet bis zu 700 Millionen Euro. Zuvor hatte bereits der Photovoltaikhersteller Tongwei vor einem Halbjahresverlust von bis zu 400 Millionen Euro gewarnt. In China stehen mittlerweile die größten Solarkonzerne der Welt, die sich einen harten Wettbewerb liefern.
Obwohl das Land mehr Solaranlagen installiert als jedes andere Land der Welt, übersteigt die produzierte Menge die weltweite Nachfrage um ein Vielfaches. Die Folge dieser Überproduktion ist ein massiver Preiskampf. So haben sich die Preise für Solarmodule chinesischer Hersteller im vergangenen Jahr nahezu halbiert. Die nun veröffentlichten Zahlen zeigen, dass selbst führende Unternehmen auf dem aktuellen Preisniveau Geld verlieren. Die Staatsführung versucht, mit neuen Regulierungsmaßnahmen gegenzusteuern.
Bereits seit Längerem fordern führende Branchenvertreter staatliche Eingriffe, um den Unterbietungswettbewerb zu stoppen. Die Regierung will nun Kredite für den Bau und Ausbau von Fabriken verteuern. Das geht aus einem am Dienstag veröffentlichten Verordnungsentwurf der chinesischen Behörden hervor. Zudem sollen die Qualitätsanforderungen steigen und die Unternehmen aufgefordert werden, stärker in Innovationen zu investieren. Experten gehen davon aus, dass diese Regeln vor allem größeren Unternehmen helfen dürften, die stärker auf Qualität und innovative Produkte setzen.
Solarbranche fordert Absatzförderung
„Wir brauchen nicht nur technologische Innovationen, sondern auch politische Innovation“, betonte Dany Qian, Vizepräsidentin des größten Solarpanelherstellers Trina Solar auf dem Weltwirtschaftsforum in Dalian Ende Juni. Statt den Ausbau der Produktionskapazitäten zu fördern, sollte der Fokus künftig mehr darauf gerichtet werden, die Nachfrage zu steigern. Die Managerin schlug etwa vor, Industrieunternehmen billige Kredite anzubieten, wenn sie Solaranlagen auf ihren Dächern installieren.
Longi-Chef Zhong Baoshen hat wiederholt davor gewarnt, dass infolge des harten Preiswettbewerbs die Qualität leiden könnte. Einige Unternehmen hätten begonnen, „die Qualität zu opfern, um die Kosten zu senken, was ein gefährliches Signal ist“, kritisierte er bereits im März.
Ein Grund, warum es chinesischen Unternehmen gelungen ist, den Preis für Solarzellen in den vergangenen Jahren immer weiter zu senken, sind technologische Innovationen, die es möglich machen, immer dünnere Wafer zu produzieren. Dadurch wird weniger Rohmaterial benötigt, wodurch die Kosten sinken. Der hohe Preisdruck verleite einige jedoch dazu, zu stark am Material zu sparen, ohne Tests über mögliche Folgen durchzuführen, so Zhong. Dadurch entstehe ein Risiko.
Überangebot führt zu Verlusten
Longi muss nach vorläufigen Schätzungen im ersten Halbjahr einen Nettoverlust von umgerechnet 610 bis 700 Millionen Euro verbuchen. Das geht aus einer Börsenmitteilung des Unternehmens hervor. Die Finanznachrichtenagentur Bloomberg hatte zuerst darüber berichtet.
Als Grund nennt der Konzern das „Ungleichgewicht“ zwischen Angebot und Nachfrage, das zu einem starken Preisverfall geführt habe. Trotz gestiegener Verkaufszahlen hätte das Unternehmen deshalb weniger eingenommen. Im März hatte Longi bereits angekündigt, rund fünf Prozent seiner Belegschaft in China abzubauen.
Im ersten Halbjahr 2023 hatte Longi noch einen Gewinn von rund 1,2 Milliarden Euro geschrieben. Konkurrent Tongwei prognostiziert für die ersten sechs Monate einen Verlust von bis zu 416 Millionen Euro. Longi-Chef Zhong erwartet keine schnelle Erholung der Branche aufgrund der hohen Überkapazitäten im Markt. 2024 werde ein „sehr hartes Jahr“ für die Branche, zitiert ihn Bloomberg.
„Wir zerstören uns in einem blutigen Wettbewerb gegenseitig“, hatte Zhu Gongshan, Chef des Polysiliziumherstellers GCL, Mitte Juni gewarnt. Die Branche brauche „einen Konsens über vernünftige Profitmargen“. Da die chinesischen Solarkonzerne auf dem Heimatmarkt kein Geld mehr verdienen, drängen sie zunehmend auf die Weltmärkte. Das verschärft den Handelskonflikt mit dem Westen und nährt dort die Sorge, dass die billigen chinesischen Produkte heimische Hersteller aus dem Markt drängen. So haben die USA bereits im Mai die Strafzölle auf Solarzellen aus China von 25 auf 50 Prozent erhöht.
Chinas Solarkonzerne sind, auch dank staatlicher Förderung, jahrelang stark gewachsen. Die Industrie zählt zu den sogenannten „neuen Drei“. Diese Zukunftsbranchen, zu denen auch Batterietechnik und E-Mobilität gehören, sollen nach dem Willen der Staatsführung zu den künftigen Wachstumstreibern der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt werden.
Erstpublikation: 10.07.2024, 12:47 Uhr.