HRI-Konjunkturausblick: Eine Wirtschaftsbelebung ist weit und breit nicht in Sicht
Düsseldorf. Die deutsche Wirtschaft dürfte im zu Ende gegangenen zweiten Quartal allenfalls geringfügig gewachsen sein. Vom Finanzdatendienstleister Bloomberg befragte Ökonomen erwarten im Mittel ein Plus von 0,1 Prozent. Damit wäre der Konjunktureinbruch vom Winter gerade einmal ausgeglichen; das Bruttoinlandsprodukt läge auf Vorjahresniveau. Von Wachstum fehlt bislang also jede Spur.
Äußerungen über eine mögliche wirtschaftliche Belebung in der zweiten Jahreshälfte gibt es zwar viele. Doch basieren sie vor allem auf dem Prinzip Hoffnung. So schrieben die Experten von Wirtschaftsminister Robert Habeck in einer Mitteilung, mit der Einigung auf einen Bundeshaushalt 2025 und eine „umfassende Wachstumsinitiative“ habe die Regierung die Grundlage „für eine verlässliche, investitions- und wachstumsorientierte Finanz- und Wirtschaftspolitik“ gelegt. „Dies dürfte das Vertrauen in den Unternehmen wie auch der Verbraucherinnen und Verbraucher stärken und die Perspektiven für eine wirtschaftliche Belebung in der zweiten Jahreshälfte verbessern.“
Die verunsicherten Verbraucher sparen mehr
Womöglich machen die Regierungsvolkswirte ihre Rechnung aber ohne den Wirt – die Verbraucher. Der private Konsum steuert rund die Hälfte zur Wirtschaftsleistung bei, entsprechend hoch ist der Einfluss auf das Wachstum. Laut amtlichen Daten war der reale Konsum im ersten Quartal 2024 auf dem Niveau von Anfang 2018.
Ein Grund für nunmehr sechs Jahre ohne Konsumplus liegt offenbar in der Verunsicherung vieler Verbraucher infolge der zahlreichen Krisen – sie legen deshalb mehr Geld auf die hohe Kante.
So betrug die Sparquote im ersten Quartal 14,9 Prozent und damit 1,5 Prozentpunkte mehr als im Vorjahresquartal. Im Gesamtjahr 2023 hatte die Quote 11,3 Prozent betragen und damit einen Punkt über dem Mittel der 2010er-Jahre gelegen.
Wer kann, baut Rücklagen auf – sei es aus Sorge vor Arbeitslosigkeit, vor Inflation oder vor steigenden Heiz- und Energiekosten. Steht ein Umzug an, drohen oftmals kräftige Mieterhöhungen, und wer eine Wohnimmobilie besitzt, wird früher oder später um hohe Investitionen für eine energetische Sanierung kaum herumkommen.
Ein zweiter Grund sind die enormen Kaufkraftverluste. Heute ist das allgemeine Preisniveau rund 20 Prozent höher als vor dem Pandemieausbruch Anfang 2020. Für die meisten Beschäftigten folgte die Lohnentwicklung den Preissprüngen nicht, sodass die Realeinkommen drei Jahre in Folge sanken. Im vergangenen Jahr waren die Reallöhne so hoch wie 2015. Im ersten Quartal 2024 zogen die Reallöhne zwar an, waren aber dennoch niedriger als im Auftaktquartal des Jahres 2018.
Überdies basierte der Anstieg zum Jahresauftakt nach amtlichen Angaben maßgeblich auf von Arbeitgebern gezahlten „Inflationsprämien“. Diese steuerfreien Einmalzahlungen erhöhen zwar das aktuelle Einkommen, sind aber nicht dauerhaft wirksam. Sie werden also nicht zu einer anhaltenden Stabilisierung des privaten Konsums beitragen.
Umfragebasierte Frühindikatoren für den privaten Konsum wie etwa das HDE-Konsumbarometer signalisieren zwar im Trend seit zwei Jahren einen Anstieg der Konsumneigung. Dies dürfte allerdings teilweise darauf zurückzuführen sein, dass die befragten Verbraucher meist nicht in realen, sondern in nominalen Größen denken.
Überdies fasst die amtliche Statistik den Begriff „privater Konsum“ sehr weit. Er schließt nicht nur Einzelhandelsumsätze und Dienstleistungen für Private ein, sondern auch Mieten, Ausgaben für Risikoversicherungen und Gesundheitsleistungen und somit nahezu alle Ausgaben der privaten Haushalte.
Geben Verbraucher heute etwa weniger Geld für Haushaltsenergie aus als vor einem Jahr und dafür mehr Geld für Restaurantbesuche, so empfinden dies die Befragten womöglich als Konsumzuwachs, obwohl dies im Sinne der Statistik tatsächlich nicht der Fall ist.
Die Frühindikatoren fallen schon wieder
Kurzum: Eine nachhaltige Erholung des privaten Konsums im zweiten Halbjahr ist keineswegs ausgemacht. Im Gegenteil, das Handelsblatt Research Institute erwartet im Gesamtjahr 2024 einen weiteren leichten Rückgang im Vergleich zum Vorjahr. Schließlich sieht es für die Gesamtwirtschaft derzeit nicht nach Aufschwung aus.
Das Ifo-Geschäftsklima stoppte seinen Anstieg vom Frühjahr und fiel zwei Monate in Folge auf nunmehr 88,6 Punkte. Es notiert damit auf exakt dem gleichen Wert wie im Vorjahresmonat. Die Einkaufsmanager-Indices für Deutschland erhielten im Juni einen unerwarteten Dämpfer und die ZEW-Konjunkturerwartungen verschlechtern sich zum ersten Mal seit Juli 2023 wieder.
Überdies müssen ungewöhnlich viele Unternehmen Insolvenz anmelden. Zwar sank nach jüngstem IWH-Insolvenztrend die Zahl der Firmenpleiten im Juni leicht gegenüber dem Vormonat Mai. Allerdings liegt der aktuelle Wert elf Prozent höher als im Juni vorigen Jahres und 24 Prozent über dem Juni-Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019, also vor der Pandemie. Insolvenzen sind oft mit hohen Einkommensverlusten bei den Unternehmern und ihren Beschäftigten verbunden.
Mittlerweile haben es arbeitslos gewordene Beschäftigte deutlich schwerer, einen neuen Job zu finden, denn die Arbeitslosigkeit steigt stetig. Für Juni meldete die Bundesagentur für Arbeit gut 2,7 Millionen Arbeitslose. Das waren 172.000 mehr als vor einem Jahr und gut eine halbe Million mehr als im Frühsommer 2019.
„Die Schwäche am Arbeitsmarkt hält weiter an“, sagte BA-Chefin Andrea Nahles bei der Vorstellung der monatlichen Arbeitsmarktdaten. „Die Unternehmen sind weiter zurückhaltend bei der Suche nach neuem Personal.“
Vorboten einer vom Bundeswirtschaftsministerium ausgemachten „wirtschaftlichen Belebung“ sähen vermutlich anders aus. Vielmehr droht der Frühjahrsmüdigkeit eine ausgeprägte Sommerflaute zu folgen.
Erstpublikation: 19.07.2024, 17:53 Uhr.